video plus, Nr. 10  1989 (Heft 8), p.50-53

Die Unzertrennlichen

David Cronenberg erzählt die tödliche Tragödie eines Zwillingspaars. Sein eisiger, psychologischer Schocker mit Jeremy Irons in einer Doppelrolle geht unter die Haut.

David Cronenberg Die Unzertrennlichen

Ströme von Eiter, Plasma und Blut flossen in David Cronenbergs früheren Horrorfilmen. Im Psi-Schocker "Scanners" brachten übersinnliche Kräfte Köpfe zum Platzen, in der alptraumhaften High-Tech-Satire "Videodrome" riß die Bauchdecke eines zum Videorecorder mutierten Fernsehmanagers, und in "Die Fliege" kreuzte sich ein Wissenschaftler mit einem Insekt.

"Extreme Konflikte führen zu extremen Dramen." Cronenbergs Inszenierungen ekliger Metamorphosen wollen immer mehr sein als reiner Effekt, sie schaffen die Bedingungen des Tragischen. Ihr Thema ist das Innenleben der Mutation, der Verlust menschlicher Identität und der Tod. Feuilleton-Debatten über seine Filme werden auf hohem spekulativen Niveau ausgetragen: Wo steckt das Ich? Sprengt der Regisseur einen Körper in die Luft, folgen auf den Knall Aufsätze zur Dekonstruktion des modernen Subjekts. Das ist zwar nie zu weit hergeholt, trifft aber auch auf "Beverly Hills Cop" zu.

In "Die Unzertrennlichen" funktioniert der Schrecken  ohne Gore- und Splatterelemente: Der menschliche Verfall spielt sich im Irrgarten der Psyche ab. Cronenberg inszeniert die seelische Verwüstung seiner Protagonisten wie eine Versuchsanordnung in einem Forschungslabor. "Dr. mad." nannte die Süddeutsche Zeitung den kanadischen Regisseur, einen "Nachfolger von Doktor Mabuse" und seinen Film einen "Menschenversuch".

Die Versuchsobjekte sind die Gynäkologen Beverly und Elliot Mantle (Jeremy Irons), ein eineiiges Zwillingspaar, das Cronenberg als eine perfekte hermetische Lebenseinheit begreift. "Die Mantle Twins" - sie sind mentale Zwillinge, siamesisch im Geist, zwei Körper, eine Seele - teilen sich so gut wie alles: die sterile, in kaltes, blaues Licht getauchte Klinik für die Fruchtbarmachung "innerlich deformierter Frauen", den Ruhm ihrer Forschungsarbeit im Grenzbereich weiblicher Mutationen, das aseptische Ambiente ihres Apartments und die Frauen, die der elegante und extrovertierte Elliot aufreißt und gemeinsam mit seinem Double, dem scheuen und grüblerischen Beverly, auskostet.

Kaum hat sich der Zuschauer an die Split-Screen-Technik gewöhnt, mit der Jeremy Irons doppelt ins Bild gesetzt wird, da greift Cronenberg zum Skalpell und zerschneidet das symbiotische Duo in zwei lebensunfähige Hälften: "Ich werde euch trennen", sagt die eroberte Schauspielerin Claire Niveau (Geniève Bujold), die klarsieht und nur einen will.

Beverly erlebt die Entzweiung als Alptraum: In einer surrealistischen Geburtsvision durchbeißt die Geliebte die Nabelschnur der erwachsenen Zwillinge. Mit Drogen und Tabletten betäubt Beverly das Erschrecken über die trüb werdende Identität und verwahrlost zusehends.

David Cronenberg Die Unzertrennlichen

Sein Absturz wirft auch Elliot aus der Bahn. Nach vergeblichen Therapieversuchen folgt er seinem Bruder in die Rauschgiftsucht und in den Wahnsinn: Beverly beginnt, sich als Mißgeburt zu betrachten und alle Fehler der Natur zu hassen. Er konstruiert schauderhafte gynäkologische Instrumente für mutierte Frauen und geht im blutroten Kittel auf eine Patientin los.

"Jetzt trennen wir die siamesischen Zwillinge", setzt Beverly die stählernen Haken und Klammern des Operationsbestecks am Körper seines Bruders Elliot an, "es ist unser Geburtstag." Der Tod ist nicht der schlimmste Ausgang der Geschichte, sondern ihr einziger. "Das Ende ist vollkommen und erinnert an eine antike Tragödie", sagt David Cronenberg, denn im Tod finden die Unzertrennlichen endlich Trennung, Identität. Das ist die Ironie des Schicksals, der reinste Horror.