Frankfurter Rundschau, 20.5. 1995

Karzinome der Lust

 

David Cronenbergs Frühwerk in Originalfassungen bei "Incredibly Strange Video"

Von Manfred Riepe

David Cronenberg war der erste Regisseur, der in Zeitlupe die Detonation eines menschliche Kopfes zeigte (Scanners, 1980). Einige Kollegen haben ihm das nicht verziehen. "Ein schlechter Fellini ist mir immer noch lieber als ein guter Cronenberg-Film", sagte Peter Greenaway. Dabei sind sich der vornehme britische "Kino-Strukturalist" und der blutdürstige kanadische Leinwand-Metzger so fremd nicht. Greenaways Thema ist die Monstrosität des Intellekts. Bei Cronenberg ist es die Intellektualität des Monströsen, die seine filmischen Phantasmagorien von einschlägigen Schlitzerfilmen unterscheidet.

Horrorfilme haben gewöhnlich nicht den Ruf, kinematografisch brillant zu sein. Cronenbergs Filme beziehen ihre Kraft jedoch gerade aus einer handwerklichen Präzision, die schon im Frühwerk besticht. Wer sich in Parasitenmörder (1975), Rabid (1976) und Die Brut (1979) heute auf Video wieder ansieht, den verblüfft die formal[e] Stringenz, mit der die Handlung aufgezogen ist. Erzählerische Ökonomie, klare Schauspieler-Führung sowie Cronenbergs Fähigkeit, Architektur in einer unauffälligen Weise prägnant zu fotografieren, so daß Innenräume und Fassaden das Geschehen stumm kommentieren, ziehen den Zuschauer sofort in ihren Bann (die bei Incredibly Strange Video erhältlichen Originalfassungen steigern diesen Eindruck gegenüber den schlecht synchronisierten Fassungen, die hierzulande ab und an gezeigt wurden.)

Aus dieser fast dokumentarischen Nähe zum alltäglichen heraus entfaltet Cronenberg seine fantastischen Sujets mit einer verstörenden Intensität. Seine Sujets sind zugegebenermaßen dem verbrauchten Inventar des "gotischen Horrorfilms" entlehnt. Erzählmuster um Vampire und mad scientists variiert der Kanadier jedoch so markant daß Kollegen früh schon ihre Begeisterung formulierten: "Innerhalb des Genres, dessen Grenzen für die meisten sehr eng abgesteckt sind, entwickelt Cronenberg eine sehr originelle Vision: das organische Innenleben wird zur Metapher des äußeren Horrors", sagte Martin Scorsese 1983.

Bei Cronenberg entsteht das Grauen subkutan; es kommt von innen: They came from within lautet der amerikanische Verleihtitel von Parasitenmörder.Ein Genetik-Professor züchtet einen Parasiten, der dem Menschen implantiert wird, um, so die Wahnidee, dessen sexuelle Genußfähigkeit zu steigern. In Rabid verwandelt sich eine Frau nach einer medizinisch noch nicht erprobten Form der Hautverpflanzung in eine Vampirella, der ein phallischer Saugstachel aus der Achselhöhle wächst. Und in Die Brut bringt ein Psychiater seine Patientin durch eine Mischung aus Gesprächstherapie, Psychodrama und Bhagwan-Encounter dazu, ihren aggressiven Gefühlen "Ausdruck" zu verleihen: Sie gebiert Monster-Babys, die ihre unbewußten Wünsche erfüllen.

Cronenberg ist selbst Biologe. Seine Protagonisten sind Ärzte, die mit hybridem Eifer die Grenzen wissenschaftlicher Erkenntnis überschreiten. Aufgrund ihrer wissenschaftlichen Führungsposition stehen sie jenseits jeglicher Kontrollinstanzen. Die sich selbst überlassene wissenschaftliche Rationalität - der wir uns bei jedem Arztbesuch tagtäglich bedenkenlos ausliefern - erzeugt in den Filmen des Kanadiers eine gesamtgesellschaftliche Kettenreaktion. In Parasitenmörder breitet sich unter den Bewohnern eines Luxus-Appartmenthauses eine Seuche aus. Die Befallenen formieren sich zu einer De-Sadeschen-Lust-Guerilla, die am Ende zur kopulativen Weltverschwörung ausschwärmt. In Rabid spielt Cronenberg das gleiche Motiv der entfesselten Natur aus der Perspektive des Staates durch, dessen Bürger infolge einer epidemisch sich verbreitenden Tollwut wild aufeinander losgehen: "Die Erschießung der Kranken ist nach Meinung unserer Fachärzte der einzige Weg, der Epidemie Herr zu werden," heißt es von offizieller Seite. Und: "Sonderkommandos mit Scharfschützen jagen jeden Kranken."

Ordnung und Chaos folgen bei Cronenberg ein und derselben - wissenschaftlichen Logik. Unter seinem analytischen Blick erscheint die Zivilisation wie ein Labor. "Man betrachte meine Filme aus der Perspektive der Krankheit. Man sieht dann, warum sie allen Versuchen widersteht, zerstört zu werden" sagt Cronenberg. Aus dieser Perspektive entpuppen sich residente Krankheiten als Triebkraft des Systems und bringen nur dessen eigentliche Struktur zum Vorschein. Das Chaos entpuppt sich bei Cronenberg als restriktive Ordnung des Genießens.

Im Gegensatz zu Don Siegels Invasion der Körperfresser (1956), wo die Aliens als Metapher der Sowjet-Invasion als empfindungslos-bürokratische Roboter auftreten, gieren die Lust-Zombies in Parasitenmörder nach abseitigem Genuß. Als Bewohner des Luxusappartmenthauses "Starliner" sind sie dabei nur Exponenten jenes konsumfetischisierenden Umfelds, das sie wie eine Plazenta umschließt. Eine Schlüsselszene aus Rabid spielt in einem riesigen Einkaufszentrum. Ein Passant fragt einen anderen nach Feuer. Statt Antwort zu geben, fällt dieser über ihn her und löst damit ein Feuerwerk der Sicherheitskräfte aus. Von Querschlägern durchsiebt, hängt ein Nikolaus in der Weihnachtsdekoration, der eben noch freundlich-doof Kinder angrinste.

Die abseitige Lustfixierung vollzieht sich stets in Gestalt einer organischen Metamorphose, die Cronenberg mit anatomischer Verbindlichkeit in Szene setzt. Wenn die handgroßen schwarzen Würmer in Parasitenmörder sich unter der Bauchdecke ihrer Wirtskörper regen, wissen wir, woher Ridley Scotts Idee stammt, sein Alien aus der Bauchdecke John Hurts kriechen zu lassen. In der Schlußszene von Die Brut hebt Samantha Eggar ihr Negligé an, so daß wir ihren Leib von Fußballgroßen Hautbeuteln überwuchert sehen. Mit den Zähnen beißt sie einen der Beutel auf und entnimmt ihm unter den Augen ihres entsetzten Ehemanns ein blutverschmiertes Killerbaby. Wobei ihr Blick das irrsinnige Leuchten derjenigen hat, die genau wissen, was sie tun.

Cronenbergs Filme haben einen in körperlichen Metastasen sich Ausdruck verschaffenden Wahnsinn zum Thema: Ein Wahn, der nicht die Schattenseite, sondern die Konsequenz der Vernunft darstellt. Die Metamorphosen des Leibes zeitigen jeweils ein von seiner genitalen Lokalisierung abgekoppeltes und damit zügelloses Lustempfinden. Dessen fiebrige Gier erscheint als logische Fortsetzung des normalen gesellschaftlichen Miteinanders: Die Logik des Kapitalismus im Register des Somatischen.