Frankfurter Allgemeine Zeitung, 4.11. 1996


Süchtig nach Blut und Blech

Kunst oder Pornographie:

David Cronenbergs umstrittener

Science-fiction-Film "Crash"

Dieser Film erregt die Gemüter. Nicht wenige Zuschauer lachen auch bei ernstgemeinten Szenen, and manche verlassen vorzeitig das Kino - am Wochenende in der Abendvorstellung schon etwas ungewöhnlich. Zerstritten sind vor allem aber die Kritiker. Seit dem Festival von Cannes gibt es zwei Parteien: Die eine hält "Crash'` für Kunst, die andere für Pornographie.

"Crash" beruht auf einem Roman von James G. Ballard, dem englischen Romantiker unter den Science-fiction-Autoren. Ballards Menschen leben in den Trümmern, die unsere Zivilisation der Nachwelt hinterlassen hat. Sie sind gequält von Melancholie, denn in der Trümmerwelt ihrer Seele geistern immer noch verstörende Erinnerungen an alte Ideale herum. an Liebe, Glück and Lebenssinn. Ballards Überlebende leiden an einer Art Resthumanität.

Auch James Ballard - so heißt die Hauptfigur schon im Roman - and seine Frau führen ein Albtraumleben in einer Betonwelt. Als Ballard nach einem Autounfall ins Krankenhaus muß and ein paar Wochen später wieder auf die Autobahn blickt, meint er, der- Verkehr habe sich inzwischen verdreifacht. Ein anderer glaubt, sogar eine Verzehnfachung zu bemerken und beide wissen nicht, ob es sich um Wirklichkeit oder Einbildung handelt. Aber der Unterschied ist fast gleichgültig geworden für diese Restmenschen am Rande der Autobahn. Sie sind es längst gewohnt, nur noch zu reagieren auf eine völlig außer Kontrolle geratene Welt. Auch ihr eigener Körper scheint seelenlos nur noch Reize zu reflektieren. Sexualität wird in diesem Film zu etwas bloß Mechanischem, Frustration zum Normalfall.

Das Paar gerät in die geschickt inszenierte Falle einer von Polizei and Verkehrsministerium verfolgten Bande von Fanatikern. Deren Mitglieder sind besessen von Autounfällen and von dem wissenschaftlichen Wahn, sic würden die Umformung des menschlichen Körpers durch neue Technologien gleichsam im Selbstversuch erforschen. So suchen sic beim Autofahren die Nähe des Todes, imitieren unter Lebensgefahr berühmte Unfälle wie den von James Dean oder Jayne Mansfield, sehnen sich nach Fahrten in authentischen Unfallwagen and erleben dieses Gebräu aus Blut und Blech als perverses sexuelles Stimulans.

Es gibt einige Sexszenen in diesem Film, aber nur, wer das Leere and Sinnlose, das Traurige und Trostlose darin unbedingt übersehen will, kann auf die Idee kommen, dies sei ein Pornofilm. Zur Pornographie fehlt "Crash" alles Verklärende, Flotte und Anreißerische. Mit großer Konsequenz wird ein langsames Erzähltempo eingehalten, niemals gibt es jene Ruck-Zuck-Dramaturgie, die heutzutage im Kino üblich ist und uns suggeriert, alles and jedes sei allzeit verfügbar. Der Gestus der visuellen Allverfügbarkeit, der einen Publikumsfilm wie "Independence Day" kennzeichnet, ist in Wahrheit pornographischer als die anrührend altmodische Melancholie von David Cronenbergs "Crash".

Völlig untauglich zur Pornographie ist vollends das Licht. Nichts Wichtiges wird hell ausgeleuchtet, in der "Crash"-Welt herrscht Finsternis oder doch eine metaphysische Dämmerung. Meisterhaft ist die Musik von Howard Shore, die dem Film etwas Halluzinatorisches verleiht. Auch die ausdrucksleeren Gesichter einiger Hauptdarsteller - James Spader. Deborah Unger, Holly Hunter - suggerieren einen Albtraum, in dem die Unfallsüchtigen sich wie in Trance bewegen.

Cronenberg hat eine Vorliebe für hyperrealistische Effekte. und wer sich an seinen Horrorfilm "Die Fliege" erinnert, weiß, daß Cronenberg zur Übertreibung neigt. Dieser Gefahr ist auch "Crash" nicht entgangen. Geradezu pedantisch werden die sexuellen Kombinationen durchgespielt, geschmacklos Prothesen und Narben ins Bild gerückt. Bei solchen Details ist der Pornographie-Vorwurf nachvollziehbar. Cronenberg bemüht sich hier um starke, möglichst neuartige Schocks, aber das Publikum scheint gerade auf diese Stellen, die so durchschaubar kalkuliert sind, eher mit distanzierendem Humor zu reagieren. Der künstlerische Charakter des intelligenten, geradezu klassisch erzählten Films wird durch ein paar "Stellen" nicht in Frage gestellt. WILFRIED WIEGAND