Frankfurter Rundschau, 7.1. 1987

 

Gemischtes Doppel

David Cronenbergs Horrorfilm "Die Fliege"

FRANKFURT A. M. In einem kleinen deutschen Königreich vertreibt sich ein höchlich gelangweilter Jüngling die Zeit u.a. damit, daß er ein Liedlein summt, in dem eine Fliege an der Wand sitzt, "a Fleig", wie der mundartliche Ausdruck lautet. Anderthalb Jahrhunderte später werden wir eines anderen jungen Mannes ansichtig, der zwar nicht singt oder summt (noch nicht), jedoch Klavier spielt, der sich keineswegs langweilt, vielmehr als besessener Wissenschaftler an einem revolutionären Experiment arbeitet: Es gelingt ihm, tote wie lebende Materie in ihre kleinsten Bestandteile aufzulösen and andernorts exakt wieder aufzubauen.

Dazu bedarf er zweier Wigwam-ähnlicher Behältnisse (links rein, rechts raus) sowie eines erstklassigen Computers. Nachdem es mit einem Affen im zweiten Anlauf geklappt hat - der erste förderte nur ein blutig zappelndes Gebilde zutage -, wird Dr. Brundle übermütig and schreitet zum Selbstversuch. Dabei übersieht er leider, daß eine Stubenrespektive Laborfliege mit ihm Platz nimmt. Sie erleben gemeinsam jene "Teleportation" and überfordern damit den Rechner: der mixt die beiden Lebewesen ineins, was sich nicht sogleich, allmählich aber and immer fürchterlicher bemerkbar macht. Dr. Brundle mutiert zur "Brundle-Fliege", bei sich gräulich veränderndem Außeren, jedoch klarem menschlichem Verstande. So sitzt er denn eines unseligen Tages nicht nur wie, sondern als eine Fleig an der Wand, ja an der Decke.

Im Jahre 1958 gab's schon einmal einen Film _Die Fliege", dem des Erfolges wegen zwei weitere nachgeschickt wurden. Damals mußte sich Vincent Price mit einem Fliegenkopf and einem Fliegenarm begnügen. Im Remake hingegen werden nun Jeff Goldblum (dunkelhaarig, 'großäugig; schwellmundig bekannt -- zuletzt aus John Landis' "Kopfüber in die Nacht",) nacheinander ein halbes Dutzend Latexkostüme angepaßt; homo sapiens und calliphora vomitra gehen nach und nach eine ganz eigene and zugleich ziemlich beliebige Verbindung ein: weder Mensch noch Fliege, sondern ein aussätziges Horrorwesen auf der Höhe der Kinozeit, ein bißchen Alien mit ET-Touch.

Letzteres macht durchaus Sinn, nimmt doch die Brundle-Fliege an ihrer Seinswerdung mit humaner Neugier lebhaften Anteil, sogar mit wissenschaftlichem Sarkasmus. Genau besehen, trägt's der Doktor fast mit Gelassenheit, betrachtet sich primär als Opfer eigener Nachlässigkeit. Freilich steht ihm die ganze schreckliche Zeit über eine Frau zur Seite, wahre Liebe läßt von Horror sich nicht schrecken. Allerdings wirkt die Love-Story mit zusätzlich angepappter Dreier-Eifersuchts-Erschwernis nicht eben zwingend, wie auch der Film des bereits mehrfach einschlägig hervorgetretenen Kanadiers David Cronenberg ("Scanners", "Dead Zone") keineswegs durch brillante Inszenierung glänzt. Er kommt langsam nur auf Touren, and die gesamte Labor-Experimental-Situation wirkt durchaus ateliermäßig.

Des Fliegenmannes Ausbildung (er bleibt übrigens Fußgänger) hat ganz allein die Last des Schreckens zu tragen, der schwangeren Freundin Geburt einer riesigen Fliegenlarve wird vorsichtshalber als Alptraum ausgegeben. Natürlich muß das Biest, nachdem es sich endgültig gehäutet hat, schließlich sterben, auf eigenen Wunsch. Diese Wissenschaft loben wir uns: Wenn sie denn schon Unsinn oder gar Unheil anrichtet, dann plädiert sie wenigstens für dessen eigenhändige Beseitigung.

Allerdings würde man Cronenbergs Film überfordern, suchte man in ihm nach einer Warnung vor der Hybris einer ohne Skrupel nur vom Machbaren faszinierten Naturwissenschaft. Von ihr läßt er sich vielmehr befeuern, and die Stichflamme wird dann mit Sentimentalität abgelöscht. Als ginge es, letzten Endes, heutigentags immer noch so zu wie einstens in den Königreichen Popo and Pipi, als man noch mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon ausgehen konnte, daß, was an der Wand saß and summte, tatsächlich bloß a Fleig war.

HELMUT SCHMITZ (Bundesstart am morgigen Donnerstag, in Frankfurt im Metro)