cinema Heft 130, März 1989, p. 69

Kultregisseur David Cronenberg

Wir haben uns einige Mühe gegeben

 

David Cronenberg mit dem cinema-Redakteur Kester Schlenz

David Cronenberg mit dem cinema-Redakteur Kester Schlenz

Sein neues Werk "Die Unzertrennlichen" ist auf dem besten Wege, ein Kultfilm zu werden. Zum deutschen Start dieses vieldiskutierten Psychothrillers um ein seltsames Zwillingspaar sprach cinema-Redakteur Kester Schlenz mit dem kanadischen Regisseur über Effekte, Kollegen und Projekte

cinema: Herr Cronenberg, lange Zeit war die sogenannte Split-Screen-Technik kaum etwas anderes als zwei Filmstreifen, die auf der Leinwand nebeneinander liefen. Sie und Lee Wilson, Ihr Experte für optische Effekte, haben in "Die Unzertrennlichen" nahezu revolutioniert.

Cronenberg: Na ja, wir haben uns einige Mühe gegeben, etwas wirklich Neues zu machen. Früher lief die Trennlinie bei solchen Aufnahmen genau in der Mitte. Mit Hilfe computergesteuerter Kameras und mit sehr beweglichen Motion-Control-Systemen konnten wir die Position der Trennlinie verändern. Sie konnte sogar eine der Figuren begleiten, wenn sie sich innerhalb einer Einstellung nach rechts oder links bewegte,

cinema: Das heißt, Sie konnten die Trennlinie überall hinsetzen?

Cronenberg: Ja genau, das war ja das Wunderbare. Wir konnten den "Split" zum Beispiel von einer vertikalen in eine horizontale Position bringen, so daß die Zwillinge auch übereinander erscheinen konnten, etwa auf einer Treppe. Ein Computer ermöglichte es uns, darüber hinaus bei Bewegungen der beiden Mantle-Zwillinge in einem Bild jede Art von Kamerafahrt, Schwenk oder Schärfenveränderung genau zu wiederholen.

cinema: In einer Alptraum-Szene sind Beverly und Elliot durch eine Art mutierte Nabelschnur miteinander verbunden...

Cronenberg: Ja, auch dieser Effekt war relativ einfach zu realisieren. Die Maskenbildner bauten diese eklige Verbindung zwischen beiden, und wir haben das Ganze dann mit einem "Body Double" gedreht. War gar nicht schwer.

cinema: Was war denn wichtiger, um glaubhaft zu machen, daß in Ihrem Film zwei verschiedene Menschen agieren: die vielen Spezialeffekte oder Jeremy Iron´s Darstellungskunst?

Cronenberg: Natürlich beides. Die Effekte sind sehr gut und tragen viel zur Wirkung bei. Ohne Jeremy Irons fantastisches Spiel wäre die Sache aber sicherlich nicht halb so gut geworden.

cinema: Ist Irons´ Leistung Oscar-reif, wie manche amerikanische Kritiker meinen?

Cronenberg: Für mich: eindeutig ja. Es wäre eine Schande, würde er nicht nominiert werden. Die Nominierung ist eigentlich das Wichtigste. Ob er den Oscar dann kriegt, das ist im Grunde dann nicht mehr ganz so wichtig.

cinema: Was denken Sie denn über "Die Fliege 2"? Immerhin führt der Special-effects-Experte Chris Walas Regie, der ja für Sie die Tricks bei Ihrem ersten Teil realisiert hatte.

Cronenberg: Ich habe Chris´ Film noch nicht gesehen. Ich wollte die Fortsetzung von "Die Fliege" nicht machen. Das heißt aber nicht, daß ich sie grundsätzlich ablehne. Chris Walas ist ein guter Mann, und ich wünsche ihm für sein Regiedebüt ehrlich alles Gute. Er wird es schon machen.

cinema: Lassen Sie uns mal ein wenig über das Horror-Genre reden. Als Sie am Beginn Ihrer Karriere standen, hat Stephen King in seinem Sachbuch "Danse Macabre" geschrieben, daß Sie einer der talentiertesten Regisseure des phantastischen Films von heute seien. Hatten oder haben diese Worte auf irgendeine Weise Bedeutung für Sie persönlich?

Cronenberg: Aber klar, ich habe mich gefreut, und es freut mich immer noch. Ich denke, jeder mag es, wenn von seiner Arbeit Notiz genommen und sie auch noch so hoch gelobt wird.

cinema: Und was denken Sie über Stephen King?

Cronenberg: Er ist schon ein Phänomen. Ich mag vieles von ihm. Aber ich denke, er sollte weniger schreiben. King sagt ja über sich selbst, daß er der "Big Mac" der amerikanischen Literatur sei. Wenn er sich für seine Bücher mehr Zeit nähme, wäre er sicherlich noch viel besser. Aber, wie gesagt, ich schätze ihn sehr.

cinema: Und wie gefällt Ihnen Clive Barker, den King ja für die Zukunft des Horrors hält?

Cronenberg: (lacht.) Gut natürlich. Immerhin spiele ich eine kleine Rolle in seinem nächsten Film. Ich mag Clives Art, neue Mythen und verrückte Welten zu erschaffen. Er ist ein bißchen wie ein moderner Lovecraft.

cinema: Kennen Sie eigentlich deutsche Filme?

Cronenberg: (schmunzelt.) Ja, das Übliche. Etwas von Herzog,  Wenders usw. Aber, ehrlich gesagt, nicht allzuviel. Das, was ich kenne, mag ich aber zum Teil.

cinema: Und wie ist es mit den Klassikern? Beispielsweise Nosferatu, Dr. Mabuse etc.?

Cronenberg: Klar, die kenne und schätze ich. Aber von Werner Herzogs "Nosferatu"-Remake halte ich nicht viel, obwohl ich zugeben muß, daß ich ihn nicht ganz gesehen habe.

cinema: Na ja, aktuelle Horrorfilme können wir ja leider auch nicht viele bieten.

Cronenberg: Warum eigentlich nicht?

cinema: Das weiß niemand so ganz genau. Horror aus Amerika läuft ja bei uns eigentlich sehr gut im Kino. Eine Möglichkeit ist, daß der reale Horror des Faschismus bis heute die deutschen Filmemacher paralysiert.

Cronenberg: Da ist sicher was dran. Trotzdem sollten Sie auch hier phantastische Filme machen. Eine wichtige Sache.

cinema: Wir werden es weitergeben. Was machen Sie denn als nächstes?

Cronenberg: Ich werde als nächstes William Burroughs´ "Naked Lunch" verfilmen. Produzieren wird Jeremy Thomas.

cinema: Und dann?

Cronenberg: Nun, das wär´s erstmal. Eins nach dem anderen.

cinema: Also weg vom Horror und hin zum Kultbuch?

Cronenberg: Nicht unbedingt. Ich drehe jetzt erst einmal diesen Film, und dann sehen wir weiter. Ich versuche vor allem, interessante Filme zu machen. Fime, die mich interessieren. Und wenn ein guter Stoff dabei ist, werde ich auch wieder einen Horrorfilm drehen, wenn Sie es so nennen wollen. Ich mag diese vorschnelle Genre-Einteilungen eigentlich gar nicht. Sie engen einen so ein und packen Filme von vornherein in Schubladen. Das ist manchmal sehr schädlich.

cinema: Herr Cronenberg, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.