Spex, März 1989, Nr.4, p. 72-73

David Cronenberg

Doppelt spinnt besser

17 Jahre sind vergangen, seit der junge David Cronenberg sich "surgical instruments for operation on mutants" auf den Einkaufszettel schrieb. Weil er nicht mit so fragwürdigen Sachen in der Tasche vom Auto überfahren werden wollte, hat er schließlich endlich einen Film daraus gemacht, der Jeremy Irons die Oskar-Nominierung einbringen wird. Andreas Banaski führte ein Interview über Cronenbergs redselige Charaktere.

"Wir waren Revolutionäre, und die Revolution war erfolgreich." (Ronald Reagan, Januar ´89)

Unser Liebstes: die Postmoderne der Subversion, hier mal wieder verkörpert von der neusten Zangengeburt dieses Feinmechanikers der Regiekultur Cronenberg - das ist so komplex ambitioniert subtil, so verstörend zart erschreckend, so steril (wenn das keine Kongruenz von Form und Inhalt ist) betörend geschmäcklerisch verpackt, daß es selbst nur schwer bestechlichen Geistern weit diesseits jeder Art Director-Lifestyle-Entartung schwersten Respekt (und mehr) abnötigte. Nun gut, dann sei es eben meine Profession (oder Konfession? Wird angesichts notorisch unterschwellig eingestandenen papistischen Anspielungen - Irons in blutsignalroter OP-Tracht - zu prüfen sein), mich wieder gegen alle Welt zu stellen, die dem Manne natürlich makelloses Horror-Kammerspiel-Design attestiert. Der letzte -  Post-David Lynch, - dessen Credibility (als was?) einfach nicht auszurotten ist, wie sich ja selbst einzugestehen das verschnarchte liberale Feuilleton (inkl. Geschmacksauguren in staatlich bestallten Zensur-Behörden - in England sitzt ein Kumpel von ihm in zentraler Position) durchgerungen hat. "Schon 'The Fly' wurde ja sehr gut selbst von der Mainstream-Presse aufgenommen. Auch wenn Jeff Goldblum keine Oscar-Nominierung, die er laut Kritikermeinung verdient gehabt hätte, bekam, nur weil er in einem Horrorfilm spielte. Nun, mal sehen, ob wenigsten Jeremy Irons (dessen nuanciertes britisches Adelschargieren sich Cronenberg erst nach Absage der kompletten US-Actors School-Riege - "ich sprach mit 30 oder 40 Schauspielern, aber die meisten fühlten sich der Rolle einfach nicht gewachsen"- dienstbar machte) seine verdiente Nominierung kriegen wird. Andererseits -  so ein Preis ist zwar ganz nett, aber bedeutet nicht, daß der Film notwendigerweise gut ist, auch wenn es schon eine aufregende Sache ist, bei der Oscar-Verleihung Einblick in Hollywoods Glanzzeit zu bekommen." Einfach zu süß, wie sich da der leicht schleimig um Anerkennung buhlende opportunistische Charme des Yankees in ihm Bahn bricht, wie er denn auch immer gern beteuert, Toronto liege nicht umsonst auf halber Strecke zwischen Hollywood und Europa, was ihm nicht zuletzt künstlerisch sehr zustatten kommt bei seinem Anliegen, gesellschaftliche Krankheitsbilder (hier Real-Life-Vorgaben wie Arzt-Junkies, aber auch das olle Jekyll & Hyde-Snydrom, das er in alter "Fliege"-Manier seinen subtil wissenschaftlichen Manierismen nutzbar macht: "Die Gefahr bei Zwillingsfilmen ist, die Charaktere zu schematisieren und in Jekyll/Hyde / schwarz/weiß-Kategorien zu verfallen. Ich bin daran nicht interessiert, mir geht es um Verwirrung der Identität. Zwillinge bedrohen unser Verständnis von Identität, weil viel von dem, was wir an uns für einzigartig halten, äußerlich/körperlich ist. Meine Versuchsanordnung war also: Wenn jemand genauso spricht wie du, so aussieht wie du, usw., was ist dann an dir so einmalig? Bei primitiven Völkern galt eine Zwillingsgeburt als monströs, und viele Stämme töteten einen der beiden, so als ob es nicht zwei Exemplare einer Person geben könnte.") zu privatisieren, den Modellcharakter zum individuellen Einzelschicksal "gesundzuschrumpfen" und es sich mit dieser Maxime immer gut ergehen zu lassen als einer, der lieber im Hinterzimmer mit den eigenen Gedärmen spielt, während draußen Blut und Schwefel Gods Own Country überziehen. "Ich war eben schon immer ein ernsthafter Filmemacher, der seine Inspiration nicht vornehmlich aus den alten Horrorfilmen seiner Kindheit bezieht. Meine Motivation, Filme zu machen, ist sehr persönlich. Film ist meine Kunst - meine Art - mich auszudrücken. Die meisten neueren Horrorfilmer sind ja selbst noch Kids und drehen deshalb, was Teenagern gefällt: junge Mädchen in der Highschool unter der Dusche beobachten und so´n Zeug. Nichts ist falsch daran, aber ich bin schließlich 45 - meine Charaktere beschäftigen sich mit Worten. Deshalb bin ich nur an einer ganz speziellen Art Charakter interessiert: an selbstbewußten, in einer besonderen Weise neurotischen, kreativen, und auf kreative Art aggressiven Typen aus der Mittelklasse. Mit diesen Charakteren kann ich als Regisseur mehr anfangen als mit einem wie Jake LaMotta in 'Raging B[u]ll', einem von der Straße, der sich nicht artikulieren kann."

Da muß ich wohl nicht erst meinen soliden Working Class-Background ins Feld des real existierenden Klassenbewußtseins führen, um euch zu sagen, daß mir derlei penetrante, herb-spröd-gespreizte Slickness seiner Protagonisten sauer aufstößt. Vielleicht sollte er es wirklich einmal mit fett-kahlköpfigen Intellektuellen versuchen ("Vielleicht wenn ich selbst kahl und fett bin"), was ja immerhin schon dem Großmeister Hitchcock zu ungeahnt neurotischen Verdrängungsmeisterleistungen verhalf. Aber so "vorzugeben, wie ein Manipulator auf der Klaviatur der Gefühle zu spielen, ohne selbst berührt zu sein"; ist Cronenbergs Sache nicht: "Hitchcock würde nie zugeben, daß er sich selbst fürchtet, wenn er dem Publikum einen Schrecken einjagen will." Der Mann weiß einfach eine honorige kleinbürgerliche Verklemmung nicht zu würdigen, oder um mit Scorsese zu sprechen: "Cronenbergs beste Filme schaffen es immer noch, eine Art Jungianischen Kulturschock auszulösen. Sie erinnern an Bunuel und Francis Bacon." Nun, mal abgesehen davon, daß Cronenberg auch jeder Vergleich mit Dreyer, Fellini, Bergman, Kafka oder Vladimir Nabokov ("von dem ich sehr beeinflußt bin") genehm käme (die degenerierteste Ausprägung dieser ganzen maroden Kunstschlockahnengalerie - dabei nicht gegen individuelle Meriten - war ja neulich anläßlich des Verscharrens der letzten Reste des Popanz der Bildungsbourgeoisie Dali aufs Erschröcklichste zu bestaunen.), "hat Scorses natürlich Recht. Er sagt ja nicht, ich sei so gut wie Bunuel. Meine Filme haben aber natürlich mehr mit Surrealismus und expressionistischer Filmkunst zu tun als mit 'Halloween'." Was aber selbst den verbohrtesten Ausgeburten der Reaktion kaum mehr als ein obligatorisches Arschrunzeln abnötigt. "Nun war ja der Kunst immer eigen, erst zu verführen, dann gemein zu werden und dann... na irgendwas anderes. Es ist wie bei einem Liebhaber. In dieser Hinsicht verhalte ich mich schon wie Bunuel."

Siehe auch: Fallstricke des Selbstexorzismus. "Das kann natürlich auch böse mißverstanden werden. Bevor Herman Melville 'Moby Dick' rausbrachte, war er lediglich als Abenteuerschriftsteller von Seefahrergeschichten bekannt. Von 'Moby Dick' wurden dann 3 Stück verkauft, und er starb in Armut. Es ist eben sehr gefährlich, einen Film zu machen. Du bist verwundbar, wenn du dich öffnest und vieles von dir offenbarst. Sehr gefährlich." Da braucht es schon eine delikate Vorfreude auf leicht perverse Glitschigkeiten, wenn Cronenbergs Alter Egos Irons und Irons im Gebärschleim einer schwer von Miss Ellie-mäßiger Gramgebeugtheit optisch in Mitleidenschaft verhärmten Muttifigur wie Genieve Bujold schaben ("Ihre Behandlung der Sexualität, des eigenen Körpers ist sehr wissenschaftlich rational: Wenn die Zwillinge wissen wollen, wie eine Frau gebaut ist, sezieren sie ein - die Art Dinge."), damit aber nicht so recht weiterkommen und daher erstmal (der eine Irons) besondere Gerätschaften für verwachsene Gebärmütter in Auftrag geben, was sich so ähnlich ("surgical instruments for operating on mutants") schon vor Ewigkeiten Cronenberg in die Studentenmappe schrieb. "Ich fand es aufregend, daß diese Idee, von der ich annahm, mir wäre sie ganz frisch gekommen, schon 17 Jahre in mir vergraben war, nur darauf wartend, verwirklicht zu werden. Da muß dann wirklich Profundes dahinterstehen." Stöhn - 17 Jahre und kein bißchen dazugerlent / erwachsen geworden? "Wir spielen doch ein Leben lang dieselben Karten, wie mal jemand so richtig sagte. Die einzigen Filmemacher, die total unterschiedliche Filme drehen, sind die, die keine wahren Künstler sind."

Als solcher ist ihm daran gelegen, sich außerdienstlich vorzugsweise als braver Familienvater vorzustellen, selbstironisch zwecks Humanhygiene Schönheitswettbewerbe für Innereien ("Kommt es dir nicht merkwürdig vor, daß wir von unserer Essenz abgestoßen sind?") zu fordern und ansonsten als (unbewältigtes) Lebenswerk mit Burroughs´ "Naked Lunch" schwanger zu gehen. "Kennst du das Buch? Dann kennst du auch das Problem. Kannst du dir das auf der Leinwand vorstellen? Der Produzent vom "Letzten Kaiser" will´s produzieren, und ich habe schon viel mit Burroughs diskutiert., aber ich weiß nicht, ob ich das, was Burroughs für mich ist, auf Film transformieren kann."

Wären wie wieder bei New Frontier und der alten Kardinalfrage (über das teuerste underground movie der Welt - 2001" und den Cronenberg nicht nur in Sache Ewigkeitskultstatus verwandten Kubrick hinaus): Wie weit geht der Westen, das Bewußtsein und / oder der Arm des Kapitals? Bis hierhin und nicht weiter, gebietet uns und dem Kapital Godard, und da müssen zumindest wir dieser erprobten Kapazität einfach klein beigeben, auch wenn er sich diesmal in "King Lear" (für mich eigentlich das für Godards Diskurse und manische Räsonnements am wenigsten geeignete Herrschaftsdrama) wieder selbstdarstellend aufs Erschütterndste in einer John Ford-mäßigen zigarrenkauenden, Kabelschnur-Rasta-gelockten Jango-Edwards-Fool-Tour de Force suhlt. Denn wie er hier anscheinend das Geld der Cannon-Group  für alles nur nicht den Film zum Fenster rausgeworfen hat und lose um den "Batman"-Pinguin Burgess Meredith (als mafiotischen "King Lear") und Molly Ringwald (als Königstochter) ein Drunter und Drüber (wie er sich für uns zumindest in der englischen Originalfassung darstellte, in der ein Kauderwelsch bis unter die Wahrnehmungsgrenze runtergenuschelt wird, weshalb [nicht nur] ich eine weitere ausführlich Würdigung auch, so der deutsche Verleih sich doch noch entschließen könnte, den Film in den deutschen Vertrieb zu bringen, Berufeneren überlassen möchte) und neben den epischen Rahmen gestellt hat, ist mir einfach, ich sag´s euch ungeachtet aller restriktiven Film-Seminar-Kriterien und -Konventionen und verfreakten Godard-Spinnereien, eine Wohltat. Oder wie ich neulich andernorts mit DD [=Diedrich Diedrichsen] übereingekommen bin: Schönberg hat eben doch mehr Groove als Acid.

Andreas Banaski