Kieler Nachrichten, 23.6.1984

"Dead Zone": Kumpelhaft freundlicher Horror

Auch der kanadische Kultegisseur David Cronenberg profitiert jetzt von einer Romanvorlage des Horror-Literaten Stephen King. Mit "Dead Zone" hat sich Cronenberg eine Geschichte ausgesucht: Der Film "Dead Zone" von David Cronenberg versetzt den Zuschauer nicht durch wildgewordene Bestien oder degenerierte Mutationen in Unruhe und Schrecken. Er jagt uns Angst ein mit einem ganz normalen Menschen, dessen kumpelhafte Freundlichkeit bedrohlicher wirkt als die übliche Horror-Geschöpfe der einschlägigen Maskenbildner. Der Mann heißt Greg Stillson und kandidiert für die amerikanische Präsidentschaft.

Nur der Englisch-Lehrer Johnny Smith durchschaut den smarten Machtpolitiker. Smith hat nach einem verhängnisvollen Unfall Koma die Gabe des "Shining", des zweiten Gesichts, mit deren Hilfe in die Vergangenheit und Zukunft seiner Mitmenschen schauen kann. Jede Vision macht ihn jedoch um Jahre älter, entfernt ihn weiter von seiner Umwelt. Seine Begabung erscheint rein passiver Natur, bis er entdeckt, daß er bei Zukunftsvisionen - Visionen aus der "Dead Zone" die Möglichkeit des Eingreifens besitzt. Bei Greg Stillson hat Smith eine folgenschwere Vision aus jener "Dead Zone": Stillson ist ein neurotischer Psychopath, der die Welt als amerikanischer Präsident in einen atomaren Holocaust führen wird.

Cronenbergs Film geht mit dem politischen Sprengstoff der Geschichte gelassen und lakonisch um: aus der anfangs privaten Geschichte entwickelt sich erst allmählich - dann aber umso deutlicher - der bislang boshafteste Film der Reagan-Ära.

Gad Klein