Kino 9 / 1992 (Heft 72), p. 28-29

Aus eins mach zwei

"Die Unzertrennlichen" wirken in der Filmographie des Splatter-Gurus David Cronenbergs eher als ruhiger Psycho-Thriller. Dennoch verwendete er wieder komplizierte Effekte

David Cronenberg Dead Ringers

Die Technik ist fast so alt wie der Film selbst: Um einen Darsteller doppelt auftreten zu lassen, belichtet man zunächst die eine Hälfte des Bildes und läßt ihn dann die andere Rolle in der zweiten Hälfte spielen. Das weiß heute jeder Filmfan, und automatisch spürt man die unsichtbare "Trennlinie" in der Mitte der Leinwand, die der Schauspieler nie überschreiten darf.

Regisseur David Cronenberg wollte in seinen "Unzertrennlichen" zwar hauptsächlich die psychologische Geschichte eineiiger Zwillinge (gespielt von Jeremy Irons) zeigen, die mit sich selbst und mit ihrem Beruf als Gynäkologen nicht zurechtkommen. Gleichzeitig bestand er aber darauf, den doppelten Jeremy so perfekt zu inszenieren, daß die Tricktechnik jeden Zuschauer überraschen muß. Erschwerend kam hinzu, daß Cronenberg nicht nur die "normalen" Dreharbeiten auf Toronot beschränkte, sondern auch die Special Effects, die meist an die Experten in Hollywood delegiert werden.

Lee Wilson, verantwortlich für die optischen Effekte, stand also vor besonders großen Problemen. Doch seine Tests mit einem mobilen Videosystem erwiesen sich als absolut illusionsfördernd: Durch die andauernde Veränderung der Trennlinie zwischen den beiden getrennt gefilmten "Einstellungshälften" konnte sich Jeremy innerhalb des Kameraausschnitts auf exakt choreographierten Wegen relativ "frei" bewegen. Ein tickendes Metronom im Studio half Jeremy beim Reagieren auf seinen "Bruder". Die auf Video mitgeschnittenen Aufnahmen ermöglichten Cronenberg sofort präzise Korrekturen.

Dadurch, daß die Kamera zusätzlich selbst mobil sein konnte (Schwenks, Veränderungen der Brennweite), war es notwendig, mit Hilfe eines Motion-Control-Systems die Kamerabewegungen hundertprozentig exakt zu wiederholen. Dafür waren Rick Palin als Kameramann und Programmierer Randall Balsmeyer zuständig.

Die abgedrehten Einstellungshälften mußten dann optisch "vernäht" werden: Eine Fahraufnahme allein erforderte vier verschiedene Nähte, die durchschnittlich mit je vier unsichtbaren Überblendungen angeglichen wurden. Das Resultat: Ein "Un-Effekt-Film", dessen komplizierte Kameraarbeit unspektakulär, aber effektiv in die Handlung integriert wurde.

David Cronenberg Dead Ringers

Siamesische Nabelschnur per FX

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