Der Spiegel, Nr. 18, 27.4. 1992, p. 240

Horror im Kopf

 

"Naked Lunch". Spielfilm von David Cronenberg. Großbritannien / Kanada 1991; 115 Minuten; Farbe.

 

"Ich schätze", sagt Bill Lee zu Joan, "es wird wieder mal Zeit für unsere Wilhelm-Tell-Nummer." Dann schießt er. Aber er trifft nicht das Wasserglas, das Joan auf dem Kopf balanciert. Er trifft ihre glatte weiße Stirn.

In William Burroughs´ "Naked Lunch", dem wüsten Drogenrausch-Roman aus der amerikanischen Beat-Generation, gibt es keine Joan und keine Wilhelm-Tell-Nummer. Aber in Burroughs´ Leben gab es Joan, seine Frau, und den tödlichen Schuß, den er 1951 im Suff auf sie abfeuerte.

Der Regisseur David Cronenberg, spezialisiert auf intelligenten Horror ("Die Fliege"), hat nicht Burroughs´ Roman verfilmt. Er hat einen Cronenberg-Markenartikel montiert aus Burroughs´ Biographie, aus Buch-Zitaten und einer eigenen Story. "Nichts ist wahr; alles ist erlaubt", steht das Motto am Anfang des Films.

Der süchtige Kammerjäger Bill Lee (Peter Weller) leidet unter Halluzinationen. Nachdem er Joan (Judy Davis) umgebracht hat, flüchtet er nach Marokko, wähnt sich jedoch in einem Land namens "Interzone", in dem er auf Befehl einer außerirdischen Macht Berichte schreiben muß über ein geheimnisvolles Drogenkomplott. Diese Berichte entpuppen sich als das Manuskript zu Burroughs´ "Naked Lunch".

Seine Anweisungen erhält Lee von Schreibmaschinen, die sie mal in eine riesige mechanische Kakerlake, mal in ein pockenübersätes Fabelwesen verwandeln: Cronenbergs Horror-Variante auf den Versuch, das Leiden des Schriftstellers beim Schreiben zu zeigen.

Sein Film verwischt die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Wahnsinn - auch für den Zuschauer. "Nichts ist wahr." Diese Hälfte seines Mottos löst Cronenberg ein. Aber dann erlaubt er sich viel zuwenig, um die Atmosphäre des Romans spürbar zu machen.

Burroughs ergibt sich in "Naked Lunch" einem Delirium der Sprache, wild, zügellos, chaotisch. Bei ihm findet der Horror im Kopf des Junkies statt. Cronenberg dagegen behält stets die Kontrolle: Jedes Bild ist kalt, glatt, kalkuliert. Hier ist der Schrecken nur eine Frage der Special Effects.