Frankfurter Rundschau, 30.4.1992

 

Cronenburroughs


"Naked Lunch: Der Film verfehlt das Kultbuch

FRANFURT A. M. Braun, nichts als braun. Anzug, Socken, Schuhe, die Vorhänge, die Wände, die Möbel, überall: rostbraun, schmieriges Ocker and dunkles Umbra, bräunliches Gelb. Die Farbe von Erde, Schmutz and Kot, die Farbe, die alle anderen erdrückt, in sic einsikkert wie ein Gift, imprägniert _Naked Lunch", and es gibt kein Licht, das ihr wärmere Töne abgewinnt.

David Cronenbergs neuer Film entwirft ein Pandämonium in Braun. "Naked Lunch" ist keine Verfilmung von William S. Burroughs gleichnamigem Buch, sondern ein Film nach Burroughs. Geholfen hat es ihm nicht. "Ein widerlicher Gifthauch ununterbrochener Perversion, literarischer Abschaum", nannte der Supreme Court von Massachussetts 1965 das 1959 erstmals erschienene Buch - und verbot es. Es handelte sick, ironischerweise, um die erste Anwendung der Zensurbestimmungen, die man anläßlich von Henry Millers "Wendekreis des Krebses" ersonnen hatte. Wie die Prosa des alten Fauns trägt such Burroughs Werk inzwichen das Label eines Klassikers der Moderne - eingeschreint in Kollektionen, domestizierter Underground.

Das Kultbuch der Beatnik-Generation, das Burroughs in Tanger schrieb, wohin er sich nach dem Mord an seiner Frau geflüchtet hatte, erzeugt in seiner drogenberauschten, surrealistischen Wildheit heute kaum mehr als nostalgisches Nicken. Und die Spuren der amerikanischen Verschwörungsparanoia, der Nachhall McCarthys, die sich such in einen Film wie Don Siegels "Invasion of the Body Snatchers" (1958) eingruben, verflüchtigen sich bei Cronenberg ins Nichts.

"Naked Lunch" war für den 49jährigen Kanadier eine Herzensangelegenheit. 1983 traf er Jermey Thomas, einen der wenigen europäischen Großproduzenten ("Der letzte Kaiser"), und begeisterte ihn für sein Projekt. Acht Jahre später war die Mixtur aus Burroughs Biographic, aus "Naked Lunch" und eigener Obsession angerichtet: "Cronenburroughs" nannte das eine amerikanische Zeitschrift treffend. Im Wortungetüm steckt bereits das Hybride der Konstruktion. Cronenbergs Held heißt William Lee. Der Kammerjäger and seine Frau Joan frönen dem schmuddelgelben Insektenpulver, das, intravenös verabreicht, ein "Kafka-High" erzeugt. Wens sic die Schaben anhauchen, fallen sic von den Wänden. Aus einem Karton, der aussieht wie die Verpackung eines Pizzadienstes, spricht ein Käfer zu Bill Lee: er sei ein Agent, der seine Frau töten müßte. Lee erschießt sic ä la Tell and flieht nach Interzone, einem fiktiven Reich der Schwulen, Junkies and Literaten. Seine Schreibmaschine, die Clark Nova, wird zum Käfer, die Tastes zu Beißwerkzeugen, and das Ungetüm spricht: "Homosexualität ist die beste Tarnung für einen Agenten!' Penisse hängen an der Stirs des schleimigen Mugwump-Monsters, aus denen ein berauschendes Sperms tropft, dock im übrigen hat Cronenberg der homosexuellen Textur der Vorlage wenig Beachtung geschenkt.

Cronenberg hat sich auf den Prozeß des Schreibens kapriziert, auf das Frauenopfer für die Literatur and die Veränderung des schreibenden Ichs. Gegen die Metamorphoses des Arbeitsgeräts, im Drogenrausch nehmen sick die halluzinationen eines "Barton Fink" harmlos aus - und sind dock ungleich wirksamer. Das "Talking Asshole", das sprechende Arschloch des Käfers, ist der aufwendigste Trick des Films. Cronenberg hat sich derart dafür begeistert, daß er es öfter vorführt, als dem Film gut tut. Wens man allerdings bedenkt, wie viele Experten die Bewegungen des sprechenden Arschlochs koordinierten, um sich mit dem Klang der Worte zu synchronisieren, dann ist es, milde gesagt, unverschämt, wie lausig die deutsche Fassung ausgefallen ist.

Es geht zudem ein Riß durch den Film, der nichts zu tun hat mit dem wertlosen Prädikat "unverfilmbar", der Litanei über zu viel oder zu wenig Werktreue. Was Cronenberg auch angestellt und ausgeheckt hat, er fährt sich selbst in die Parade, wenn er mitunter den Burroughs-Klang borgt. Die Visualisierung erweist sich spätestens dort als verschämte Behelfsübersetzung. Die Monster gleichen mäßig schaurigen Spielzeugen, und wenn die mutierte Clark-Nova in der deutschen Fassung klagt, sie sei gefoltert worden, klingt das fast so rührend wie E. T. "Naked Lunch" dringt nie unter die Haut, er ritzt sie nicht einmal. Seine gestylte Hermetik ist nicht kühl und abweisend, sondern einfach nur steril.

Nur eine wirkliche Entdeckung gibt es. Sie heißt Peter Weller. Der zweifache "Robocop" bietet als William Lee eine Vorstellung von äußerster Konzentration und voll kluger Minimalismen. Die Selbst-Absences, die Regungslosigkeit seines Gesichts, die sparsamen Lippenbewegungen beim Sprechen, das bleibt neben ein paar bedeckten Saxophon-Soli von Ornette Coleman in Erinnerung. Die Käfer jedoch, die bugs and bugsies, werden such nach "Naked Lunch" nicht von der Leinwand fallen. David Lynch ließ vor kurzem verlauten, er interessiere sich für die Verfilmung von Kafkas "Die Verwandlung"; es werde allerdings kompliziert und vor allem teuer sein, ein geeignetes Insekt zu konstruieren. Wenn es sonst keine Probleme gibt - dem Manne kann geholfen werden. - (Olympia)

            PETER KÖRTE