Cinema, Nr.1 / 1987 (Heft 104)  p. 90-93

Die Fliege

 

Etwas, das nie lebte, existiert: Ein Mensch verwandelt sich unaufhaltsam in eine insektenähnliche Mutation. Ein Alptraum, aus dem es kein Entrinnen gibt. Der neue Horrorfilm von David Cronenberg

Horror-Darsteller Vincent Price beschreibt in seiner Biographie "I Like What I Know" die unfreiwillige Komik, die ihm bei den Dreharbeiten zu Kurt Neumanns "Die Fliege" begegnete: "Herbert Marshall und ich mußten auf ein Spinnennetz blicken, in dem sich eine kleine Fliege verfangen hatte, die in Wirklichkeit mein Bruder war. Wir brauchten einen Tag, um diese Szene zu filmen, denn wir lachten uns krank, die ganze Zeit. Am Ende mußten wir es Rücken an Rücken drehen - wir konnten uns nicht mehr ins Gesicht sehen."

Derlei absurden Mummenschanz erspart David Cronenberg dreißig Jahre später seinen Hauptdarstellern. Dafür traktiert er sie mit einer geballten Ladung Special Effects und ekligen Abscheulichkeiten - Jeff Goldblum verschwindet mit der Zeit unter einer grauenvollen Maske aus Latex und Monstergebein, sein Gesicht verwandelt sich in eine Kraterlandschaft aus Pusteln und fleckigen Ekzemen, kratzt er sich mal am Ohr, hält er es auch schon in der Hand. Dabei fängt alles so harmlos an.

Die Journalistin Veronica lernt auf einer wissenschaftlichen Fachausstellung den Genforscher Seth Brundle kennen. Kurz darauf befinden sich die beiden in Brundles Labor, einer Art modernes Gruselkabinett in Lagerhallenformat, wo der "crazy scientist" der jungen Frau seine Erfindung präsentiert. Die markantesten Einrichtungsgegenstände sind zwei ovale Behälter mit schwenkbaren Glastüren, exotische Rieseneier, die aussehen wie der Phantasie eines H.R.Giger entsprungen. Brundle erklärt Veronica, was es mit den unheimliche Gebilden auf sich hat. Sie dienen der Teleportation, der Übertragung von Materie von einem Ort zum anderen. Seth Brundle ist der erste Mensch, dem die Teleportation toter Gegenstände geglückt ist. Zu Demonstrationszwecken leiht er sich einen von Veronica Nylonstrümpfen. Veronica zieht ihn höchst erotisierend vom langen Bein. Brundle deponiert den Strumpf in Telebox 1, betätigt den Computer, es blitzt und zischt, und siehe da - der Strumpf taucht unversehrt in Telebox 2 auf.

Nach dieser erstaunlichen Vorführung weiht Brundle Veronica in seine Arbeit ein. Bisher gelang ihm nur die Übertragung von Gegenständen, nicht aber die von lebenden Wesen. Von den Affen, die Brundle bisher nach Enterprise-Art wegzubeamen versuchte, blieb nur blubbernder Blutmatsch übrig. Bevor Cronenberg die mit seinem Namen verbundene Publikumserwartung stillt und alle Register des modernen Brutalhorrors zieht, führt er die Zuschauer ins ganz gewöhnliche Privatleben seiner Hauptfiguren ein. Veronica erzählt ihrem Chefredakteur Stathis Borans von ihrem unglaublichen Erlebnis. Borans glaubt kein Wort. Erst als Brundle in der Redaktion auftaucht und verlangt, daß keine einzige Zeile veröffentlicht wird, keimen in Borans erste Zweifel.

Mit wachsendem Unbehagen verfolgt er zudem, daß sich Veronica und Brundle auffallend oft treffen. Tatsächlich entwickelt sich zwischen ihnen eine leidenschaftliche Romanze, was Borans neidisch stimmt. Er ist Veronicas Ex-Lover, und restlos aufgegeben hat er die schöne Redakteurin noch immer nicht.

Das Unheil nimmt seinen Lauf, als Seth Brundle sich eines Nachts aus Eifersucht betrinkt. Vom Rausch benebelt besteigt er die Telebox und unternimmt einen Selbstversuch. Dabei übersieht er, daß er nicht alleine im Umwandler ist - eine ganz gewöhnliche Hausfliege macht die Dematerialisation mit. Die Chromosomen Brundles vermischen sich mit dem Innenleben der Fliege, dem besessenen Forscher steht die Umwandlung in ein Objekt bevor.

Die gesamte zweite Filmhälfte zeigt die allmähliche Metamorphose von Mensch in Tier. Anfangs wachsen Seth Brundle kleine Härchen aus einer Wunde am Rücken. Dann zeigen sich die ersten häßlichen Verfärbungen auf Brundles Gesicht. Veronica muß bestürzt mit ansehen, wie der Mann, den sie liebt, zu einem wandelnden Furunkel mutiert. Seth entwickelt übermenschliche Kräfte, krabbelt fliegengleich senkrecht die Küchenwand empor und speit weißen Schleim, in den er anschließend sein Mittagessen tunkt. Doch selbst derart unappetitliche Verhaltensweisen können der Liebe Veronicas zu Seth keinen Abbruch tun. Veronica ist verzweifelt bemüht, Seth zu helfen, aber von Tag zu Tag nimmt der Alptraum schrecklichere Formen an.

Die Situation spitzt sich zu, als Veronica erfährt, daß sie schwanger ist. Sie hat mit Seth geschlafen, nachdem er sein unseliges Experiment durchführte. Wie wird es aussehen, das Wesen, das in ihr heranwächst? Wird sie ein "Ding" zur Welt bringen, weder ganz Mensch, noch ganz Tier? Stathis Boran, von Veronica ins Vertrauen gezogen, überredet die junge Frau zu einer Abtreibung.

Aber bevor der Eingriff vorgenommen werden kann, kidnappt der Fliegenmann Veronica aus dem Krankenhaus. Borans ahnt, wohin der mittlerweile gänzlich unkenntlich Brundle seine Geliebte verschleppt hat: in sein Laboratorium, wo er die schwangere Veronica zu seiner "Artgenossin" machen will. Es beginnt ein gnadenloser, effektgeladener Showdown, an dessen Ende gleichermaßen Tragik und Erlösung stehen.

"Die Fliege" ist nach "Scanners", "Die Brut", "Videodrome" und "Death [Dead] Zone" der erste Horrorfilm von David Cronenberg, in dem sich der kanadische Regisseur an der klassischen Monster-Rezeptur des Horrorgenres orientiert. Zuvor schockte er sein Publikum mit psychokinetischen Schauerstories über fehlgeleitete biologische und/oder technologische Entwicklungen.

In "Die Fliege" variiert er inhaltlich Motive von Cocteaus "Es war einmal" ("La belle et la bete"), während formal eine gewisse Nähe zu den morbid-grotesken "Eraserhead"-Phantasien eines David Lynch auffällt. Cronenbergs Kombination aus Grusel- und Liebesfilm hat mit der sanften Gangart des Originals aus den Fünfzigern nichts zu tun. Vincent Price hätte diesmal wenig zu lachen.