Der Tagesspiegel 18.5. 1984

Blick auf die Leinwand

"Dead Zone"

In "Scanners", dem letzten bei uns im Kino gezeigten Film des kanadischen Regisseurs David Cronenberg, ging es um einen jungen Mann, der die Fähigkeit besitzt, die Gedanken anderer Menschen zu "lesen". In diesem neuen Film (nach einem Roman von Stephen King) kann der Held, ein junger Lehrer (gespielt von Christopher Walken), noch ein bißchen mehr. Wenn er anderen Menschen die Hand gibt, kann er die Zukunft dieser Person sehen.

Er identifiziert mit Hilfe seiner übernatürlichen Fähigkeit, einen Lustmörder, der mehrere junge Frauen auf dem Gewissen hat. Er bewahrt den Sohn eines Millionärs, dem er Privatunterricht gibt, davor, während eines Eishockeyspiels auf dem Eis eines zugefrorenen Sees einzubrechen, und lernt hierbei, daß das, was er in seinen Visionen sieht, nicht passieren muß, sondern daß die Zukunft von ihm verändert werden kann. Der Film definiert diesen Bereich, wo ein Ereignis möglich ist, aber auch noch verändert werden kann, als "dead zone". Damit die Fähigkeiten des jungen Lehrers nicht nur lokale Auswirkungen haben, sondern die ganze Welt interessieren, bieten uns Stephen King und David Cronenberg als letzten Fall einen monströsen hitlerähnlichen Politiker (Martin Sheen). Der will zunächst einmal Senator werden, hält sich selbst aber für den idealen Präsidenten der Vereinigten Staaten. Unser Held sieht, als er ihm bei einer Wahlkampfveranstaltung die Hand gibt, wie er als Präsident auf den "roten Knopf" drückt, und entschließt sich, um das Überleben der Menschheit zu sichern, den Mann mit einem Gewehr eigenhändig zu erschießen.

David Cronenberg, der 1975 in Edinburg und 1980 in Hof mit einer Retrospektive aller Filme gewürdigt wurde und so etwas wie ein Kultregisseur  des Horrorfilmgenres ist,  beherrscht zumindest eine Kunst perfekt: er kann erzählen. Er benutzt die Elemente der Filmsprache nicht aus Geratewohl wie fast neunzig Prozent seiner Kollegen, sondern bei ihm hat man immer das Gefühl,  daß er weiß, was er tut. Allein das macht seinen neuen Film sehenswert.

Rudolf Thome