Frankfurter Allgemeine Zeitung, 9.12. 1993

  Männer unter sich: "M. Butterfly" als Film

Männer wissen am besten, wie Frauen sein sollen, damit die Männer sie lieben; wie sie sich darstellen müssen, um die männliche Phantasie zu beflügeln; was sie tun and lassen müssen, um als Geliebte ersehnt, begehrt, umworben zu werden. So ist es nur folgerichtig, daß die Rolle der Frau als Objekt von Verlangen and Verführung am wirkungsvollsten von einem Mann zu verkörpern ist. Die Geschichte vom französischen Botschaftsbuchhalter Rene Gallimard, der sich erst in die Opernrolle der Madame Butterfly, dann in ihren chinesischen Darsteller verliebt and in den achtzehn Jahren, die diese Affäre dauert, nicht bemerkt, daß er es mit einem Mann zu tun hat, ist also von vornherein nicht so unglaublich, wie Verlagsand Verleihwerbung weismachen wollen.

Schon eher unglaublich ist, daß der kanadische Regisseur David Cronenberg, bisher fast ausschließlich im fantastischen Horror-Genre tätig and mit Werken wie "Scanners", "The Fly" oder "Naked Lunch" zumindest als interessanter Filmemacher ausgewiesen, dem für ihn neuen Genre des Melodrama in dieser amerikanischen Auftragsproduktion nur eine spannungsarme Variante schwüler Gefühligkeit abgerungen hat.

Nach seinem gleichnamigen Broadway-Erfolg hat David Henry Hwang das Drehbuch zu "M. Butterfly" geschrieben. Gleichzeitig erschien der Enthüllungsroman "Die unglaubliche Affäre des M. Butterfly" von Joyce Wadler. All diesen Werken liegt eine angeblich wahre Geschichte zugrunde, die in den sechziger Jahren in Peking begann and in den Achtzigern in Paris endete. In ihr vermischt sich die romantische Exotik der Schauplätze mit der romantischen Verwirrung der Gefühle, verschwimmen Träume, Phantasien and Wirklichkeit mit einem Spionagefall, der historisch zwar unerheblich ist, der aber das Leitmotiv des Films zu einer Fanfare des _Nichts ist, wie es scheint" anschwellen läßt. Es ist kennzeichnend für Cronenbergs Flucht ins Ungefähre, daß über Inhalt, Brisanz und Folgen der ausspionierten Berufsgeheimnisse von Rene Gallimard in dem Film nichts bekannt wird.

Von Anfang an offensichtlich ist hingegen, daß Madame Butterfly im richtigen Leben ein Mann (John Lone) ist, mit etwas groben Gesichtszügen and einem kräftigen Knochenbau. Nicht erotische Phantasie hat ihn modelliert, der Geheimdienst hat ihn verkleidet. Selbst in Cronenbergs China, einem rätselhaften Ort der Uneindeutigkeit and Fremdheit ohne jede Realität, könnte dies eigentlich auch dem etwas tumben Rene Gallimard (Jeremy Irons) nicht verborgen bleiben. Denn dieser versteht von Frauen immerhin so viel, daß er eine geheiratet hat (Barbara Sukowa). Sie allein, während ihres kurzen Filmdaseins äußerst fotogen verschnupft, gibt "M. Butterfly" für wenige Minuten einen Anflug bodenständiger Normalität. Doch dann verschwindet diese Figur ohne Aufhebens und Erklärung. Rene Gallimard indessen, nach fast zwanzig Jahren and sehr langen einhundert Filmminuten endlich in einem Gerichtsverfahren über seinen Irrtum aufgeklärt, stirbt den Liebestod von eigener Hand. Eine billige Lösung für einen zu teuren Film.

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