Süddeutsche Zeitung, 16. Januar 1987

Filme aus Fleisch und Blut

Zur Retrospektive David Cronenberg im Werkstattkino

Eingefleischte Gegner blutiger und gewalttätiger Filme werden, um es vorwegzunehmen, auch bei David Cronenberg nichts finden, was sie umstimmen könnte. Im Gegenteil, die Reaktionen fall für gewöhnlich heftiger, ablehnender aus, denn diese Filme treffen einen dort, so schrieben Kollegen, wo man am empfindlichsten ist: am eigenen Körper. Aus Mündern quellen wurmähnliche Parasiten, krebsartige Geschwüre bilden sich an den Drüsen, Köpfe explodieren, Körper brechen auf. Vor das Nachdenken schieben sich Abscheu und Ekel. Oder ist es eher so, daß die Vorbehalte die Gefühle abblocken, diese zutiefst verstörenden Erfahrungen verhindern wollen?

Hier, im Grenzbereich, stößt man immer wieder auf die Frage, wie Kino wirkt, wie wir Bilder wahrnehmen, wo sie zuerst auf Widerstände stoßen. Dieser Dualismus von Kopf und Körper steht im Zentrum von Cronenbergs Werk. In seinen Filmen tauchen überall Wissenschaftler auf, die der Menschheit helfen, sie verbessern wollen; die den Verfall aufzuhalten, dem Tod zu entkommen versuchen. Doch die Hirngespinste zeitigen fatale Folgen, verselbständigen sich - die Körper revoltieren.

Die von Dr. Hobbes als Ersatz für erkrankte Organe gezüchteten Parasiten verwandeln ihre Träger in hirnlose Sexbesessene. Und die Transplantate in Dr. Keloids plastischer Chirurgie erzeugen einen blutsaugenden Stachel in der Achselhöhle. Diese Eingriffe, in Parasiten-Mörder (1975) und Rabid (1977), deformieren die Körper von innen heraus, zerstören die delikate Balance zwischen Körper und Geist. Und weil diese frühen Filme keine Protagonisten im eigentlichen Sinne besitzen, also viel Raum für Identifikation lassen, geht die Gewalt buchstäblich an die Nieren.

Es handelt sich hier beileibe nicht um Horrorfilme. Cronenberg, 1943 im kanadischen Toronto geboren, hatte Naturwissenschaften studiert, ehe er herausfand, daß es wesentlich interessanter wäre, eigene Wissenschaften zu erfinden: Science fiction, ganz wörtlich. Mittlerweile ist die Zukunft von damals nähergerückt, die Realität hat die düsteren Visionen längst eingeholt. Einer der zynischen Sprüche im Büro eines Wissenschaftlers in Parasiten-Mörder lautet: "Sex ist die Erfindung einer raffinierten Geschlechtskrankheit." Das ist, zu Ende gedacht, die Konsequenz der Verselbständigung des Körperlichen. Was in der Umkehrung hieße, daß das Hirn zu Eingeweide verkommt. Ein Übermaß an Rationalität erzeugt ihr Gegenteil: das Triebhafte, Unbewußte läßt sich nicht verdrängen.

Das Reich der Sinne schlägt zurück. Psychische Impulse führen manchmal zu ganz direkten physischen Reaktionen. In Die Brut (1979) nimmt der Zorn der Patienten nach der "psychoplastischen Therapie" körperliche Gestalt an. Nolas Monster-Kinder töten alle, die ihr einst Leid zufüghten. Und die Scanners (1980), Leute mit telekinetischen Fähigkeiten, können durch Gedankenkraft Köpfe platzen lassen. Es geht beide Male um die Konzentrierung geistiger Kräfte, also um ihre Kontrolle. Zwischen der Furcht und der Lust, diese zu verlieren, oszillieren Cronenbergs Filme.

Sie handeln auch von der Furcht vor der Lust, der Unordnung, dem Chaos. Durch den Kontrast zur Sauberkeit und der Funktionalität der Gebäude, in denen sich die Handlung zumeist abspielt, wird der Zuschauer terrorisiert. Aber auch durch die sehr konventionelle, eher distanziert zurückhaltende Inszenierung, die das Geschehen fast beiläufig aufzeichnet und ihm so auf dem Umweg über unsere Sehgewohnheiten mehr "Glaubwürdigkeit" verleihen. Und auf den Glauben sind bei Cronenberg nicht nur die Zuschauer angewiesen. Denn dem was seine Figuren sehen, können sie ohnehin nur selten trauen.

Realität ist herstellbar geworden. In Videodrome (1983) werden durch ein Videosignal Geschwüre erzeugt, die heftige Halluzinationen hervorrufen. Die Sinneseindrücke sind nicht mehr unterscheidbar. Im späteren Werk gilt Cronenbergs Interesse der bedrohlichen Annäherung von Synthetischem und Echtem. Das reproduzierte Steak in seinem neuestem Film Die Fliege schmeckt schal, bis das Genie Brundle seinem Computer die Poesie des Steaks, organische Unordnung einprogrammiert, ihm die Lust auf Fleisch beibringt.

Alle Lust will Ewigkeit. Darum schafft sie in uns das Bewußtsein für Vergänglichkeit. So hängen in diesen Filmen Sexualität und Verfall so obsessiv eng zusammen. Das "alte Fleisch" ist der Schrecken, der die Figuren verfolgt. Durch Transzendierung wollen sie dem Tod entkommen, wollen sie übergehen in - wie es in Videodrome heißt - neues Fleisch. Die Visionen von der Verschmelzung zur "idealen Familie", die in einem Körper lebt und sich autogenetisch fortpflanzt, stehen am Ende der Filme. In jedem Fall bedeuten sie eine Einschränkung der Realität, synthetische Kopien mit schalem Geschmack. Ein Happy-End gibt es bei Cronenberg nie. Seine Filme lassen Fragen offen, geben einen tief pessimistischen Ausblick auf die Folgen einer Unterwerfung der Natur durch die Ratio. Irgendwo lebt am Schluß immer die Saat der Transformationen fort. Und dem Zuschauer ist der paranoide Gedanke eingepflanzt, daß in diesen Bildern selbst ein Virus stecken könnte.

Die Filme von David Cronenberg laufen im Werkstattkino in der Frauenhoferstraße jeweils um 21 und 23 Uhr. Heute und morgen werden die ersten beiden längeren Arbeiten Stereo (1969) und Crimes of the Future (1970) gezeigt. Am Sonntag läuft Parasiten-Mörder, am Montag Rabid, am Dienstag Die Br[a]ut, am Mittwoch Scanners, am Donnerstag Videodrome und am nächsten Freitag Dead Zone, eine Auftragsarbeit für Dino De Laurentiis aus dem Jahre 1983.

MICHAEL ALTHEN