Frankfurter Rundschau, 9.12.1993


Leidenschaftsdrama mit Jungfrauen-Geburt

David Cronenbergs Film über eine west-östliche Affäre: "M. Butterfly"


FRANKFURT A. M. Eine Geschichte wirkt nicht unbedingt deshalb glaubwürdiger, weil sie sich wirklich zugetragen hat. Die Anekdote aus der französischen Justiz- und Sittenchronik, auf die sich David Henry Hwangs Broadway-Hit M. Butterfly und David Cronenbergs gleichnamiger Film berufen, ist eine Bizarrie, die von einem Skandalblatt erfunden sein könnte.

Gegen Ende der Achtziger wurde in einem Pariser Spionageprozeß . gegen einen ehemaligen Angestellten der französischen Botschaft in Peking verhandelt. Der Angeklagte hatte 20 Jahre lang seine Beziehung zu einer Chinesin geheimgehalten, die angeblich im Sold der kommunistischen Regierung stand. Wenn es stimmt, was die Verhandlung zutage brachte, dann hätte jene Agentin die legendäre Mata Hari an Verstellungskunst noch übertroffen: Die Dame war nämlich ein Mann und trotz eines mehr oder weniger kontinuierlichen Verhältnisses, obwohl ihm sogar ein Kind untergeschoben wurde, behauptete der Angeklagte, einer Täuschung zum Opfer gefallen zu sein. "Wir trafen uns häufig im Dunkeln . . . Ich war anspruchslos, ich dachte, das sei in China so üblich", erklärte er seine erotische Fehlleistung.

Cronenbergs Bearbeitung des Stoffes geht davon aus, daß der Protagonist, der zwischenzeitlich zum Diplomaten beförderte Rene Gallimard - "alle Namen geändert" -, nicht etwa nachträglich versucht, eine homosexuelle Neigung oder seine Mitwisserschaft in der Spionageaffäre abzuleugnen, sondern bis zum Ende und darüber hinaus tatsächlich glaubt, eine Frau zu lieben: Er schafft sich seine Madame Butterfly nach einem Exotismus-Motiv des neunzehnten Jahrhunderts, nach dem Vorbild von Puccinis Opernheldin.

Doch während in der Oper die fernöstlicher Geliebte über dem Verrat ihres abendländischen Liebhabers zugrunde geht, kehrt der Film die Rollen um. Hier ist der Mann aus dem Westen der Betrogene, weil er, zutiefst in Konventionen gefangen, die Fremde und seine Romanze mit der schönen Sängerin Song Liling nur als Echo vorgeformter Phantasien begreift. Damit scheint der kanadische Regisseur David Cronenberg bei seinem Thema zu sein: Das Verhältnis von Sein und Schein, die Zwangsneurosen and Projektionen der überzivilisierten Psyche haben ihn schon in seinen frühen Horrorfilmen beschäftigt.

Gruselstücke wie Parasitenmörder, Die Brut oder noch Die Unzertrennlichen, der Film, mit dem Cronenberg endgültig über den Kreis der Kult- und Fangemeinde hinauswuchs, hatten gezeigt, wie der zugerichtete Trieb sich schließlich in entstellter. Form - als "body horror" Bahn bricht, und das Verstörende an dieser im Grunde nicht umwerfend neuen Ausformulierung eines Horror-Topos war die Selbstverständlichkeit, mit der der Regisseur die Krankheit als Normalzustand registrierte.

Angesichts von M. Butterfly, einer aufwendigen Produktion, die ihn zum erstenmal an Drehorte außerhalb Kanadas führte, stellt sich der Eindruck ein, Cronenberg habe die alten Dämonen zusammen mit dem zweifelhaften Image des Trash-Filmers endgültig austreiben wollen. Er unternimmt alle denkbaren Anstrengungen, die halbseidene Story das Drehbuch stammt übrigens vom Autor der Bühnenversion - zum großen Leidenschaftsdrama zu veredeln. Psychologisierender Ernst und die Versuche, die erotischen Implikationen zugunsten geläuterter Emotionalität herunterzuspielen, alles Bodennahe oder Unfeine auszuscheiden, bestimmen den Gestus der Erzählung.

Jeremy Irons spielt die Hauptrolle in kompromißlos identifikatorischem Stil; John Lone versucht als Liling "realness" herzustellen, aber die ironische Doppeldeutigkeit, die eine gelungene Travestie zum Triumph über die Sinne macht, wird von der Inszenierung gar nicht erst angestrebt. Kameramann Peter Suschitzky schließlich liefert mit seinen schwülromantischen, betont künstlich ausgeleuchteten Aufnahmen den theatralischen Auf- und Abgängen der Akteure das passende Umfeld: "Orientalische" Nächte in Lapislazuli-Blau, Purpurrot und Gold.

Neil Jordans Film The Crying Game, der mit einem ganz ähnlichen Sujet in den USA zum Überrraschungserfolg wurde und das Vorbild für die Butterfly Kampagne lieferte, begriff seine Verwechslungsgeschichte als Farce, unterlegte sie mit komischen Tönen und Camp-Elementen. Der Zuschauer ist in die Täuschung einbezogen, wird mit dem Protagonisten verführt und in seinen Rollenerwartungen verunsichert: Nachdem der "Betrug" aufgedeckt ist, nimmt er wahr, daß das ganze szenische Ambiente sich plötzlich geändert hat - was etwa vorher wie eine Hetero-Bar aussah, ist nun von "drag queens" and Homosexuellen bevölkert.

Cronenberg gelingt es an keiner Stelle, die Settings und Figuren auf solch schillernde Weise in Beziehung zu setzen: Alles ist, was es ist, die verschiedenen Welten - hier die muffigverstaubte des diplomatischen Korps, dort die exotischleuchtende der chinesischen Oper - sind in glatte Oppositionsbildungen aufgelöst, die den Klischees vergangener Zeiten auch dann noch verhaftet sind, wenn sie vorgeben, jene aufzudecken. Merkwürdig dezent, so trügerisch vornehm sind die Bilder einer libidinösen Verstrickung geraten, daß sie die Spekulation nur anheizen - nicht künstlerische Sublimation ist hier am Werk, sondern jene Prüderie, die den trüben Untergrund der Sensationsiust bildet

Der Film leistet selbst der Verdrängung Vorschub, indem er dem Auge jeden Augenblick vorenthält, der die durchschnittliche, weiße, heterosexuelle Norm kritisieren könnte, indem er die Verführung als bloßes - politisch motiviertes Komplott in Szene setzt und das rein sinnliche Bedürfnis ins Anrüchige verschiebt: ein Held, der seiner Angebeteten in 20 Jahren nicht einmal unter die Rökke schauen möchte und offenbar an die Möglichkeit der Jungfrauen-Geburt Zeugung "a tergo"? - glaubt, sollte nicht komisch sein dürfen? "im Dunkeln ist gut munkeln", sagt der Volksmund, und Weisheiten dieser Art muß Cronenberg allzu wörtlich genommen haben, als er seine fatale westöstliche Affäre filmte. - (Eldorado, Harmonie) SABINE HORST