filmforum Heft 20 (Nr. 5 November / Dezember 1999), p. 36-37

Verlorene Identitäten

 

Die drei jüngsten Filme von D. Cronenberg

 

David Cronenbergs bisher vorletzter Film CRASH endete mit einem inner- wie außerfilmischen Versprechen: "Maybe the next one". Die, die diese Verheißung in CRASH äußern, sind zwei Liebende: am Ende eines Versuchs, eines (Geschlechts-)Aktes und eines Films. Der Ausspruch wirkt programmatisch. Das nächste Mal: der nächste Film ist im Oeuvre des kanadischen Regisseurs immer ein neuer Versuch, den eigenen Faden weiterzuspinnen. Sein Gesamtwerk erscheint dabei überaus hermetisch und in eine Richtung drängend. Sie zu bestimmen, heißt immer auch, Cronenberg etwas unterstellen zu wollen, und dennoch fühlt man sich angesichts der Filme Cronenbergs genötigt, dessen Systeme, Möglichkeiten und Experimente zu benennen. Sie sind einmalig und doch ineinander verschlungen, bedingen sich und wollen gar nicht allein gelassen werden.

Das "nächste Mal" nach CRASH ist Cronenbergs aktueller Film EXISTENZ, der am 11. November 1999 startet. Wieder ist der Film ein weiterer Versuch, das eigene Gerüst aufzubauen, eine eigene Identität zu beweisen.

Software in EXISTENZ

EXISTENZ ist neben VIDEODROME wohl Cronenbergs komplexester Versuch, ein anderes Medium in einem Film auch als transformierendes Medium darzustellen. War es in VIDEODROME das Fernsehen und die Videotechnik, so ist es heute für Cronenberg der Computer als Medium, vielmehr noch dessen Software, die ihn fasziniert. Er bleibt aber nicht an dem Punkt stehen, wo in einem Film Computerfreaks, leistungsfähige Rechner oder lächerliche Cyberwelten dargestellt werden. Cronenbergs Versuch endet in dem komplexen Abriß einer Software (-Geschichte) als Film. Das klingt verwirrend, und diesen Eindruck trägt der Zuschauer auch aus dem Film hinaus. Was Cronenberg nicht zeigen will, ist ein Film, der sich mit Computerprogrammen, -spielen oder Technikwelten beschäftigt. Sein Film ist Programmiersprache, das Programm oder die Speichereinheit als sie selbst. Deshalb ist die Rezeption mit Hilfe des narrativen Allgemeinguts des Kinozuschauers auch gestört, weil er nicht eine (Film-)Geschichte erzählt bekommt. Die Leinwand ist nunmehr Monitor und das Erzählte ein Computerrollenspiel; mit allen Feinheiten, Gleichförmigkeiten und Systemabstürzen.

Zu Beginn suggeriert der Film, daß eine bekannte Softwarefirma ein neues interaktives Computerspiel mit Namen "eXistenZ" entwickelt hat. Ein gutes Dutzend Probanden soll das Spiel testen, und so steigen sie - mit ihnen der Zuschauer - in die neue Welt ein. Die Vorführung gerät außer Kontrolle, und ein Attentäter schießt die Programmiererin Allegra Geller (Jennifer Jason Leigh) an. Sie kann mit Hilfe des Angestellten Ted Pikul (Jude Law) fliehen. Doch in welche Welt - in welche Identität? - Sie fliehen in die Welt von EXISTENZ - dem Film und der neuen Software (im Film). Diese Doppelbenennung verwirrt, macht aber Sinn, denn Cronenberg erzählt in seinen Bildern nur von Bildern einer Software-Welt, also nicht von einem Film darüber. Alles was der Zuschauer wahrnimmt, entstammt dem Programm "eXistenZ". Somit sind alle Schauspieler Charaktere eines Rollenspiels und alle Orte imaginäre Räume. Damit ist Cronenberg am Kino näher dran als andere Regisseure, denn was bildet das Kino ab, wenn nicht Imaginationen? Gleichzeitig ist die Entfernung vom Kino in EXISTENZ größtmöglich, weil diese neue Kinowelt keine ist, sondern eine "neue Software".

Damit stößt Cronenbergs Film an die Grenzen seiner Zuschauer. Wer sich nicht darauf einläßt, eine Software zu betrachten, wird enttäuscht oder ist schlichtweg verärgert. Die neuen Welten, die man hier betrachtet, sind nicht real, und wollen es auch nicht sein. Dem Sehen von EXISTENZ geht ein Bewußtsein für die Wahrnehmung von Computerrollenspielen und ihren Topoi voraus. Nicht das gezeigt Kinobild ist absurd, sondern die meisten Computerspielgeschichten sind es, und weil Cronenberg sie abgleicht, gibt es in seinem Film keinen Anhaltspunkt für filmische Realitäten. Damit ist man zwar direkt beim Genre des Science-fiction oder Horrors angekommen, aber diese Einteilung funktioniert nicht für EXISTENZ. Zwar sind Wesen und Welten, Flora und Fauna überaus utopisch gestaltet und kreiert, aber sie folgen nur den Strukturen von Cyberwelten. Wo Cronenberg mit Licht, Montage und mise en scène Film inszeniert, rechnen Programmierer mit Zahlen in (Computer-)Sprachen. Beide bedienen sich ihres Handwerks. Nur Cronenberg geht weiter, ahmt die andere Arbeit in ihrem Endprodukt nach. Doch gerade diese neuartige Simulation erstaunt und verstört zugleich.

Spannend wird EXISTENZ, wenn der mit Computerspielen erprobte Zuschauer Wiedererkennungsmomente erfährt. Wenn Cronenberg sogenannte game loops inszeniert, mag das für den gewöhnlichen Zuschauer zuerst seltsam, dann amüsant sein. Für den Spieler aber ist dieser Moment bekannt und enervierend. In solchen Momenten geht das Computerspiel erst weiter, wenn die Eingabe des Spielers mit der "Erwartung" des Rechners übereinstimmt. Hat der Spieler Informationen vergessen, einen Schlüssel nicht gefunden oder ist ihm das Codewort entfallen, so wird das Spiel nicht weitergehen. Der Computer wartet auf den richtigen Input.

Cronenberg inszeniert diesen "Sprung auf der Schallplatte" bestechend und aufreibend. Kein Zuschauer, der nicht im Saal sitzt und sich einen Joystick wünscht - oder wie das Gerät im Film heißt: einen "MetaFlesh Game-Pod". Cronenbergs innerfilmische Hardware, die Voraussetzung, um "eXistenZ" spielen zu können, ist nach biologischen Vorbildern designt. Überhaupt steht Cronenbergs Auffassung von Technik längst nicht mehr im Widerspruch zur Natur. Durch all seine Filme zieht sich ein Verständnis von Transformation von Fleisch und Metall, von Mensch und Maschine. In solchen Welten scheint die menschliche Identität längst verloren, und dennoch entsteht immer wieder etwas neues, etwas anderes. Die Hardware in EXISTENZ ist ein Modul, dessen Äußeres an ein Organ erinnert. Auf dem fleischfarbenen Körper befinden sich kleine Nippel, die beim Berühren ein wellenartiges Bewegen und Zucken des ganzen Moduls auslösen. Eine filmische Erklärung macht schnell klar, daß diese Hardware eher ein Tier als eine Spielkonsole ist. Ohne Energie kann auch der MetaFlesh Game-Pod nicht arbeiten, und so stiehlt er sich die nötigen Ressourcen und Daten bei seinen Spielern. Sie werden über den UmbyCord und den UmbyJack miteinander verbunden. Was sich seltsam liest, sieht bei Cronenberg auch so aus. Der UmbyCord ist eine Nabelschnur, die der Spieler in das Modul steckt und mit seinem eigenen Rückenmark verbindet. Dort wird zuvor, um "eXistenZ" spielen zu können, ein Bioport "installiert". Eine kleine, runde Öffnung, ähnlich einem Kopfhörerausgang, in dem der Nabelschnurstecker die Verbindung vervollständig. So verbunden ist des Spielers Rücken über eine Nabelschnur mit der Konsole und mit dem Spiel. Das Nervensystem des Körpers tut dann sein übriges: Willkommen in "eXistenZ".

CRASH - Ein Liebesfilm

In Cronenbergs mißlungenen Rennfahrerfilm FAST COMPANY aus dem Jahre 1979 sagt ein Rennfahrer zu seinem Kollegen: "I saw the crash on TV. It looks great." Wie eine seltsame Prophezeiung wirkt der Satz, schaut man auf das nunmehr vervollständigte Gesamtwerk zurück. 1996 sollte sie sich erfüllen.

Nach dem letzten Unfall des Films fragt der Ehemann James seine Frau Catherine: "Bist Du verletzt?" Sie antwortet: "Ich weiß nicht. Es ist nichts passiert." Die Fragen haben zu diesem Zeitpunkt des Films einen ganz eigenen Subtext entwickelt. Dieses "nichts passiert" bedeutet nur: diese Frau hatte keinen Orgasmus, und die Frage des Mannes bezeichnet nur den Wunsch seiner und ihrer sexuellen Erfüllung. Da es nicht funktioniert hat, endet der Film mit dem Verweis auf ein nächstes Mal. Die andere Ebene neben dem Liebesfilm - und auch mit ihm verschlugen - ist die Faszination des Metalls. Die auch das vorangegangene Zitat von FAST COMPANY illustriert. Ein Unfall wirkt deshalb so einzigartig, weil eine Umwandlung sichtbar wird und zwar innerhalb kürzester zeit. Zumeist geschieht dies plötzlich und unerwartet. Was bei Cronenbergs CRASH abstoßend wirken könnte, ist diese fehlende Moment des Unerwarteten, denn der Film forciert und beraubt diese Zufälligkeit. Die Menschen bauen Unfälle, weil sie keine Zeit haben, sehnsüchtig auf das Schicksal zu warten. Eine Sehnsucht, die mit der Deformation von Körpern einhergeht.

Die glatten Oberflächen erfahren durch Unfälle Risse. Diese Risse haben in CRASH unglaubliche Ähnlichkeit mit menschlichen Körperteilen. Eine zusammengestoßene Autotür sieht nicht mehr aus wie bloßes verbogenes Blech, es nimmt die Form einer Vulva an. Sie verlieben sich in und im Metall. Ihre Körper schweißt es zusammen, selbst wenn ein Crash sie zerreißen könnte. Erst das Bewußtsein ihrer Körperlichkeit kann das Wissen um Identität nach sich ziehen. Nichst anderes suchen die Figuren in diesen heftigen Unfällen und wechselnden Geschlechtspartnern: Ihre eigene Identität.

Diesem vermeintlichen Egotrip stellt Cronenberg eine ruhige, fast lethargische Inszenierung gegenüber. Die Sprache des Films ist zärtlich und sanft. Sie steht im krassen Gegensatz zu den Beschleunigungen, die die Technik im Film bereithält. Selten war ein Film so sinnlich. Ausgenommen M.BUTTERFLY.

Melos und Drama - M. BUTTERFLY

Mit M.BUTTERFLY wendet sich David Cronenberg einem Genre zu, das sich, wie kein zweites, mit den Identitäten von Menschen beschäftigt: dem Melodram. Auch die frühen Filme des Regisseurs waren mit Elementen des Genres durchsetzt, aber nie gelang Cronenberg eine derart klassische Version des Melodrams wie in M.BUTTERFLY. Nicht zuletzt dieser Umstand läßt den Film als wunden Punkt im Oeuvre erscheinen, aber nur in soweit wie die Verwandheit und Einschränkung der Person Cronenbergs auf Horrorfilme als maßgebend gewertet wird. Schnell waren in Kritikern von Notlösungen zu lesen, die von "innerem Horror" sprachen, der dem Film und der Geschichte innewohnte. Diese Reduktion wird M.BUTTERFLY und vor allem Cronenberg nicht gerecht. Dennoch meint auch sie - etwas hilflos - ein Verlorengehen der Identität und die daraus folgende Angst.

"The point is the music, not the story", sagt der Opernsänger zu dem französischen Diplomaten (Jeremy Irons), der glaubt, die Frau vor sich zu haben, in die er sich verliebt hat. Sie reden von "Madame Butterfly" - der Frau, die sich in einen Amerikaner verliebt, der sie heiratet, wieder verläßt und nicht zurückkehrt. Die Frau offenbart auf der Bühne des Theaters ihre Gefühle. So nahm die Geschichte des Melodrams ihren Ursprung. Ein theatrales Todeslied über eine unerträgliche Liebe. Während dieser Todesszene verliebt sich der Mann in die Sängerin, die keine ist. Hier verzeichnet Cronenberg den ersten Bruch zwischen den Identitäten, doch zunächst weiß der Zuschauer nichts davon.

Eine zweite Ebene des Films erzählt von den Motiven der Liebenden. Der Opernsänger nutzt die Beziehung zur Spionage, das verstärkt die Melodramatik des anderen Motivs: Der uneingeschränkten Liebe des Mannes, der sich selbst in seiner Hingabe vorbehaltlos ausbeuten läßt. Im Melodram endet dieser Exzeß meist mit dem Tod. Erst dann stimmt die Ohnmacht des Augenblicks mit der Identität des Liebenden überein.

All diese Motive finden sich in klassischen Melodramen wieder, und M.BUTTERFLY ist dieser Tradition verhaftet. Cronenberg fügt eine transformative Ebene ein, die es zuvor in dieser Ausrichtung im Melodram nicht gab. Der Wechsel der Geschlechter wird zum Austausch und zur Fusion von Identitäten. Der französische Diplomat wird am Ende eine Butterfly sein, und der Opernsänger der Mann, der längst aufgehört hat, eine Frau zu sein. Dabei sieht sich der Liebende abwechselnd mit dem eigenen und dem anderen Geschlecht konfrontiert, obwohl es immer ein und dasselbe ist. Das Geschlecht ist verschmolzen. Es gibt nur noch die Identität der Liebe und des Geliebtwerdens. Das Melodram ist augenblicklich ganz bei sich.

Die Zukunft des letzten Abgleichs

EXISTENZ bildet sicher nicht das Ende. Als verspäteter Einstieg in das Gesamtwerk des kanadischen Regisseurs ist der Film denkbar ungünstig und dennoch verheißungsvoll. Ob der Regisseur mit den jüngsten drei Filmen einem noch unbekannten Ziel näherkommt, bleibt Spekulation. Daß seine Suche nach verlorenen Identitäten immer wieder neu und anders beginnt, macht den Sehgenuß so spannend. EXISTENZ ist der erste Film nach 17 Jahren, dessen Geschichte Cronenberg wieder selbst entwarf. CRASH und M.BUTTERFLY waren literarische Vorlagen, die Cronenberg als Schablonen für den jeweils letzten Abgleich verwertete. Auch sie hatten Identitäten längst in sich, nur Cronenberg kehrte sie auf autarke Weise hervor. Mit EXISTENZ ist er der eigenen Welt wieder näher gerückt. Ihr Abgleich erscheint unausweichlich.

 

Marek Bringezu