Frankfurter Allgemeine Zeitung, 9. Februar 1989, Nr. 34

Doppelpaß ins Verderben

Im Kino: "Die Unzertrennlichen" von David Cronenberg

Schon als Schüler hatten sie die gleichen Gedanken, die gleiche Interessen, als Studenten arbeiteten sie an der gemeinsamen Erfindung, und als angesehene Ärzte führte sie die gemeinsame Praxis. Elliot und Beverly sind als eineiige Zwillinge schicksalhaft verbunden. Und das bekommt ihnen zunächst gut beim reibungslosen Erfolg im Beruf und bei den Frauen. Auch wenn die Rollenverteilung als ungerecht erscheint, ist sie doch die ideale Ergänzung. Der sensible und grüblerische Beverly erarbeitet neue Methoden und Geräte, der charmante und zynische Elliot nimmt dafür bei der Feierstunde die Ovationen entgegen. Umgekehrt erobert der weltläufige und offenherzigen der beiden Brüder die Frauen, um sie anschließend dem schüchternen Partner zu überlassen.

Das ist eine auf Zweckdienlichkeit  ausgerichtete Gemeinschaft, die den emotionalen Zug kaum ertragen könnte. Deshalb konkretisieren sich die Unvereinbarkeiten zunehmend, wenn Beverly mit der Praxisarbeit mehr und mehr allein gelassen wird und Elliot als Hochschullehrer glänzt. Vor allem, als der Sensible dem Zyniker nicht mehr zu folgen vermag, als er sich in eine der gemeinsamen Affären verliebt und die distanzierte prosaische Einstellung des Gynäkologen zur Frau verliert. Einerseits kann er die Rolle des unbeteiligten Genießers nicht mehr mitspielen, andererseits gerät er im Einzugsbereich des lasziven Filmstars Claire in einen zerstörerischen und asozialen Sog.

Die Psychopillen, die zum Verführungsrepertoire der beiden Mediziner bei neurotischen Erfolgfrauen gehören, sie ergreifen zunehmend von ihm selbst Besitz. Und der Bruder, der die Entgleisungen des anderen vor der Öffentlichkeit zu kaschieren oder zu entschuldigen weiß, kann sich nicht lösen von jenem Genie, das er immer ausgenutzt und repräsentiert hat. Er kann sich nicht für den Karriereweg auf eigene Faust entscheiden, er sucht aufs neue die seelische Einheit durch den eigenen Abstieg, rekonstruiert die Verwandtschaft des Bluts, indem er das eigene mit den gleichen Tabletten vergiftet. Die galoppierende Selbstzerstörung erscheint in der Doppelung des doch gleichen Schicksals, die beiden Täter und Opfer können nur resignieren: "Armer Eli", "Armer Bev", kommentieren sie die Last, die sie dem anderen aufnötigen.

Mit dem Film "Die Unzertrennlichen" hat sich der Horror-Regisseur David Cronenberg emanzipiert vom Image des ungezügelten Phantasten. Der radikale Darsteller unaussprechlicher Leidenschaften und Nöte hat sich gewandelt zum einfühlsamen Menschenführer im Labyrinth der Psychosen. Er kommt ohne die Latexwucherungen der Maskenbildner bei der Illustration psychischer Abnormalitäten aus - im Gegenteil: Er führt selbst vor, wie sich deformierte Gedankengänge materialisieren können in krankhaften Skulpturen. Es ist Beverly, dem der Mensch immer als anatomischer Baukasten und nie als beseeltes Individuum begegnet ist, der aus einer Begegnung mit einer organisch anomalen Patientin erst eine erste große Leidenschaft mobilisiert und anschließend seine fixe Idee von der pathologischen Krankhaftigkeit aller Frauen. Für sie entwickelt er eine Galerie bedrohlicher Apparaturen, in denen der Schrecken der Operationstechnik mit dem Ekel des abnormalen Wachstums verbunden ist, in deren Konstruktion die Funktion zum Selbstzweck und der Patient zur Bühnw medizinischer Ambitionen verkommen sind.

Das klassische Kino-Motiv vom mad scientist, hier wird es einmal entmystifiziert. Die beiden aus der Kontrolle geratenen Doktores streben nicht wie Kollege Mabuse nach Macht und Reichtum, bei ihnen hat sich einfach ihr der Wissenschaft gewidmeter Geist verselbständigt. Sie wissen genau, was sie leisten können. Aber sie wissen nicht mehr, für wen oder für was sie es leisten sollen.

Deshalb entgleitet ihnen auch die Droge, deshalb mißlingt der professionell angelegte Doppelpaß mit Amphetamin und Barbiturat, die organische und seelische Programmierung mit der Chemotherapie. Gerade mit der eigenen Verschreibungskompetenz, die den Arzt vom Arzt unabhängig macht, ist den beiden kranken Brüdern eine tödliche Waffe zum Selbstmord in die Hand gegeben. Ihr makabres Ende macht bewußt, daß diese Waffe auch zum Mord geeignet ist.

Der Kanadier Cronenberg hat seine Absetzbewegung weg vom B-Picture auch mit der Investition in die Schauspieler betrieben. Neben der gewohnt eigenwilligen, aber von der Regie doch etwas vernachlässigten Geniève Bujold leistet Jeremy Irons in der Doppelrolle ein nuancenreiches Minenspiel, wenn er  beherrscht und engagiert die zwei Charaktere des gleichen Menschen abwechselnd andeutet und aufblitzen läßt. Zum bösen Ende kriecht er, mit seinem noch einmal von der Tricktechnik verdoppelten Körper, zurück in die Welt, die ihm alles brachte und die ihn alles kostete. In der verlassenen und von seinen chaotischen Herren verwüsteten Praxis versinkt er im Müll der Instrumente und Medikamente.

Jürgen Richter