Spex Februar 1987, p.58-60

DER GLAUBE AN WISSENSCHAFT, FORSCHUNG UND DEN ENDGÜLTIGEN TOD

David Cronenberg

 Man muß sich David A. Cronenberg ungefähr so vorstellen: ziemlich hager, ein leicht graues Gesicht, braune Hornbrille, etwas längere Haare, also im Prinzip so ähnlich wie Woody Allen (nur nicht so karikaturesk), den er auch sonst sehr schätzt, weil er mit ihm ("als einer der wenigen Amerikaner") die Vorliebe für  intellektuelle Helden und Hauptfiguren teilt. Nur macht Cronenberg keine humorigen, jüdischen 70erJahre-Aufarbeitungsfilme, sondern dokumentiert seit bereits zwanzig Jahren den Kampf um den Verstand und das Gehirn Amerikas (zwar kann man das auch gleich auf den gesamten Westen beziehen, aber die  typische, eigenartig verwaschene Architektur seiner Wohngegenden z.B. ist  nicht gerade europäisch, allerdings auch nicht sehr wohnlich, aber immer top- modern, auf dem jeweils aktuellen Stand des Architekturgeschmacks). 

Man weiß jetzt also bereits, daß Cronenbergs Helden Intellektuelle sind. Der Grund: Intellektuelle sind interessanter, und man hat auf die Dauer mehr  Spaß mit ihnen. Cronenberg: "Ich sehe gern Filme wie ,Raging Bull', wo der Held unfähig ist, sich richtig zu artikulieren; aber die meisten amerikanischen  Schauspieler spezialisieren sich jetzt sogar auf solche Typen, das fing schon mit James Dean an. Ich finde es aber viel besser, wenn sich der Hauptcharakter, im Gegenteil, sehr gut ausdrücken kann, denn der verbale Teil in meinen Filmen ist  enorm wichtig, viel wichtiger als die ganzen Effekte, der Schleim oder sonstwas.  Alle meine Helden führen große Worte im Mund oder sind Wissenschaftler, die  sich ständig im Fachjargon unterhalten.« Wie man sich denken kann, ist Cronenberg selbst seinen Helden sehr ähnlich, vor allem denen aus seinen neueren Filmen: Wie er sind es ruhige, nachdenkliche, in der Tat gut sprechende Typen, keinerlei Neigung zu Cholerik, aber aus irgendeinem kühl erklärbaren Grund, nicht im geringsten okkult oder unheimlich, haben sie Schwierigkeiten mit ihrem Gehirn, ihrem Körper oder beispielsweise der Balance zwischen beiden.  Das führt in den totalen Horror (allen Ernstes!) und endet selten glücklich (Ausnahme: "Scanners", wo die guten Telepathen die bösen besiegen). 

Er ist gekommen, um sich über seinen neuesten Film, "Die Fliege", zu unterhalten. "Die Fliege" ist eine Art Remake eines B-Horrorklassikers von 1956, war  in Amerika bereits ein Riesenerfolg, interessanterweise produziert von Mel Brooks. Und Cronenberg hat ihn nur gedreht, »weil ich beim Umschreiben des Drehbuchs alles verändern konnte. Denn meine Filme sollen sich nicht auf andere Filme beziehen wie z.B. die von John Carpenter (der übrigens eine der Nebenfiguren in "Die Klapperschlange" Cronenberg nannte und eine andere Romero), oder noch schlimmer, wie diese ganzen Horrorfilme von heute, die nur noch Parodien sind, wie "American Werewolf.« 

"Die Fliege" ist dennoch sein bisher klassischster Horrorfilm, wohingegen sein bester, "Videodrome", der klassischste Cronenberg ist: so viele Ideen,wie ein  Film verkraften kann, zusammentragen und mit Hängen und Würgen versuchen, sie alle bis ans Ende des Films durchzubringen. In "Videodrome" ist die Erfolgsquote so hoch, daß man die auf der Strecke gebliebenen verzeihen kann. Dieser Film hat mindestens vier Handlungen (eine Art Detektivgeschichte, ein Weltherrschaftsdrama, ein Diskurs zur Medienpolitik, ein Sado-Maso-Thriller, usw.), während ungefähr zwei Dritteln der Zeit weiß der Film nicht, ob er sich als Halluzinationen oder als Realität ausgeben will, dazwischen jede Menge guter Witze (darauf besteht Cronenberg in all seinen Filmen, außer in "Dead Zone", den auch er überhaupt nicht komisch findet) und Unglaublichkeiten (menschliche Videorecorder, vaginale TV-Geräte). Max Renn (James Woods) ist Besitzer und Programmdirektor eines Kabelsenders in einem Toronto der nahen Zukunft, der auf Softporno und Gewaltvideos spezialisiert ist. Er entdeckt ein Programm namens "Videodrome" (»Das neue Ding: nur Folter und Mord. Keine Handlung. Keine Charaktere. Sehr realistisch, das Ganze.«), die geheimen, Gehirntumore verursachenden Strahlen, die das Fernsehbild transportiert, entdeckt er nicht. Der Tumor verursacht Renns Halluzinationen, man selbst verliert auch öfters den Faden, denkt aber: klasse, daß das nichts mit Drogen zu tun hat! Sein neuer Film jedenfalls ist im Aufbau ziemlich ordentlich: Jeff Goldblum als Mad scientist Seth Brundle, der, im Umgang mit Liebe und Gefühlen noch unerfahren, aus hilfloser Eifersucht und trunkener Verlorenheit den Selbstversuch mit seinem Materietransmitter wagt, die versehentlich und relativ undramatisch in seinen Apparat verirrte Stubenfliege übersieht und so nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen zu Brundlefly wird. Dafür ist der Film recht drastisch und spektakulär, was die Effekte angeht, was ja leider allgemein für das Interessanteste an seinen Filmen gehalten wird. Trotzdem: schon irre. Eine Freundin von mir, Medizinstudentin, hat mir später noch mal alles erklärt: das theoretische Prinzip der Genverschmelzung, wie es hier praktiziert wird, ist plausibel, die schrittweise Verwandlung, durch Zellteilung erst möglich, ginge gar nicht anders, deshalb auch selbstverständlich die Umstellung von Brundles Gehirnstruktur und Verdauungsmechanismus auf Fliegennahrung (Kekse). Im Film ist das absolut haarsträubend, fast so widerwärtig wie der Alptraum Brundles Freundin (Zeitgeistjournalistin), die schwanger vom Monster, von der Entbindung träumt (Cronenbergs Auftritt als Arzt, mit Mundschutz: »Ja, jetzt kommt es. Aber . . . aber . . . da ist noch viel mehr drin . . . mein Gott) und dabei eine zappelnde Riesenlarve in die Welt setzt. Die große Frage am Ende des Films wird sie das Kind etwa bekommen? - beantwortet Cronenberg gewohnt unsentimental mit einem entschiedenen Nein. » Keine Frau der Welt würde nach so einem Alptraum noch tatsächlich an eine Geburt denken. Fox plant seine Fortsetzung, wo sie dann entbinden soll, aber ich mache da nicht mit.« 

"Die Fliege" ist Cronenbergs weitester Ausllug in die Gebiete der Romantik und der Liebe, die nur stirbt; weil einer der Liebenden so schnell altert (so nennt er das, man stelle sich vor!), aber er geht noch weiter: Cronenberg erklärt in der "Fliege" allgemeinverständlich seine Philosophie, und warum Philosophie für ihn alles ist, und warum man als Horrorfilmer genötigt ist, eine philosophische Haltung einzunehmen.  

"Ich mache Horrorfilme sogar nur deshalb, weil das das philosophischte Filmgenre überhaupt ist. Horrorfilme habem immer mit dem Tod zu tun, man nimmt automatisch Stellung zu all diesen existenzialistischen Fragen. Das habe ich von Kubrick gelernt. Als der ,Shining' drehte, meinte er zu Stephen King: 'Im Grunde ist das ja eine sehr optimistische Geschichte. Sie setzt ein Leben nach dem Tod voraus. Es gibt Gespenster, Geiser von toten Menschen, also gibt es ein Leben nach dem Tod.' So gesehen ist jede Gespenstergeschichte optimistisch, und aus genau diesem Grund gibt es in keinem meiner Filme irgendeine Art Geist, weil  ich nicht an ein Leben nach dem Tode glaube. Ich glaube an Liebe, Leidenschaft, an Wissenschaft und Forschung und an den endgültigen Tod." Keine okkulten Mysterien, keine muffigen schwarzen Mächte, kein Horror für Gruftis, sondern geradezu unspannende Berichte von der biochemischen Front. Das ist großartig.  

Cronenberg kommt ursprünglich aus der Schule der langen, obskuren Unterground- und Kunstfilme. Seinen ersten drehte er als 23jähriger (jetzt:43) auf der Universität von Toronto, surrealistischen Kram (jetzt nennt er das "Super-Realismus") mit Leuten, die mitten im Winter auf einen weiten Feld an einem  großen Tisch sitzen und ein Festessen abhalten ("Transfer") oder die "From The Drain"-Story, in der sich zwei Männer, komplett bekleidet, zufällig in einer vollen . Badewanne treffen. Schließlich bricht zu der eine das Eis ("Kommen Sie öfters hierher?"), und zufälligerweise sind beide Veteranen eines zukünftigen Krieges einer ein Agent, der andere Wissenschaftler von plötzlich auftauchendem grünen Schleim erwürgt, während sich der Agent Notizen macht. Cronenberg selbst meint über die Filme, daß sie amüsanter zu erzählen als anzusehen sind". So machte Cronenberg auf sich aufmerksam, drehte sodann den "Scanners"-Prototypen "Stereo" und begann seine Welt aus pseudowissenschaftlichen Instituten und medizinischen Spätfolgen mit bösartigen Dermatologen, Sexualforschern und kranken Moralisten auszustatten. Tatsächlich betrachtet man ihn heute als den Autorenfilmer unter den Horrorspezialisten (neben de Palma). Sofort erkennt man alles wieder, die persönlichen Alpträume Cronenbergs werden vertraut. "Als Regisseur muß man den Zuschauer in Vorstellungsgebiete führen, in die sie aus eigener Kraft nicht gelangen können, aber wollen. Ich zeige nur Dinge, vor denen ich selbst Angst habe, nicht wie diese "Freitag der 13."-Zyniker, denen alles schnuppe ist."

Sein anderes Lieblingsthema: Zensur und seine Vorstellung von guter Politik: "Ich kämpfe in Kanada seit Jahren gegen die Zensur. Ich kenne Zensoren. Das sind Leute, die keine Macht haben sollten, denn sie wollen nur eins: alles kontrollieren. Das ist auch der Grund, weshalb mir die meisten Regierungen und Staatssysteme so suspekt sind, denn es liegt in der Natur einer Regierung, daß sie die Dinge kontrollieren will. In Kanada hat die Zensur sogar völlig unglaubliche moralische Gründe, dort ist Pornographie generell verboten. In den USA funktioniert die Zensur nur wirtschaftlich. Ich sollte in den USA eine Fernsehserie für einen Pay-TV-Kanal machen. Sie meinten, ich solle alles so machen, wie es mir paßt, und schließlich war es ihnen doch zu weird. Sie hatten einfach Angst um ihre Zuschauerzahlen. Ich aber weigere mich, meine Filme in irgendeiner Weise zensieren zu lassen; nicht gegen Altersbeschränkungen; aber wenn in einem meiner Filme wenig Blut fließt, wie in "Dead Zone", dann hat das künstlerische Gründe. Ich muß den Schleim und den Ekel nämlcih nicht zeigen. Das sind künstlerische Entscheidungen. Fragen der Balance und der Gewichtung."

Sein nächstes Projekt, zusammen mit Dino De Laurentiis, basiert zum erstenmal auf einer wahren Begebenheit. Es geht um ein New Yorker Zwillingspaar, beide Gynäkologen, beide Spitzenkräfte auf ihrem Fachgebiet, den Fruchtbarkeitsfragen. "Eines Tages wurden sie beide tot in ihrem Appartment aufgefunden. Es war 1976, und der Pressewirbel war enorm. Eine unglaublich tragische Geschichte."

Und er sagt über seinen Erfolg: "Ich bin mir immer völlig sicher, daß mein Film ein Riesenerfolg wird, und ich bin jedesmal überrascht, wenn er dann doch versagt. Und wenn er erfolgreich ist, denke ich ganz ruhig, schulterzuckend: 'Ja, klar, völlig normal. Oder?"

Hans Nieswandt