Fischer Filmalmanach 1997, herausgegeben von Horst Schäfer und Walter Schobert, 
Frankfurt a. M., p.88
Crash


Ein Autounfall, bei dem er einen Menschen getötet hat, stürzt der Regisseur James Ballard in einen Sog aus Obsessionen und Verwirrung. Helene, die Frau des Getöteten, führt ihn in eine Welt, in der Sex und Tod, Erotik und Metall, Zerstörung und Konstruktion nicht zu trennen sind. Sie macht ihn mit dem Kreis um den Arzt und Fotografen Vaughan bekannt, der berühmte Unfälle nachstellt, wie den von James Dean und Jayne Mansfield. Je realistischer, desto besser. Vaughans Freundin Gabrielle trägt seit solch einem Crash Beinprothesen, die sie in den Augen Vaughans, und auch in denen Ballards, noch verführerischer machen. Der Regisseur zieht auch seine Frau Catherine mit in die Gruppe hinein, die sich an Bildern blutiger Unfälle sexuell stimuliert. Geeignete Orte für den Geschlechtsverkehr sind bald nur noch Autos, schnell und riskant fahrende, aufeinanderprallende. Am Ende drängt Ballard den Wagen Catherines mit seinem Fahrzeug von der Straße und liebt die Schwerverletzte unter den Trümmern des Autos. 


Der Science-fiction-Autor J.G. Ballard warnte in seinem Roman, der dem Film zugrunde liegt, vor der Veränderung des Menschen durch die Technik, vor der Symbiose aus Mensch und Maschine als nächstem Schritt der Evolution. Cronenberg führt uns mitten hinein in diesen Prozeß. Geprägt vom Unvermögen, Beziehungen einzugehen, hat die Bereitschaft, sich der Technik des Autos hinzugeben, den Personen neue Ebenen eröffnet. Nicht indem das Auto als Statussymbol unverzichtbares Element bürgerlichen Lebens ist, sondern indem es die eingeschränkte Psyche mit einer neuen Körperlichkeit in eine fremde Welt hinein verlängert. Cronenberg hat mit diesem Film Reaktionen zwischen Langeweile, Empörung und überschwenglichem Lob ausgelöst. Anders jedoch als seine bisherigen Filme, allesamt von provozierendem Impetus, ist "Crash" durch und durch eine kalte Kopfgeburt, eine am Reißbrett entworfene Vision. Der Film bleibt distanziert und beteiligt den Zuschauer nicht emotional am Geschehen. Wer die kühl inszenierten Bilder vergessen hat, in denen sich Todessehnsucht und Sex vor den Karosserien verbinden, hat auch den Film vergessen.