Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.2. 1992

Schlafpulver

Berlinale: David Cronenbergs "Naked Lunch"

Der Kult mit dem Kultbegriff trägt längst inflationäre Züge. Es braucht heute nicht viel, daß ein Roman zum Kultbuch und das wieder zum Kultfilm sich mausert. Anfang der sechziger Jahre, als William S. Burroughs "Naked Lunch" zur Bibel der Beatniks wurde, war das ehrfürchtige Erschauern oder die Entrüstung, die etliche Verbote nach sich zog, noch wahrer. Die Droge als Spender kreativer Impulse mochte gesellschaftlich geächtet sein, aber die Künstler sollten gefälligst selbst sehen, wie sie damit zurecht kamen.

Der Rausch der Halluzinationen, die Burroughs in einer Mischung aus Science-fiction und Agentenphantasie, Autobiographie und Porngraphie zusammengebraut hatte, galt als unmöglich zu verfilmen. Von dem kanadischen Regisseur David Cronenberg wird das Diktum kolportiert, eine werkgetreue Umsetzung würde vierhundert Millionen Dollar kosten und wäre in jedem Land der Erde verboten. Dieser Cronenberg ist aber auch ein Mann, den allein das Unmögliche reizt, und so verfolgte er seit zehn Jahren den Plan, das in Fragmenten zersplitterte Buch in einen filmischen Rahmen zu fassen. Als britisch-kanadische Koproduktion war sein Werk nun ein Magnet im Wettbewerb der Berlinale, doch nach der ersten Vorführung rührte sich keine Hand. Der erwartete Schock war Ernüchterung gewichen.

Cronenberg, auch für das Drehbuch zeichnend, hat den ungebärdigen Gedankenstrom von Burroughs in lineare Erzählbahnen gelenkt und sich, den Roman noch einmal mit der Autobiographie seines Autors kreuzend, hauptsächlich auf den Schaffensprozeß des Künstlers konzentriert. Im New York der fünfziger Jahre wird ein Kammerjäger, der im Drogenrausch versehentlich seine Frau erschoß, in eine imaginierte "Interzone" verschlagen, wo ihm ein verzweifelter Zweikampf mit sich selber blüht. Die Monstrositäten, die er zu fliehen sucht, sind Ausgeburten des eigenen Wahns: quallige Phantasmagorien der ungelebten Sexualität, grausame Visionen des Schöpfers vom Moment der Erschöpfung.

Die Phobie des Schreibers vor dem Geschriebenen gebiert wüste Träume. "Barton Fink", der brillante Film der Brüder Coen, wußte davon eine Geschichte zu erzählen. Bei Cronenberg aber reicht der Griff ins Halluzinierte nur bis zu den nächstbesten Comics. Maskenbildner und der Mann für die Spezialeffekte haben Hochkonjunktur. Ein bißchen Ekel, ein bißchen Horror, Schreibmaschinen als Riesenkäfer mit pulsierendem Anus, ein künstlicher Penis, aus dem Sperma tropft. Die Provokation bleibt ganz brav. Wie im somnambulen Tran schlurft der Hauptdarsteller Peter Weller, der in der Maskenstarre des Maschinenmenschen Robocop besser aufgehoben war, durch das Geschehen und hinterläßt ein paar Schlieren auf den Bildern. "Naked Lunch" als Film möchte eine Droge sein, und ist es: Schlafpulver.

Hans-Dieter Seidel