Cinema, Nr. 5 / 1992, Heft 168, p. 24

  Interview

DAVID CRONENBERG

Horror - Regisseure sind erfahrungsgemäß die ausgeglichensten Menschen der Branche. So auch Da id Cronenberg. Entspannt stellte er sich in London den Fragen von CINEMA-Redakteur Heiko Rosner


Darf ich ein Loch

in  Ihre Stirn bohren?


CINEMA: "Naked Lunch" ist ein sehr ungewöhnlicher Film. Wie kam es zu dem Projekt?

DAVID CRONENBERG: Es ist mir praktisch von selbst zugeflogen. So um das Jahr 1980 fragte mich ein Journalist, ob ich ein Traumprojekt hätte. Nach einigem Zögern antwortete ich, daß es "Naked Lunch" sein könnte - ohne es sonderlich ernst zu meinen. 1984 traf ich in Toronto den Produzent Jeremy Thomas, der gerade den Stephen-Frears-Film "The Hit" herausgebracht hatte. Er sprach mich auf "Naked Lunch" an, sagte, daß er den Film gern produzieren möchte, und so kam eines zum anderen.

CINEMA: Die Mehrzahl der Zuschauer verbindet mit Ihrem Namen Filme wie "Scanners" oder "Die Fliege". "Naked Lunch" handelt nun von einer ganz anderen Art von Horror. Besteht nicht die Gefahr, daß Sie damit Teile Ihres Stammpublikums abschrecken?

CRONENBERG: Das ist schon möglich, aber letztlich muß ich mir für jeden Film ein neues Publikum erobern. Es stimmt, ich habe Horrorfilme gedreht aber deshalb bin ich noch lange kein Horror-Regisseur. Wenn ich es wäre, wüßten Sie genau, was Sie als nächstes von mir zu erwarten haben. Das wissen Sie aber nicht.

CINEMA: In "Die Unzertrennlichen" ging es um Schizophrenie, in "Naked Lunch" um Drogenabhängigkeit. Es scheint, als ob der reale Horror für Sie immer stärkere Bedeutung gewinnt.

CRONENBERG: Nun ja, der Begriff Horror ist natürlich dehnbar. Für mich ist zum Beispiel "Taxi Driver" ein Horrorfilm. Aber die wenigsten Leute würden ihn diesem Genre zurechnen. Das Publikum von "Scanners" dürfte sich kaum mit demjenigen decken, das "Naked Lunch" goutieren kann. Mein neuer Film ist auf seltsame Weise eine Kombination von "Die Unzertrennlichen" und "Videodrome". Es geht um den manipulierten Mensch im Zwiespalt seiner Bestimmung und seines Überlebenswillens.

CINEMA: Hat Burroughs diese Geisteszustände, die er in dem Buch beschreibt, selbst erlebt?


CRONENBERG: Ja, er nahm eine Menge Drogen, als er das Buch schrieb. Als seine Freunde Allan Ginsberg und Jack Kerouac ihn in Tanger besuchten, fanden sie überall auf dem Boden verstreut liegende Blätter, die mit Blut beschmiert und verklebt waren. Burroughs schrieb in einer Art Fieberwahn. Was keineswegs bedeutet, daß er sich des Schreibprozesses nicht bewußt war. Er benutzte seine Halluzinationen wie andere Leute ihre Träume. Er benutzte sie, um seine Hemmungen zu überwinden. Der Film soll verdeutlichen, daß er auf einer paradoxes Art nicht wissen wollte, was er schrieb, weil erfürchtete, darin in seiner Kreativität eingeschränkt zu werden.

CINEMA: Sie wußten beim Drehen aber immer ganz genau, was Sie taten?

CRONENBERG (lacht): Manchmal weiß man wirklich nicht so genau, ob man diese oder jene Szene schon gefilmt hat und fragt den Assistenten. Der antwortet dann, daß man so eine Szene  mal drehen wollte, es aber nie dazu gekommen ist So wird das Filmemachen bisweilen zu einer ganz schön halluzinatorischen Angelegenheit Man bekommt nicht genug Schlaf, der Druck sehr groß,und die Arbeitstage sind sehrlang, oft bis zu 18 Stunden.

CINEMA: Muß man eine besonders schräge oder merkwürdige Phantasie haben, um sich Kreaturen wie die Mugwumps auszudenken?

CRONENBERG: Nein, das könnte jeder. Stellen Sie sich vor, ich würde ein kleines Loch in Ihre Stil bohren. Während Sie schlafen, erscheinen Ihre Träume auf einer Leinwand vor Publikum. Ich frage mich, was wir sehen würden. Denken Sie, es wäre langweilig ? Hätten Sie Angst davor? Die meisten Menschen sperren sich unbewußt da vor, ihrer Phantasie freien Lauf zu lassen, weil sie fürchten, mit ungeheuerlichen Schattenseiten ihrer Psyche konfrontiert zu werden.

CINEMA: Welche Filme laufen in Ihrem Kopf ab? 

CRONENBERG: Das wissen Sie, weil Sie mein Filme kennen. Der einzige Unterschied zwischen Ihnen and mir besteht darin, daß ich mich bewußt in einen traumähnlichen Zustand hineinschreibe, während ich wach bin. Wenn ich an der Schreibmaschine sitze, nehme ich keine Drogen und trinke nicht. Ich erfinde, real gesteuert, eine Welt des Irrealen. Das kann ich nur, wenn ich bei kristallklarem Verstand bin und von nichts abgelenkt werde. Ich weiß, andere nehmen Drogen oder trinken, um sich loszulassen, aber das ist nicht meine Methode.

CINEMA: Hat Burroughs "Naked Lunch" gesehen?

CRONENBERG: Ja. Er sagte, der Film sei großartig, elektrisierend und sehr aufregend. Er hat jetzt sogar seines eigenen Mugwump, den habe ich ihm geschenkt. Burroughs hat ihn in sein Schlafzimmer gestellt.