Die Zeit 9.1. 1987

"Die Fliege" von David Cronenberg.

Einer der verstörendsten Filme des neuen Jahres ist eine Liebesgeschichte: Der linkische Physiker Seth Brundle (Jeff Goldblum) fasziniert die Journalistin Veronice Quaife (Geena Davis), als er ihr eine Erfindung vorführen kann, die "die Welt verändern wird". Gemeint ist die Teleportation, mit dem sich Gegenstände kodieren, atomisieren und schließlich wieder neu zusammensetzen lassen. Brundle glaubt an die Möglichkeit, mit dieser Methode auch Menschen in ihre Gene auflösen und über ihre DNS-Formel haargenau rekonstruieren zu können. Als er seine Hypothese im Selbstversuch zu verifizieren versucht, gerät eine Fliege mit in die Übertragungszelle und wird im Umwandlungsprozeß ein Teil Brundles. Die Integration äußert sich zunächst nur in seiner übermäßigen Sucht aus Süßes, dann scheint Brundle seinen bisher vernachlässigten Körper zu entdecken (weshalb er in der Teleportation eine "Reinigung" sieht) - bis der Wissenschaftler sein Aussehen zu verändern beginnt. Veronica sieht die Verwandlung mit Schaudern, das sich noch verstärkt, als sie feststellt, daß sie von dem mutierten Mann schwanger ist.

Brundle ist noch Wissenschaftler genug, um seinen neuen Zustand zu bemerken und seine allmählich hervortretende Fliegennatur genau zu beobachten. Einer nach dem anderen gehen ihm die Fingernägel verloren, Haare und Zähne fallen ihm aus, denn solcher Luxus wird in seinem körperlichen Verfall (als Mensch) oder in seinem evolutionären Fortschritt (auf dem Weg zur Fliege) überflüssig. Der ehemals attraktive Mann wird vor Veronicas Augen zum schleimigen sabbernden Monster.

David Cronenberg, selber ein fanatischer Wissenschaftler des Grauens und deshalb besessen von der Möglichkeit, die Zuschauer zu Tode zu erschrecken, führt in seinen Filmen eigene Alpträume vor. "Die Fliege", weit mehr als ein Remake von Kurt Neumanns Film aus dem Jahr 1958, interessiert sich für den Fortbestand der Liebe in den Zeiten von Krebs und Aids und sabotiert die gegenwärtige amerikanische Körperkultur. Der Schrecken, der in einer wahrhaft abstoßenden Abtreibungsszene (mit Cronenberg als Gynäkologen) kulminiert, bezieht seine überwältigende Kraft fast ausschließlich aus dem, was in den letzten dreißig Jahren möglich geworden ist. Das cineastische junk food dieses Genres erlaubt jede Verstiegenheit, weil es sich an keinerlei ästhetische Regeln halten muß. Der Horrorfilm in seiner Simplizität, seiner Grausamkeit und seiner Anarchie erzählt die Märchen von heute. Cronenbergs Film wird ein Klassiker werden.

Willi Winkler