Moviestar, No. 77, January / February 2003, p. 87

David Cronenberg

David Cronenberg

MOVIESTAR: Bei der festlichen Verleihung der Time Machine schwelgten Sie in Erinnerungen...

David Cronenberg: Richtig! Sitges ist das Festival, das mich zuallererst mit einem Preis auszeichnete: 1975 erhielt ich für PARASITE MURDERS den Regie-Preis. Da kommt man gerne zurück. Ich habe mich riesig gefreut über die Time Machine!

MS: Sitges ist das bedeutendste Festival des phantastischen Films. Worin besteht bei SPIDER das phantastische Element?

DC: Sitges war schon immer interessiert an einer breiten Definition des Fantastic-Begriffes. Glücklicherweise. Ich zeigte hier Filme wie DIE UNZERTRENNLICHEN. Was war daran phantastisch? Der Ton, der Stil, - der Fakt, daß identische Zwillinge vorkommen? Das wäre mir ein zu einfaches Verständnis. In SPIDER besteht das phantastische Element - im ursprünglichen Sinn - darin, daß der Hauptdarsteller in den Rückblenden physisch präsent ist, er erlebt noch einmal Schlüsselszenen aus seiner verkorksten Kindheit als anwesender Beobachter, - das ist natürlich ungewöhnlich.

MS: Sie sind einer der wenigen Filmautoren, die es schaffen, äußeren Horror nach innen zu kehren - ohne Einsatz von Spezialeffekten...

 DC: Einige Kritiker verwechseln ihre Entwicklung mit meiner. Ich funktioniere nicht wie die anderen. Ich bin bestimmt auch nicht so analytisch wie viele meiner Kollegen. Von mir wird man nie hören, daß ich einen Bogen schlage - z.N. von SCANNERS zu eXistenZ - oder zu einem Anfang zurückkehre. Ich arbeite anders, nicht in Zyklen, mehr intuitiv als analysierend. An SPIDER ging ich nicht anders heran als an eXistenZ. Spezialeffekte sind für mich nicht mehr als ein zusätzliches Werkzeug für den Film - wie das Make-up, das Licht oder die Garderobe. Jedoch gab´s bei SPIDER im Originalskript einen echten Special Effect. An einer Stelle zerschneidet der Junge eine Kartoffel - und bei jedem Schnitt quillt etwas Blut unter der Schale hervor. Meine Spezialeffekt-Jungs stellten so eine Kartoffel her, und die funktionierte einwandfrei. Diese Sequenz wäre natürlich im Zusammenhang gestanden  mit der Tatsache, daß die tote Mutter des Jungen in einem Kartoffelacker verscharrt wurde. Wir drehten den Film also - wie es meine Art ist - chronologisch, und als wir zur Kartoffelszene kamen, stellten wir fest, daß sie gar nicht mehr nötig war. Alles liegt in der inneren Dynamik eines Films. Aber diese schält sich erst im laufe der Dreharbeiten heraus.

MS: Also ist Ihr Ausgangspunkt immer eine "gute Geschichte"?

DC: Nein, hier war es nicht die tolle Story - hier war es ein gutes Drehbuch! Als ich später den Roman las, fand ich alles ganz anders; Patrick McGrath´ Buch kommt sehr literarisch daher und unterscheidet sich grundlegend von seinem Skript. Ich glaube nicht, daß ich den Film auf Grund des Buches gemacht hätte!

Interview: Martin Iseli