cinema, Heft 104, Januar 1987, p. 94

"Alle Menschen sind potentielle Monster"

David Cronenberg im Gespräch

David Cronenberg

Die Geste entlarvt den Filmemacher: David Cronenberg mit improvisiertem Motivsucher

Mit dem Horrorschocker "Die Fliege" landete der kanadische Regisseur David Cronenberg nach "Scanners" seinen zweiten Welterfolg. Cronenberg hielt sich drei Tage in Hamburg auf, um der Presse Rede und Antwort über sein neues Werk zu stehen. In der privaten Begegnung erwies sich Cronenberg als überaus sympathischer und höflicher Zeitgenosse - kaum zu glauben, daß ein so friedfertiger Mensch auf der Leinwand so blutige, grausame Phantasien freisetzt. Im Interview mit cinema-Redakteur Heiko Rosner betont Cronenberg den Unterschied zwischen dem gleichnamigen Kurt-Neumann-Klassiker aus den Fünfzigern und seiner Version der Achtziger. Was dem Western-Regisseur die Cowboys und Trapper bedeuten, sind Cronenberg die Männer in weißen Kitteln: "Die Wissenschaftler sind die Pioniere der Gegenwart"

cinema: Herr Cronenberg, Sie gelten als Meister des biologischen und genetischen Horrors. Sie beziehen Ihre Themen nicht aus der Vergangenheit, sondern aus der Gegenwart. Was veranlaßte Sie zum Rückgriff auf den Monsterfilm, eine der traditionellen Formen des Horrorgenres?

David Cronenberg: Mir ging es um das Motiv eines Menschen, der zum Monster wird. Wenn wir lange genug leben, sind wir alle dazu verdammt, Monster zu werden. Die Haare fallen aus, die Zähne, die Haut verfärbt sich... Ich sehe Seth Brundle auf keinen Fall als ein Monster wie etwa die "Aliens". Denn in ihm steckt noch der Mensch, kaum wahrnehmbar zwar, aber er ist vorhanden. Selbst nach der allerletzten Phase der Verwandlung, wenn Brundle endgültig zum mannsgroßen Insekt mutiert ist, schimmern menschliche Züge aus dieser grotesken Kreatur. Die Mutation Brundles von Mensch in Tier bedeutet für mich eine Metapher auf das Altern und Siechtum des Menschen.

cinema: Wie gefiel Ihnen eigentlich Kurt Neumanns Original?

Cronenberg: Es hatte einen gewissen Charme. Gleichzeitig war es ein sehr dummer Film. Obwohl ich damals noch ein Kind war, fielen mir viele Ungereimtheiten auf. Einen Mensch mit Fliegenarm und Fliegenkopf, das ist doch Unsinn. Ich fragte mich: Wie kann aus einer kleinen Fliege etwa relativ großes wie ein Menschenkopf erwachsen? Woher kommen die ganzen Moleküle und Zellen? Legt man streng logische Maßstäbe an, dann hätte man einen normal großen Menschen mit einem winzigen Fliegenkopf auf den Schultern erwarten müssen. Außerdem atmen Fliegen nicht durch den Mund, sondern durch den Bauch. Wie auch immer, die Idee des Films war besser als seine Durchführung. Deshalb kann ich heute ohne falschen Stolz erklären, daß mein Film die originale "Fliege" ist. Übrigens traf ich vor wenigen Wochen Vincent Price, den Hauptdarsteller des Neumann-Films. Er erzählte mir, daß Neumann unter dem Druck der Zensur stand. Vieles, was er vorhatte, wurde nicht genehmigt.

cinema: Hätten Sie sich je vorstellen können, einen Film für Mel Brooks zu produzieren?

Cronenberg: Sie werden sich wundern, ja. Als ich erfuhr, daß Mel Brooks die Rechte zu "Elefantenmensch" erworben hatte, versuchte ich sofort, ihn zu erreichen, denn an diesem Stoff war ich schon lange interessiert. Leider kam mir ein anderer zuvor, David Lynch. Das Resultat gefiel mir nur bedingt. Sicher, Lynch hatte einen fabelhaften ersten Film mit "Eraserhead", aber sein "Elefantenmensch" kommt mir zu viktorianisch und sentimental vor.

cinema: Stimmt es, daß Sie die Regie zur "Fliege" zunächst aus grundsätzlichen Erwägungen nicht annehmen wollten, weil Sie kein Freund von Remakes sind?

Cronenberg: Das ist richtig. Ich schreibe meine Drehbücher gern selbst. Als Mel Brooks mir das Drehbuch von Charles Edward Pogue schickte, war ich noch sehr skeptisch. Die meisten Remakes sind ein fader Aufguß von Filmen, die vorher erfolgreich waren, und das langweilt mich. Aber dann erkannte ich mit einem Schlag, welche fabelhafte Arbeit Pogue geleistet hatte. Er brachte die alte Geschichte auf einen vollkommen neuen Nenner, sein Konzept unterscheidet sich hundertprozentig von dem der Vorlage. Zum einen faszinierte mich die Kombination von Horror und Liebesgeschichte. Zum anderen beseitigen Buch und Film ein dümmliches Klischee, welches mich schon immer maßlos geärgert hat. Ich meine diese weitverbreitete Trivialphilosophie, nach der die Maschine von Grund auf schlecht ist. In vielen Filmen, auch in Neumanns "Fliege", zerstört der Wissenschaftler zum Schluß seine Maschine, weil er sie für ein Werk des Teufels hält. In Wirklichkeit aber war es nicht die Maschine, die das Scheitern des Experiments verschuldete, sondern dem lag schlicht menschliches Versagen zugrunde. Der Wissenschaftler hätte bloß darauf achten müssen, daß er alleine in der Telebox ist, dann wäre alles nach Plan verlaufen. Es liegt in der Natur des Menschen begründet, daß er die Geheimnisse des Lebens erforschen will und unermüdlich neue Technologien entwickelt. Daran ist überhaupt nichts Verwerfliches. Gefährliche Experimente lassen sich nicht umgehen, sie müssen riskiert werden. Alles, was wir erfunden haben, ob es das Auto, das Flugzeug oder die Kernkraft ist, tötete Menschen. Meine Filmen handeln von Exkursionen in die Grenzgebiete des menschlichen Drangs nach Allmacht. Wie wagen uns in Bereiche vor, die nie zuvor ein Mensch betreten hat. Das könnte unser Tod sein, aber wir tun es trotzdem. Die Wissenschaftler sind die Pioniere von heute.

cinema: Die Alptraumszene, in der Veronica ein Monsterbaby zur Welt bringt, wirkt nachträglich ziemlich real. War das Absicht? Wollten Sie sich die Tür zu einer Fortsetzung offenhalten?

Cronenberg: Sie meinen "Das Baby der Fliege"? (lacht) Nein, eine Fortsetzung kommt für mich nicht in Frage. Vielleicht sollte ich nicht so laut tönen, denn Francis Ford Coppola behauptete auch immer, daß er nie im Leben "Der Pate II" inszenieren würde.  Ich weiß von Verhandlungen, die die Fox momentan um "Die Fliege II" führt. Es gibt Regisseure, die so sehr mit ihren Figuren und Stories verwachsen, daß sie zu Fortsetzungen neigen. Dazu rechne ich mich nicht. Ridley Scott hat gerade einen Vertrag über "Aliens III" und "IV" abgeschlossen. Nein, wenn überhaupt, dann würde ich die Fortsetzung eines anderen Films drehen: "Das Baby des Elefantenmenschen".