Frankfurter Allgemeine Zeitung 9.1.1987

Zauberlehrlings Opfer

 

Im Kino: David Cronenbergs Horrorfilm "Die Fliege"

Sein Experiment werde die Welt verändern, versichert der Physiker Seth Brundle der ungläubig lauschenden Journalistin Veronica und hat sich offensichtlich nie die Frage gestellt, ob überhaupt jemand diese Veränderung wünscht. Aber über solche Wünsche und Ablehnungen haben sich die Wissenschaftler schon immer hinweggesetzt, lehren die Filme von "Frankenstein" bis "Tarantula". Ob anspruchsvoller oder trivialer Film, die "mad scientists" waren verantwortlich für ebenso abstoßende wie gefährliche Mutationen, sie ließen ihre Opfer zu Zwergengröße schrumpfen oder versetzten sie in eine andere Epoche. Meist aber fielen die promovierten Zauberlehrlinge ihren eigenen Experimenten zum Opfer, ihr schreckliches Ende hatte damit für das Publikum etwas Beruhigendes.

Dieses Ende ist auch Seth Brundle vorgegeben, der zwar bei der Rede von seinem Projekt ein besseres Leben auf den Lippen führt, aber bei der verklärenden Vision vom Nobelpreis seine handfesten persönlichen Interessen offenbart. Seine Idee ist ein Teleportationsgerät, mit dem zunächst beliebige Materie und später auch lebende Organismen molekularisiert und computergesteuert an anderem Ort wieder zusammengesetzt werden können. Nach dem Fehlversuch mit einem Affen und einem Stück Steak, das anschließend "so synthetisch" schmeckt, ist der Rechnerfehler entschlüsselt: die EDV hat kein Vergnügen am Fleisch. Das Programm wird überarbeitet, der nächste Affe übersteht schadlos die Prozedur, und Seth wagt sich selbst in die bedrohlich leuchtende Kapsel. Die Technik wird beherrscht, hätte sich nur nicht die Fliege mit eingeschlichen, hätte der Computer nicht die Geninformationen von Mensch und Insekt neu gemischt.

Die Kurzgeschichte von George Langelaan wurde schon einmal im Jahr 1958 von Kurt Neumann verfilmt. Der Kanadier David Cronenberg, der sich mit "Rabid", "The brood" und "Scanners" den Ruf eines kompromißlosen Dramaturgen des Schocks gesichert hat, bleibt sich auch in "The fly" treu. In seiner Darstellung der scheinbar klinisch sauberen Forschungsarbeit setzt er überraschend einen blutigen Punkt, ergänzt das sterile Tüpfelchen am Terminal durch den nicht eben appetitlichen Realismus des Tierversuchs. Später protokolliert er die Überwältigung des menschlichen Organismus durch die vitalen Tiergene in einem auf mehrere Phasen verteilten Ekelerlebnis, dem es völlig am Befriedigungsangebot für pathologische Gemüter fehlt, wenn auch die bedrohliche Vision möglicher menschlicher Degeneration mit spekulativen Hintergedanken in dramaturgische Häppchen aufgeteilt wurde. Damit gehört "Die Fliege" zu den Filmen, die man gern hinter sich gebracht hat.

Besser als die durchdachten und trotzdem nicht mehr überraschenden Maskeneffekte ist die Charakterisierung des Übeltäters geraten, dessen Psychogramm immer wieder spielerisch angedeutet wird. Auf einer Prominentenparty taucht er erstmals auf, ein ebenso geschwätziger wie verklemmter Typus, der eine langhaarige Schönheit mit seinem Experiment in die Wohnung lockt wie andere mit der berühmten Briefmarkensammlung. Hauptunterschied ist nur, daß Seth tatsächlich nur mit seiner Arbeit renommieren will. Und in seinem Labor, wie üblich ein subversives Hinterhof-Quartier, läßt er sich von der Tastatur seines Computers stärker elektrisieren als vom weiblichen Eros. Als er einmal, vom Erfolg und vom Champagner benebelt, spontan arbeitet, unterläuft ihm prompt der verhängnisvolle Fehler. Den Rest besorgt die Fliege, das Insektengen demontiert die zivilisatorischen Stärken und Schwächen, der Intellektuelle verfällt erst einer animalischen Triebhaftigkeit, einer überdrehten Motorik und schließlich einer kaum nachvollziehbaren Mitleidlosigkeit.

Jürgen Richter