Cinema Nr. 5 / 1992, (Heft 168), p.18-22

David Cronenbergs magischer Trip ins Reich des Drogenwahns

Naked Lunch

Wahn oder Realität? Schreibmaschinen verwandeln sich in käferähnliche Wesen, die aus anusartigen Körperöffnungen sprechen und den Schriftsteller zum Diktat bitten. In einem schäbigen Hinterzimmer spritzt sich eine Frau Insektengift in die Adern und sagt, sie sei high wie eine Kakerlake. Menschen verwandeln sich in reptilienartige Monster, überall wimmelt es von Tausendfüßlern und anderem krabbelnden Getier. In einem Land namens Interzone, das dem Tanger der fünfziger Jahre ähnelt, schreibt ein Autor im Trance ein Buch, von dem er nichts weiß, aber das schon einen Namen hat: "Naked Lunch".

David Cronenberg ("Die Fliege") war nie ein Regisseur gewöhnlicher Kinoschocker. Er spezialisierte sich auf psycho-organischen Horror, in dem Mensch und Maschine unheilvolle Metamorphosen eingehen, entwarf grauenhafte Alpträume über die zerstörerischen Folgen eines bedingungslosen technologischen Fortschrittsglaubens: "Scanners" (1981) war neben seiner eindeutigen Horrorausrichtung eine kritische Reflexion moderner Medizin und Pharmazeutik. "Videodrome" (1983) war ein knallharter Thriller über den möglichen Mißbrauch des Massenmediums Fernsehen. Sein letztes Werk "Die Unzertrennlichen" (1988) markierte eine inhaltliche Umorientierung: Das morbide Gynäkologen-Drama spekulierte zwar immer noch mit Versatzstücken des Horror-Genres, aber das Grauen blieb so erschreckend dicht an der Realität, wie nie zuvor in einem Cronenberg-Film - unter seinem Seziermesser wird die menschliche Psyche als der schrecklichste aller Dämonen freigelegt. Qualvolle Seelenchirurgie betreibt er nun auch in seinem neuen Film "Naked Lunch": Der Horror findet im Hirn statt.

 

In Cronenbergs Alptraum-Universum sind die Gesetze der Vernunft außer Kraft gesetzt, die irrationale Anti-Welt des filmischen Drogentrips gebiert ekligen Schauer ebenso wie hintergründigen Humor. Literarische Vorlage ist ein Buch, das eigentlich als unverfilmbar galt: "Naked Lunch", die assoziativ-kunstvolle Drogenmeditation von William S. Burroughs.

Im New York des Jahres 1953 fristet der Kammerjäger Bill Lee (Peter Weller) mit seiner Frau Joan (Judy Davis) eine armselige Existenz. Nacheinander werden sie süchtig nach dem Pulver aus Bills Insektenbekämpfungstornister (das Insektengift steht im Film als Metapher für Heroin, von dem Burroughs abhängig war). Unter dem Einfluß der Droge erscheint ihm ein gigantischer sprechender Käfer, der sich als sein Spionagechef ausgibt. Die Insektenmutation beauftragt ihn mit der Ermordung seiner Frau Joan, die angeblich einem feindlichen Spionagering angehört. Eher beiläufig setzt er den Befehl in die Tat um. "Es ist Zeit für die Wilhelm-Tell-Routine", sagt er zu seiner Frau, sie stellt sich ein Glas auf den Kopf, er schießt und trifft sie mitten in die Stirn 8auf die gleiche Weise tötete der reale Burroughs seine Ehefrau Joan Vollmer).

Die restlichen zwei Drittel des Films spielen in Interzone, einem geographisch nicht existierenden Ort, in den sich Bill im Drogenwahn hineinfantasiert. Hier leben Schwule, Bisexuelle und sogenannte "Mugwumps", bedrohliche Boten aus Bills schizoidem Unterbewußtsein. Die skurrilen Kreaturen sind fleischgewordene Sinnbilder von Bills uneingestandener Homosexualität. So haben einige der Mugwumps phallusähnliche Auswüchse am Kopf, aus denen eine spermaähnliche Flüssigkeit tropft. Und überall locken die Araberjungen...

In "höherem"Auftrag beginnt Bill mit der Niederschrift seines Protokolls über Joans Ermordung. Wie besessen (oder programmiert) hämmert er auf seine Schreibmaschine ein, die fortwährend ihre Gestalt verändert: Mal ist sie ein sprechendes Insekt mit Tastatur zwischen den Greifzangen, mal ein abgetrennter Mugwump-Kopf mit glühenden Leuchtaugen. Weil es in Interzone von Verschwörern wimmelt, muß Bill seine Identität geheimhalten. "Homosexualität ist die beste Tarnung, die es in Interzone für eine Geheimagenten gibt", rät ihm der Insektomat.

Im Delirium einer weiteren Droge steigert sich Bill in immer diffusere Bewußtseinszustände. Er trifft seine Frau, die Joan zum Verwechseln ähnlich sieht. Er bekommt Besuche von seinen Freunden Martin und Hank (gemeint sind Burroughs befreundete Dichterkollegen Allan Ginsberg und Jack Kerouc), die ihn auffordern "sein Buch zu vollenden" - Bill kann sich nicht erinnern, je mit dem Schreiben eines Buchs begonnen zu haben. Ist er der Autor oder sind es die Drogen?

Cronenbergs "Naked Lunch" ist keine lineare Verfilmung des Romans, sonder eine visionäre Beschreibung über dessen Entstehungsprozeß. Der Film versteht sich als Hommage für das erzählerische Schaffen des William Burroughs, der Cronenberg mehr als alle anderen Autoren beeinflußte. Dennoch ist "Naked Lunch" weit entfernt von einer bloßen Glorifizierung eines großen Idols. Im wesentlichen geht es um die Obsession des Künstlers, der zum Gefangenen seiner selbstgeschaffenen Traumwelt wird, die ihm zur täglichen Verdrängung des Tötungstraumas seiner Frau dient. Auf einer zweiten Ebene wird der Film zur klinischen Fallstudie einer verdrängten Homosexualität, die Burroughs selbst indirekt als Krankheit bezeichnete, indem er den Gedanken äußerte, es sei möglich von ihr geheilt zu werden.

"Naked Lunch" sollte schon mehrfach verfilmt werden. Für die Hauptrolle waren unter anderem Mick Jagger, Dennis Hopper (der auch Regie führen wollte), Jack Nicholson und David Bowie vorgesehen. Aber kein anderer hätte den Bill Lee besser spielen können als Peter Weller. Mit hohläugigem Pokerface und stoisch-regungsloser Mine vermittelt er die Qual des Junkie-Horrors, die zermürbende Sucht und Gier nach immer neuen Betäubungen. Wellers darstellerische Leistung, zusammen mit der dissonanten Jazzmusik von Howard Shore und der klaustrophobischen Gestaltungskraft Cronenbergs prägen den morbid-befremdlichen Charakter des Films. "Naked Lunch" mag für manche Zuschauer schwer zugänglich sein, doch wer sich auf den Zwischenstopp in Interzone erst einmal eingelassen hat, wird eine Welt vorfinden, die er noch nie gesehen hat - auf perverse Art faszinierend, wüst, schillernd, assoziativ und bösartig komisch.

hr