Die Welt, 13.6. 1984

 

Puppen und Teddybären in Flammen

Hätte Johnny die Lust nicht verschmäht, wäre ihm viel Leid erspart geblieben. Denn statt die Nacht bei seiner Freundin zu verbringen, machte sich der hagere Englischlehrer müde auf den Heimweg. Dann passiert es. Ein Lastwagenfahrer nickt am Steuer ein, sein Gefährt schlittert quer über die Straße und rammt Johnnys Auto. Als Johnny aus dem Koma erwacht, sind nicht Stunden vergangen, sondern Jahre.

Behutsam päppelt der Arzt (Herbert Lom in einer nuancierten Nebenrolle) den Patienten wieder auf. Doch etwas stimmt nicht. Als ihm eines Tages die Krankenschwester den Puls fühlt, rasen schreckliche Bilder durch Johnnys Kopf. Ein Kind kauert verängstigt im brennenden Zimmer. Und während Johnny Puppen und Teddybären verschmoren sieht, beschwört er die Schwester, nach Hause zu laufen. Im letzten Moment kann sie die Tochter aus den Flammen retten. Bestseller-Autor Stephen King, der schon immer gern mit dem Übersinnlichen flirtete, hat seinem Helden in "Dead Zone" also das zweite Gesicht gegeben. Zudem begreift der asketische Hellseher bald, daß er die Zukunft sogar beeinflussen kann.

Es war zu befürchten, daß David Cronenberg nach seinem schrillen Horrorfilm "Scanners" auch diesen Stoff mit ekligen Maskenbildner-Tricks vergröbern würde. Doch der kanadische Regisseur geht mit fast frostiger Virtuosität an Kings Romanvorlage heran. In Johnnys Visionen verzahnt er alptraumhaft Gegenwart und Zukunft und erzählt mit spröder Melancholie vom Martyrium seines Helden. Der wiederum wird von Christopher Walken beängstigend  intensiv verkörpert: Ein bleiches Opfer seiner unheimlichen Begabung. Überhaupt sind fast alle Figuren von Verlusten und Einsamkeit gezeichnet, so daß Cronenbergs Film mit seinen blassen Farben wie eine Winterreise durch das Reich der erfrorenen Gefühle wirkt. Bis, wie auch in Kings Roman, der Bruch kommt.

Nun schlägt die große, schlimme  Stunde von Martin Sheen, der als Politiker Greg Stillson durch die zuvor so leise Geschichte poltert. Dieser wüst grimassierende Finsterling plant mit teuflischer Tücke die Apokalypse. Als Johnny den Politiker in schlimmer Zukunft gar als Präsidenten mit dem roten Knopf spielen sieht, muß er handeln. Ein spannendes Duell, gewiß. Aber hier verkommt die präzise Studie zur platten Polit-Parabel. Selbst dieses lärmende Finale kann jedoch kaum vergessen machen, daß über weite Strecken die düstere Atmosphäre des Romans kongenial eingefangen wurde. Viel mehr ist auch Stanley Kubricks King-Verfilmung "Shining" nicht gelungen.

HARTMUT WILMES