Kieler Nachrichten, 31.10. 1996

Crash

Kollision von Technik und Psyche

 

David Cronenberg - Der Meister des sophisticated horror meldet sich zurück

Er weiß, wie man Zuschauer zu Tode erschreckt, schrieb einst die "Newsweek" über den kanadischen Kultregisseur David Cronenberg, der Filme wie "Die Fliege" oder "Naked Lunch" drehte. Bei "Crash" geht´s um subtileren Horror - um Wirklichkeit und Illusion.

 

Nicht wenige Zuschauer sind reichlich verstört aus "Crash" gekommen...

Für mich ist es ein sehr leidenschaftlicher und gefühlvoller Film. Manche sagen mir, sie hätten geheult. Andere waren deprimiert, wieder andere empört. Was ich aber versprechen kann: Wenn Sie diesen Film ein zweites Mal anschauen, wird er eine völlig andere Wirkung haben. Beim ersten Mal sind die Geschehnisse zu überwältigend.

Sie machen es dem Publikum mit Absicht so schwer?

In all meinen Filmen versuche ich, die konventionellen Kinoformen zu vermeiden. Kino - wo man nach zehn Minuten schon den gesamten Film kennt. Was gemeinhin als gefühlvolles Kino gilt, finde ich sehr verlogen. Das ist eine Formelhaftigkeit, nicht die Wirklichkeit. Hollywood programmiert unseren Geschmack: Dort drückt man sehr beharrlich immer dieselben Knöpfe. Ich möchte aber Knöpfe drücken, die man zuvor nie gesehen hat. Die auch ich selbst zuvor nie gesehen habe.

Bertolucci hat Ihren Film als "religiös" bezeichnet - einverstanden?

Von Bernardo nehme ich das als Kompliment. Der Film behandelt durchaus klassische, religiöse Themen: Sterblichkeit, und wie es möglich ist, sein Leben im Angesicht des Todes zu gestalten. Meine Helden sind auf der Suche nach solchen Antworten. Ich selbst würde das Wort "religiös" nicht benutzen, weil das leicht mißverstanden wird. Ich sehe mich als Existenzialist. Ich glaube, daß jede Moral nur aus uns selber kommt. Und davon steckt auch viel in dem Film.

Sie nehmen das Auto als Metapher für den Einfluß der Technologie auf unser Leben.

Für mich ist es spannend, jene Technik zu betrachten, die inzwischen so normal ist, daß sie gar nicht mehr als solche wahrgenommen wird. Das Auto ist ganz unbemerkt zu einem Teil von uns geworden, eine Verlängerung unseres Körpers. Die Autocrashs im Film sind Metaphern für die Kollision heutiger Technologie und der menschlichen Psyche.

Und dann ist da noch die Sache mit dem Sex: Ein Techno-"Reich der Sinne"...

Bei Testvorstellungen kam als Antwort: "Eine Serie von Sexsequenzen sei keine Handlung". Darauf sage ich: Warum nicht? Bei mir ist die erste Szene eine Sexszene. Und die nächste. Und die nächste auch. Zu diesem Zeitpunkt gibt es eben nur Sex. Ich möchte kein neues Kino schaffen, aber ich möchte nicht nur alte Kinoformen wiederholen. Dann bräuchte ich keine Filme zu machen.

Halten Sie die Sexszenen für erotisch?

Es gab sowohl Männer wie Frauen, die mir sagten, dies sei der erotischte Film, den sie je gesehen hätten. Und andere beklagten, wie unerotisch diese Szenen doch seien. Es gibt eben nichts Subjektiveres als Sex. Für den Film ist das Empfinden nicht weiter wichtig, die Akteure haben selbst ja Probleme mit Erotik. Wobei diese Leute nicht wie wir sind. Aber das könnten wir sein, in 50 Jahren. Das Science-fiction-Element in diesem Film liegt in der Psychologie seiner Akteure.

 

Interview: Dieter Oßwald