Cinema 5 / 1992, Heft 168, p. 26-28

Der Mann, der die Mugwumps schuf

 

Das Labor der Alpträume

Naked Lunch

Mit ihren mobilen Kunststoffpuppen gehören Chris Walas und sein Team zu den Special-effects-Legenden wie George Lucas und Rick Baker. Für David Cronenbergs "Naked Lunch" kreierte Walas eine neue Monstergattung: die Mugwumps, schaurig-schöne Ausgeburten von Drogenfantasien

Der Anblick dieses schrumpeligen Geschöpfes mit den Mona-Lisa-Augen geht durch Mark und Bein. Der falten- und adernübersäte Kopf sieht ungesund aus. Blaß und fad, wie eine Gehirnmasse. Das Haar ähnelt einem Konsortium stacheliger Seeanemonen, die ohrmuschellosen Gehörlöcher und der Papageienmund einem vorsintflutlichen Gecko. Der stramm nach vorne gebeugte Oberkörper erinnert an einen amphibischen Glöckner von Notre-Dame. Verdächtig menschlich wirken dagegen der muskulös-sehnige Körper, die graugelben Greisenhände... "Was ist diese bizarre, undefinierbare "Es"? Mensch? Monster? Eidechse? Der Regisseur David Cronenberg nennt dieses Monstrum fast zärtlich "Mugwump", denn es gehört zu den unzähligen Fantasiegebilden aus seinem neuesten Film "Naked Lunch" - erdacht nach William S. Burroughs´ gleichnamigen Drogentrip-Roman aus den sechziger Jahren und realisiert von den Technospezis der kalifornischen Firma "Chris Walas Incorporated" (CWI).

Naked Lunch Naked Lunc

Chris Walas, ein ehemaliger George-Lucas-Mitarbeiter, hatte sich vor zehn Jahren selbständige gemacht und in einem Fabriklager in San Francisco seine Firma unter dem Label CWI gegründet. Das besondere an CWI ist der "Low-Tech" genannte Arbeitsstil. Während der berühmte Nachbar George Lucas (er betreibt sein Trickstudio "Indsutrial Light and Magic" auf der Skywalker Ranch nahe San Francisco) sich zunehmend modernster Computertechnologie bedient, arbeiten Walas und sein Team in geradezu altmodisch-klassischer Manier. Anstatt ihre Monster elektronisch zu kreieren, modellieren sie ihre Fabelwesen aus Werkstoffen wie Gummi, Plaste und Elaste. Resultat dieser personalintensiven Arbeitsweise sind Kreaturen von schwer zu übertreffender Realitätsnähe.

Bei der Produktion von "Naked Lunch" begann die Monsterarbeit für das CWI-Team unter dem Projektleiter Jim Isaac schon sieben Monate vor Aufnahmebeginn. Unzählige Mugwumps, skurrile Insekten, centaurische Hundertfüßler und andere abartige Wesen wurden entworfen und dem Regisseur präsentiert. In Cronenberg fanden die Künstler dabei einen ebenso kritischen wie konstruktiven Partner. Isaac erinnert sich: "Cronenberg ist ein Perfektionist. Er kennt sich mit den Puppen aus und behandelt sie, als wären es menschliche Akteure. Er weiß, wie man das meiste aus ihnen herausholt, er kennt ihre Grenzen." Entsprechend menschenähnlich wurden die Puppen auch gestaltet. Am aufwendigsten war der Bau der über fünfzig Mugwumps. Für den "Hero-Mugwump", eine zwei Meter hohe Figur mit Drahtskelett, faltiger Latex- und Silikonhaut, hatte Cronenberg ein höchst anspruchsvolle Innenleben vorgesehen: Er sollte sprechen, rauchen und trinken können. Also wurden für alle Körperfunktionen Kabel statt Adern installiert. Nicht mal vor den Augen und der zehn Zentimeter langen Zunge machten die Techniker halt. Zuletzt folgte der schwierigste Teil der Arbeit: die Filmaufnahmen. Unterhalb der sechs Meter hohen Bühne aktivierten fünfzehn kräftige Männer die Mugwumps - was nicht nur ihre tadellose Koordination erforderte, sondern auch ein fast medizinisches know-how der menschlichen Anatomie. Für die Synchronisation der Dialoge wurden versierte Schauspieler verpflichtet. Je menschlicher die Funktionen, desto schwieriger wurde die Aufgabe.

Doch gerade das ist es, was CWI wieder mal den monströsen Erfolg garantiert hat: das Vermögen, Unwirkliches so einzigartig plastisch auf die Leinwand zu zaubern, daß es dem Zuschauer wie real erscheint. Zu den CWI-Klassikern zählen das abscheuliche Krokodil aus "Auf der Jagd nach dem grünen Diamanten" oder der Glibberkokon aus "Die Fliege II". Lediglich kreativer Zulieferer zu sein, genügt Walas indes nicht mehr. Während sein Team die Mugwumps erschuf, stand der Meister der Mutationen erstmals als Regisseur der überdrehten schwarzen Komödie "The Vagrant" hinter der Kamera.

aku