Filter, Nummer 8, Februar 2001, p. 12-14

Deborah Kara Unger

BLOND MUSS SIE SEIN

 

Deborah Kara Unger, die künstlich-kühle Schönheit aus Cronenbergs "Crash", spielt in "Signs and Wonders" eine betrogene Liebhaberin. Wir trafen sie im Kempinski. Sie trank drei Stunden kalten Kaffee und sprach mit uns über unsere Liebe zu ihr. Simone Lang und Alexander Reich.

UNGER: Erst mal: Wie war "Signs and Wonders" für euch?

FILTER: Die Kaufhaus-Szene, in der du als Katherine mit Alec (Stellan Skarsgard) redest, war die erste  längere Szene, die uns interessiert hat, weil sie wegging von dieser Manie mit den Zeichen. Weil es da konkret wurde.

Das war auch die Szene, in der ich entdeckt habe, wie ich die Figur der Katherine spiele. Es ist sehr schwierig, wenn man eine Rolle hat, die von Anfang an so introvertiert und nicht wirklich sympathisch ist. Katherine ist ja beinahe so etwas wie eine Einbildung, eine Film-Einbildung, auf die die Möglichkeit bösen Handels projiziert wird. Und das genau ist meine Funktion: ein Charakter zu sein, auf den projiziert wird. So werde ich zum Objekt und man weiß eigentlich einen Scheißdreck über mich. Ich frage mich: wie spiel ich das? Ich muss also eine Stelle finden, um den Charakter herauszuarbeiten. Und in dieser Szene begreife ich, dass sie eine ziemlich unangepasste Person ist, unglaublich einsam und verängstigt, schwanger und schrecklich verliebt in einen Freak.

Du spielst ziemlich oft Figuren, die eher Projektionsflächen sind.

Inwiefern?

Dass sie eher Visionen als klassische Charaktere sind. Christine in "The Game" zum Beispiel.

Da gibt es tatsächlich eine Verbindung. Diese Unnahbarkeit und Kälte, durch die man zu der Figur nicht vordringen kann. Ähnlich ja auch in "Crash". Nicht wirklich sympathisch und blond muss sie sein [lacht]. Dennoch habe ich alle Charaktere verschieden interpretiert, ihnen unterschiedliche Stimmen gegeben, einen anderen Rhythmus und eine andere Energie - das ist hart, wenn der Anfangspunkt auf Papier vorgegeben ist mit immer der gleichen Anmerkung. Wenn ich an die Rolle gehe, muss ich also erst Leben einhauchen, muss eitel sein, und das ist schwer für mich, weil ich von Natur aus ein Spaßvogel bin, ein Arschloch, ein Dussel..., sehr, sehr verletzlich und hoffnungslos romantisch - ich würde gerne auch mal was anderes spielen. Das ist, als würdet ihr beim Schreiben total gerne Adjektive verwenden und jemand sagt zu euch: "Fuck that, heute sind nur Substantive erlaubt". Etwas mehr Beweglichkeit würde ich mir schon wünschen. Andererseits beschwere ich mich nicht, es ist eine interessante Reise.

Wenn du dir diese leere "Crash"-Welt, oder eben "The Game", "Signs and Wonders" ansiehst - betrachtest du die dann aus der Perspektive deiner Figuren oder hast du da eher deinen eben beschriebenen romantischen Blick?

Das ist abhängig von meiner Stimmung. "Signs and Wonders" würde ich nicht so gerne sehen, wenn ich besonders traurig oder desorientiert wäre. Als ich das erste Mal "Titanic" sah, hasste ich den Film. Ich konnte nicht aufhören, über ihn herzuziehen. Zufällig, gerade vor zwei Wochen, schaute ich ihn noch einmal, als ich bei Freunden babysitten war und plötzlich...

- OH MY GOD - ich liebte ihn. Derselbe Film, dieselbe Person - ein völlig anderes Ich. Beim zweiten Mal habe ich ganz andere Dinge gesehen. WIE die Geschichte erzählt wird zum Beispiel. Und so liebe ich "Crash", aber ich kann ihn nur in einer bestimmten Stimmung sehen. Ich habe mit David Cronenberg Witze gemacht: er solle doch ein Remake von "Vom Winde verweht" machen und mich als Vivien Leigh besetzen. Das wäre sein verfluchter Alptraum - ein großes romantisches Epos. Ich meine, in "Crash" ficken wir Metall! Mit ihm an der Rolle der Catherine zu arbeiten, auch wenn es verdammt hart war, hat mich in meinem Denken beweglicher gemacht. Ich mochte "Crash", als ich realisiert habe, dass es ein "warnendes Märchen" ist in einer Welt, in der wir per Internet 13-jährige in Texas ficken können, während wir hier in Berlin sitzen und reden. Wir könnten genauso gut Metall ficken. Es ist eine Metapher für zwischenmenschliche Beziehungen, die unter dem Zeichen des großen technischen Fortschritts stehen. Damit war es mir möglich, in meiner Rolle zu existieren, weil ich als Catherine zurück zum Verstand reise: Bis zu dem Punkt, an dem ich James küsse, also bis zur allerletzten Szene, bin ich die ganze Zeit über wie betäubt, nichts berührt mich. Aber im Moment des Kusses erinnere ich mich an meine Menschlichkeit, auch wenn es so ein langer, kranker Prozess ist, dorthin zu gelangen.

Das klingt so, als verstehst du dich als das genaue Gegenteil der Figuren, die du spielst. Wie ist das, glaubst du zum Beispiel ans Heiraten? An die Idee davon, das Versprechen auf ewig?

Ich bin ein altmodischer "romantic sucker" - Ja, ich glaube an die spirituelle Heirat. Ich bin unverbesserlich in dieser Beziehung, denn mir ist sie nicht passiert und das deprimiert mich sehr häufig. Mein Liebesleben war nie wirklich glücklich. Ich hatte schon die Hoffnung, bis jetzt jemanden getroffen zu haben, in den ich immer noch so richtig verliebt wäre. Obwohl ich wahrscheinlich eine Heuchlerin bin, weil ich jeden hassen würde, der die ganze Zeit um mich herumschleicht [lacht]. Trotzdem würde ich es lieben zu heiraten. Aber wahrscheinlich eher, um eine Entschuldigung für eine Party zu finden. Ich komme eben vom schlechtesten Paar der Welt - meiner Familie. Und ich bin nicht dafür, dass Leute zusammenbleiben, die sich nicht mehr dienlich sind. Bei einem Geschenk fürs Leben ist es manchmal hart zu erkennen, wann das Geschenkpapier weg ist und die Box leer ist. Als Romantikerin würde ich es natürlich lieben, jemanden zu haben, in den ich mein ganzes Leben lang verliebt wäre.

Und wie war Stellan Starsgard so?

Ich persönlich finde ihn ja so sexy [lacht]. Wenn man mit Leuten über Monate so intensiv arbeitet und man sie oder ihre künstlerische Arbeit emotional oder intellektuell bewundert - vielleicht wird man sogar richtig vertraut - dann ist da eine Schönheit, die passiert... - und ehrlich: die Männer, zu denen ich mich hingezogen fühle, waren nie klassisch schöne Männer. Mir ist das Mentale wichtig. Zum Beispiel David Cronenberg - ich hab mich total verknallt in ihn. Er weiß das, das ist okay, ich bin auch darüber hinweg. Dabei lernt man aber überraschender Weise mehr über sich selbst - darüber, wer man ist. Physische Unterschiede von Alter und Äußerlichem, die Grenzen sein könnten, lösen sich auf. Und je mehr wir über uns wissen, desto eher kann uns jemand umhauen, der aus dem Nichts auftaucht. Deshalb gebe ich überhaupt nichts darauf, in diese seltsamen Vorstellungen von "normaler" Beziehung reinzupassen.