Der Spiegel, Nr.11 9.3. 1981



Nun killt mal schön

Aus den bluttriefenden Niederungen der jüngsten amerikanischen HorrorfilmProduktion taucht ein brillant inszeniertes Stück Alptraum-Kino auf: Brian de Palmas "Dressed to Kill".

Für die Stammgäste des Horror-Kinos ist Quantität Qualität. Da herrscht Wiederholungszwang, und es werden Mal für Mal größere Portionen an Hackfleisch und Ketchup verlangt, an berstenden Innereien. Mit Flackerlicht, drohenden Schatten und haarigen Klauen, die hinterrücks den Schwanenhals einer Jungfrau im Nachthemd umfassen, ist bei Horror-Habitues kein wohliges Grunzen mehr zu kassieren - da muß schon eine Klinge blitzen.

Wert legt die Horror-Kundschaft auch auf ein ausführliches Vorprogramm, nicht wegen des Eiskonfekts, sondern wegen der "Trailer", der anreißerischen Potpourris, die für kommende Sensationen werben. Bevor "Die Nacht des Schlächters" beginnt, will man sich für "Muttertag" und "Freitag, den 13." als nächste Grauens-Termine einnehmen lassen, and wenn die dann stattfinden, vorweg schon mal auf die .,Scanners" und den "Man-Eater" den Mund wäßrig gemacht bekommen.

Der Hauptfilm ist dann in der Regel eine gelinde Enttäuschung, denn er zieht nur, was im "Trailer" als geballtes Gemetzel geboten wurde, durch umständliche Erklärungen und Verwicklungen über 90 Kinominuten hin. Die ideale Konsumform des öden Konfektions-Horrors ist der "Trailer" selbst; den Film dazu müßte es gar nicht geben.

Der Horrorfilm, der in klebrigen Bahnhofskinos ewige Konjunktur hat, ist ein phantasiearmes Genre, weil er stereotype Bedürfnisse mit Stereotypen befriedigt. Originellen Neuschöpfungen wird da vom Schmarotzer-Heer der Nachahmer rasch die Gänsehaut über die Ohren gezogen.

In der "realistischeren", dem Kriminalthriller näheren Ausprägung des Genres treiben seit je, unverdrossen und immer neu einem offenbar unerschöpflichen Irrenhaus entspringend, psychopathische Killer ihr Hackwerk des Grauens. In der märchenhafteren Spielart würgten and schmatzten lange Zeit die Vampire, auferstandenen Saurier and affenhaften Labormonster aus der weitläufigen verzweigten Frankenstein-Sippschaft um die Wette.

Neuerdings sind sie ein wenig ins Hintertreffen geraten, überrundet von Monstern in Durchschnittsmenschen-Gestalt. Diese frischere Spezies tritt in einer quasi hirnlosen Fleischfassung auf - das sind die "Zombies", die dumpf und rastlos menschenfressenden Untoten -, und in einer quasi fleischlosen Hirnversion - das sind die Superbegabten, mit Vorliebe Kinder, die dank einer mittelalterlichen Teufelei oder einem Science-fiction-Brimboriurn (mal kosmische Strahlung, mal biochemische Manipulation) über paranormale Erkenntnisfähigkeiten and Kräfte verfügen:

Sie können Gedanken lesen, sogar die von Computern, and sie können durch reine Willensenergie, mit stechendem Blick and mächtig geschwollenen Stirnadern, einen mißgünstigen Nachbarn auf der Stelle zu Kompott einkochen oder ein Hochhaus in die Luft sprengen.

Die neuesten Prototypen der Art heißen "Scanners", und der Film, in dem sie gegeneinander antreten - die erste Großproduktion des jungen kanadischen Regisseurs David Cronenberg -, macht in Amerika seit ein paar Wochen Rekordkassen. Bestsellerschreiber Stephen King, der als eigentlicher Erfinder der Psi-Köpfchen gilt und den Stoff zu Brian de Palmas "Carrie" wie zu Kubricks "Shining" geIiefert hat, jubelt: "Cronenberg haut Kubrick glatt aus den Schuhen."

Das Bild läßt offen, auf welcher Höhe und mit welchen Mitteln der Schlag geführt wurde. Cronenberg ist ein Drastiker, kein Ästhet. Zwar wartet er mit einer nur allzu komplizierten, allzu wichtigtuerischen Intrigengeschichte auf, in der mal wieder mächtig um Wohl und Wehe der Menschheit als ganzer gerungen wird.

Wenn aber der gute und der böse "Scanner" mit kochenden Augäpfeln und platzenden Stirnadern zum Endkampf gegeneinander antreten - sie sind Brüder, sind Söhne des Scanner-Züchters, wie sich herausstellt, um dem Showdown sine mythische Gloriole aufzupappen -, muß der eher grobklötzige Regisseur Cronenberg seinen Job an die Trick-Spezialisten abtreten: Was da Kasse macht, sind ihre qualmenden Ketchup-Fontänen.

Bahnbrecher des Psi-geladenen Kino-Horrors war wesentlich der Regisseur Brian de Palma mit Filmen wie "Carrie" und "Teufelskreis Alpha". Jetzt aber, wo Cronenberg der Hirnmonster-Mode eine Krone aus spritzendem Bries aufsetzt, deklassiert ihn de Palma mit einem fast altmodisch delikaten Psycho-Thriller in Hitchcock-Manier, der mit bescheidenen Blutmengen und einer einzigen Leiche tiefere Alptraum- and Angst-Erfahrungen Kino-Wirklichkeit werden läßt als alle Schlachtfeste seiner rüden Rivalen.


Es ist der klassische Psychopath, der in Brian de Palmas "Dressed to Kill" mal wieder, als Transvestit aufgetakelt, in düsteren Winkeln sein Rasiermesser aufblitzen läßt: Der Film beutet die Männerphantasie aus, daß die untergründigste alter Frauenphantasien die Umarmung Jack the Rippers sei.

Eine frustrierte Hausfrau (ganz blond, ganz in Weiß, ganz verlockende Fleischlichkeit: Angie Dickinson) läuft ins Messer; ihr Elektronik-närrischer halbwüchsiger Sohn und eine abgebrühte kleine Call-Göre (ein frech komisches Un-Paar: Keith Gordon and Nancy Allen) bringen den Schizo-Killer zur Strecke - sie als Lockvögelchen, er als Voyeur.

Das ist eine seltsam intime Geschichte, die viel von den geheimen Bündnissen zwischen Erotik and Todesangst erzählt. Nicht schrille Effekte, die such zu einem "Trailer" verhackstückt als Schnellimbiß zu konsumieren wären, machen den Reiz eines Horrorfilms dieser Machart aus. Hier herrscht das panische Vergnügen daran, einen virtuosen Taschenspieler des Kinobilds bei seinem Trompe-l´oeil-Bravourstücken zu verfolgen: seine Kunst, über Viertelstunden hin ohne einen Satz Dialog den Zuschauer in den Sog eines Alptraums zu ziehen; seine Unverschämtheit, Alltagsrequisiten zu Fetischen zu erhöhen und das Rasiermesser, das so verführerisch blinkt, ein für allemal zum Phallussymbol zu verklären.

Ob damit de Palma Hitchcock aus den Schuhen haut? Er mißt sich mit ihm; and zuzuschauen, wie er sich dabei hält - eine Spur zu schick auftrumpfend, aber immer auf seinem Niveau -, ist eine gute Gänsehaut wert.


Urs Jenny