Der Spiegel, Nr.46, 15.11. 1999


Igittitgitt

David Cronenberg, der kanadische Kunst-Gruselfilmer, präsentiert ein neues Rätselspiel: "eXistenZ".


Bald werden es die Spatzen, falls es dann noch welche gibt, von allen Dächern pfeifen: Unsere so genannte Realität sei eine sehr löchrige, ja illusionäre Angelegenheit; woanders sei womöglich alles besser, praller, bunter die schärferen Autorennen, die köstlicheren Appetithappen, die exorbitanteren Orgasmen, also fast wie im Kino.

Dem Film, der ja selbst eine Simulation ist, gefällt derzeit zunehmend der fliegende Welt-Wechsel, das Spiel mit der Simulation virtueller Abenteuer in alternativen Realitäten. Ihn kostet es ja auch buchstäblich nichts, nämlich nut ein Fingerschnippen, nut einen Schnitt, um vom Hölzchen aufs Stöckchen zu kommen oder von der einen Galaxie ins andere Paralleluniversum, frei und schwerelos nach der Maxime "Das Leben ist ein Videospiel".

Die Ansprüche sind gestiegen. Früher konnten kleine Mädchen einfach in einen Kaninchenbau kriechen oder in einen Brunnenschacht springen, um sich in der virtuellen Realität von Frau Holle oder der Spielkartenwelt-Simulation der Herzkönigin wieder zu finden. Von einem heutigen (nun auch nicht mehr so kleinen) Mädchen wird, damit ein solches Abenteuer in Gang kommt, mehr Einsatz verlangt.

Allegra zum Beispiel - der man das kaum ansähe, da sie auf der wunderbar somnambulen Unergründlichkeit der Schauspielerin Jennifer Jason Leigh wie auf einer Wolke schwebt - ist eine geniale, umworbene, wie ein Star angehimmelte Erfinderin von Simulationsspielen, die man nicht mehr altmodisch Videospiele nennen kann, weil sie direkt im Hirn des Spielers stattfinden: Er selbst ist die Spielfigur and kann sich per Knopfdruck in imaginäre Wirklichkeiten katapultieren.

Das Spiel heißt angemessen anspruchsvoll "eXistenZ", und wer dabei mitmachen will, muss sich mit einer Art Bolzenschussgerät eine Buchse in den Zentralnervenstrang der Wirbelsäule jagen lassen, wo man dann das Kabel zum Spielsteuergerät einstöpselt. Allerdings wollen Begriffe wie "Kabel" oder "Gerät" für dieses Zubehör kaum passen, denn sein Material ist offenbar tierischer Herkunft: Das Kabel in seiner fleischig-glitschigen Konsistenz gleicht einer Nabelschnur, das Steuerteil einer nierenartig weichen Innerei mit Knorpeln oder Nippeln, die man durch Kneten erregt. Igittigitt.

Kenner sind abgebrüht; sie wissen David Cronenbergs den Ekelreflex reizende Alpträume zu goutieren; sie schätzen als Besonderheit und Stärke dieses Filmemachers gerade sein obsessives Interesse für das Fleischliche, für seidige haut wie für schleimiges, blubberndes Gekröse oder die zarten Pastellfarben der Verwesung. Hier in "eXistenZ" schwelgt er, ja aast er in seinem Element: Er entwirft eine Zukunftstechnologie, die nicht mit Stahl, Glas oder Kunststoffen arbeitet, sondern mit Häuten, Sehnen, Knochen and Gewebe. Von seinen Werkbänken trieft Blut.

Doch diesmal ist Cronenberg als Spielerfinder mit solch erschöpfendem Übereifer bei der Sache, dass dieses "eXistenZ"-Spiel in seiner ausgetüftelten und zelebrierten Morbidität letztlich nut sich selbst zur Schau stellt and darüber hinaus kein Auge öffnet and nichts zu erzählen hat.

Die so genannte Story nämlich, mag sie auch mit kühnen Saltos wie auf Trampolinen auf Realitätsebenen herumhüpfen, ist ein enttäuschend schlichtes Flucht- und Verfolgungsjagd-Abenteuer. Gleich zu Beginn nämlich wird auf Allegra ein Mordanschlag verübt - angeblich von einer Guerrillabewegung "Realistischer Untergrund", die aber vielleicht nut eine Simulation einer Konkurrenzfirma ist, deren Spiel sich "transCendenZ" nennt -, und fortan ist die schöne kühle Allegra zusammen mit ihrem schönen kühlen Bodyguard Ted (Jude Law) vor aller Welt auf der Flucht.

Zu ihren Fluchtstationen gehört eine einsame, heruntergekommene Tankstelle, deren sinistrem Betreiber man leicht zutraut, dass er in einem Hinterzimmer schwarzen Schnaps brennt oder schwarze Messen liest; sodann eine abgelegene Berghütte, wo ein postmoderner Doktor Frankenstein als Vivisekteur und Transplanteur Blut oder Hirn spritzen lässt; schließlich ein Etablissement, das als Forellenfarm and Brutstätte für doppelköpfige Salamander fungiert.


Die Tiere werden zum Ausschlachten für Bauteile neuer Simulationsspiele gebraucht, and was übrig bleibt, kommt in der Firmenkantine als Spezialität des Hauses auf den Tisch. Wer Bescheid weiß, kann sich aus den abgefieselten Resten dieser Meeresfrüchte-und-Kleinechsen-Platte also aus Schalen and Gräten, Knorpeln and Knöchelchen - eine erstklassige Pistole basteln, der ein menschlicher Backenzahn als Geschoss dient. Der Esser, der den Bau dieser hundertprozentig kompostierbaren Bio-Knarre vorführt, erschießt dann damit gleich den Kantinenkoch - wet weiß, ob der nicht ein Doppelagent des "Realistischen Untergrunds" war, aber wer weiß auch, zu diesem Zeitpunkt, ob er das wirklich noch wissen will. Seltsam, seltsam; Cronenbergs prätentiöse Kuns-tTrash-Kunstwelten, gefangen in Selbstbespiegelung, sind nicht so großzügig, dass in ihnen Erlösung winkte.

Zusammenfassend ließe sich sagen: "eXistenZ" ist entschieden kein Film für Vegetarier, doch auch für Kannibalen ein rechter Murks oder, weil das mehr hermacht, ein rechter mUrkS. URS JENNY