cinema, November 1999
"Wir leben längst in einer Kunstwelt"

David Cronenberg, 56, über seinen Film "eXistenZ" und die unterschiedliche Wahrnehmung der Realität

Angenommen, Sie stellen fest, dass Sie selbst nur eine Figur in einem Videospiel sind - was würden Sie tun?

Ich vermute, man unternimmt, in einer solchen Situation genau dasselbe wie in der sogenannten Wirklichkeit: Man stellt die üblichen Fragen: "Woher komme ich?" und "Wohin gehe ich?" - und weil man die sowieso nie zufrieden stellend beantworten kann, versucht man sich mit dem zu arrangieren, was man als Realität wahrnimmt.

Werden sich in der Zukunft Fiktion und Realität vermischen?

Das ist längst geschehen. Die meisten Menschen erleben die Welt über die Medien. Wir sehen zum Beispiel ein intimes Interview mit der Praktikantin Monica Lewinsky und glauben dadurch, diese Person zu kennen. Sie wird zum Teil unseres Lebens, obwohl nie ein persönlicher Kontakt bestand. Dadurch wird in der Konsequenz alles zur Fiktion. Und darum geht es auch in "eXistenZ": Die Realität ist eine Erfindung unseres Willens, und jeder Mensch erschafft sich seine eigene Wirklichkeit, denn eine absolute gibt es nicht. Insofern leben wir längst in einer Kunstwelt.

Es gibt Menschen, die halten Ihre Filme für eklige Albträume...

Das kommt auf die Person des Betrachters an. Ich versuche, den Begriff Ästhetik anders zu definieren, ihm einen neuen Inhalt zu geben, um das Denken der Zuschauer zu verändern. Dabei beschäftige ich mich vorwiegend mit dem menschlichen Körper. Wer das eklig findet, dem kann ich nicht helfen.

Interview: Renée Bertelmann