Splatting Image Nr. 37 (März 1999), p. 52-53

Interview

mit David Cronenberg

David Cronenberg

Nach der großen Pressevorführung von "eXistenZ" auf der Berlinale herrschte in einem Punkt Einigkeit: Cronenberg hatte seinen witzigsten Film gedreht. Hatten Sie überhaupt vor, eine Komödie zu drehen?

Das Drehbuch an sich war schon sehr witzig. Aber eigentlich ziele ich nicht auf eine bestimmte dramatische Ausrichtung ab. Meiner Meinung nach waren schon einige meiner früheren Filme recht lustig, vielleicht nicht gerade die letzten zwei, aber NAKED LUNCH fand ich schon sehr komisch. Also, wirklich vorkalkulieren kann und will ich einen Film nicht. Beim Drehen bekommt alles eine Eigendynamik, manchmal sogar eine überraschende Wendung. Auch die Schauspieler haben dabei einen gewissen Einfluß, Jude Law etwa ist ein sehr lustiger Mensch, und auf eine subtile Weise baute er das auch in seine Rolle ein. Humor ist für mich immer sehr wichtig, die meisten meiner Filme sind auf irgendeine Weise komisch, selbst wenn sie im Grundton noch so ernst sind. Sogar DEAD RINGERS hat komische Elemente, die zwar seltsam schwarz sind, aber immer noch als Humor gelten.

Bisher war das Publikum von Ihren Filmen aber eher geschockt als amüsiert.

Das kommt sehr auf den Zuschauer an. Stephen King hat mir einmal erzählt, daß er sich halb totgelacht hat bei NAKED LUNCH. Er war also nicht wirklich geschockt. Es ist so schwer, das Publikum allgemein einzuschätzen. Ich bin immer überrascht über die Reaktionen einzelner, von amüsiert bis angeekelt ist da alles dabei. Es kommt auf das einzelne Individuum an, aus welchem Kulturkreis es kommt, oder ob es noch andere meiner Filme kennt. Generell kann man da keine Aussage treffen.

Könnte man "eXistenZ" als komische Variante von VIDEODROME bezeichnen? Es gibt Elemente, die einem fast wie ein déjà vu erscheinen, die aber jetzt komödiantische überhöht sind.

Tatsächlich ist "eXistenZ" mein erstes Originaldrehbuch seit VIDEODROME. Dahinter steckt keine Absicht, sondern eher Zufall. Ich habe schon immer gesagt, wenn es keine fremden Drehbücher gibt, die mich interessieren, dann schreibe ich eben mein eigenes. Während des Schreibens habe ich gar nicht über meine früheren Filme nachgedacht. Natürlich ist es schon sehr offensichtlich, daß es da Bezüge gibt. Allerdings gibt es bei all meinen Filmen Bezüge untereinander. Sie alle weisen ein ähnliches Konzept, eine ähnliche Bildsprache, eine ähnliche Machart auf. Es ist eben meine Natur, solche Filme zu machen, dahinter steckt keine Kalkulation, keine Absicht. Meine eigenen Filme kann ich mir selbst erst nach einigen Jahren anschauen, ohne daran zu denken, wie sie entstanden. Was ich damit sagen will, ist, es ist leichter für einen Filmkritiker, Bezüge zu sehen und darüber zu schreiben als für mich. Sie könnten mir also eher erzählen, wie meine Filme zusammenhängen.

Was besonders auffällt, ist, wie schnell und dynamisch "eXistenZ" im Vergleich zu Ihren früheren Filmen ist. Kurz und prägnant erzählt, kommt er einem fast wie ein klassischer B-Film vor. Dagegen sprechen aber die vielen kostspieligen Effekte.

Die meisten meiner Filme sind relativ kurz. Ich habe noch nie ein Zwei-Stunden-Ding abgeliefert. Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie Zweieinhalb-Stunden-Filme wirken können: Man sitzt im Kino und denkt sich: Na hoffentlich hat er auch so viel zu erzählen, daß es die Zeit wert ist. Sonst ist es einfach nur langweilig. Als Filmemacher versuche ich so konzentriert und  dicht wie möglich zu sein. Trotzdem will ich eine profunde Grundlage. Ich will, daß meine Filme eher tief wirken als breit. Anstatt einen vierstündigen Langweiler zu drehen, mache ich lieber ein 90minütiges Konzentrat, das man sich vielleicht auch zweimal anschauen muß. Dann ist es  ja ein Dreistunden-Film, wo man wirklich  alles gesehen hat. Ich mag es dicht, kompakt und prägnant. An einen B-Film hatte ich allerdings nicht gedacht. Überhaupt wissen die wenigsten noch, was ein B-Film ist. Gemeinhin glaubt man, ein A-Film ist ein guter Film und ein B ein schlechter.

So war es aber natürlich nicht gemeint.

Nein, das ist mir schon klar. Aber ein klassischer B-Film schwebte mir wirklich nicht vor. Mir geht es eigentlich immer darum, wie eng ich einen Film fassen kann, der dann  trotzdem noch funktioniert. Das scheint so mein persönliches Gefühl für Rhythmus zu sein.

Ist es dabei wichtig, daß Sie meisten mit derselben Crew aus Schnittmeister, Ausstatter und Kamera drehen?

Sehr sogar. Ich habe eine richtige Filmfamilie um mich geschart. Das kommt selten vor in Hollywood, wo es meist darum geht, wer ist gerade angesagt, wer ist ein Newcomer, und wer hat den Oscar bekommen. Mir ist das egal, ich bevorzuge die europäische Variante, wo jeder seine feste Gruppe um sich hat. Wir tragen keine Ego-Kämpfe am Set aus. Wie kennen uns schon, wir können uns aufeinander verlassen und uns auf den Film konzentrieren. Wir sind auch alle miteinander gewachsen, wir wissen, wo wir herkommen, und wo wir hinwollen. Inzwischen haben wir auch schon so etwas wie ein blindes Verständnis untereinander. Ein schönes Beispiel dafür ist das chinesische Restaurant in "eXistenZ". Meine Ausstatterin (Carol Spier), mein Kameramann (Peter Suschitzky) und ich haben in Peking M.BUTTERFLY gedreht. Das Restaurant im aktuellen Film ist eine Mixtur aus allen Restaurants in Peking, in denen wir gemeinsam gegessen haben. Ich brauchte also nur zu sagen, Carol, kannst du dich noch an die Spiegel in dem einen Restaurant erinnern, und sie weiß genau, was ich will. Das ist eine sehr effiziente und spannende Arbeitsweise. Das gibt mir mehr Selbstvertrauen, mehr Freiheit, was mich auch unerschrockener und mutiger in meinen Filmen macht.

Gerade was die Ausstattung betrifft, gibt es im Film den interessantesten Widerspruch. Es geht um High-Tech Computerspiele und ihre vergötterten Schöpfer, doch das Umfeld, in dem sie sich bewegen, ist einfach bis schäbig, dreckig und verwahrlost.

Diese Unmenge Technologie, die diese Menschen umgibt, ist ihnen so vertraut, daß sie sie gar nicht mehr wahrnehmen. Die Technik veraltet sehr schnell und wirkt dann nur noch schäbig. Ein anderer Grund für diese Art Ausstattung liegt einfach in den Computer/Videospielen selbst. Ich weiß nicht, wie sehr Sie sich mit diesen Spielen auskennen, aber die meisten von ihnen haben diesen schäbigen, abgenutzten Nostalgie-Look. Den habe ich im Film übernommen. Ich wollte nicht, daß er aussieht wie BLADE RUNNER, dann wäre ein falscher Bezug entstanden. Als wir die Szene am Brutbecken gedreht haben, meinte jemand, das sähe ja aus wie in "Rivven", dem Videospiel. Mir war das gar nicht so bewußt, aber ich war sehr dankbar, daß jemand eine Beziehung herstellen konnte. Das Dekor von "eXistenZ" ist in gewisser Weise schon eine Referenz auf die derzeit gängigen Spiele.

Glauben Sie, daß es für Computerspiel-Freaks einfacher ist, einen Zugang zu Ihrem Film zu finden, als für jemanden, der gar keine Ahnung davon hat?

Ich weiß nicht recht. Eins allerdings weiß ich genau: Leute, die diese Rollen-Planspiele spielen, haben mir erzählt, daß einige Szenen im Film genau das Gefühl ausdrücken, das man eben beim Spielen dieser Spiele empfindet. Die Szene im chinesischen Restaurant etwa, oder die im Computerspiele-Laden, wo mehrere Figuren aufeinandertreffen. Aber ich habe meinen Film ganz bestimmt nicht für dieses spezielle Publikum gemacht. Es gibt deswegen ja auch keine echten Computerspiele im Film. Ich hoffe, daß auch Menschen, die niemals so ein Spiel gesehen haben, mit "eXistenZ" etwas anfangen können. Wahrscheinlich sehen die ganz andere Sachen. Das bleibt noch herauszufinden.

Wie erklären Sie sich, daß solche Rollenspiele im Internet oder in Chatrooms immer mehr an Zulauf gewinnen?

Ich glaube gar nicht, daß das so eine neue Sache ist. Rollenspiele gab es immer auf die eine oder andere Weise. Die Computerspiele und ihre Technologie sind jetzt für viele Menschen eine Hilfe, sich in Ritter oder Alienjäger hineinzuversetzen. Als ich noch ein Kind war, gab es diese Technologie noch nicht, dafür aber Bücher und Filme. Ich habe sie gelesen und gesehen und mich für eine Zeit in den Helden hineinversetzt, manchmal habe ich das mit meinen Freunden sogar nachgespielt. Jeder Mensch würde gerne mehr als nur ein Leben leben. Wir wollen andere Leben erfahren, entweder durch Kunst, durch Bücher oder Filme, in denen wir uns in andere Menschen hineinfühlen können. Irgendwie wissen wir alle, daß unser Leben nur eine Möglichkeit von vielen ist. Angenommen man käme als Kind in ein ganz anderes Land, zu anderen Menschen - sagen wir mal China statt Deutschland - dann ist klar, daß man ein ganz anderer Mensch geworden wäre. Man spräche eine andere Sprache, man hätte ein anderes Kulturverständnis, man lebte sogar eine andere Realität. Ich glaube, daß wir alle den starken Wunsch verspüren, uns in ein anderes Wesen oder Ding zu verwandeln zu können. Manche machen das auf eine sehr zurückhaltende Weise, indem sie sich amerikanische Familien-Soaps ansehen, um für eine kurze Zeit in die Haut einer amerikanischen Teenagetochter zu schlüpfen. Andere wieder sind gleich so mutig, daß sie in ein anderes Land reisen, um vor Ort ein anderes Leben zu leben. Das ist alles sehr menschlich. Also, eigentlich wird diese neue Technologie nur für ein sehr altes menschliches Spiel genutzt.

Sie lassen sich in "eXistenZ" als Drehbuchschreiber in die Karten schauen, etwa wenn Jennifer Jason Leigh als Allegra die Anweisung gibt, "wie müssen jetzt leidenschaftlich über einander herfallen, um mehr Emotionen für die nächste Sequenz zu erzielen." Das gilt für das Spiel im Film, wie auch für den Film selbst. Sie decken also die Mechanismen des Films auf, und doch bedienen Sie sich ihrer. Ist das für Sie nicht eine seltsam ambivalente Situation?

Eher eine karthatische. Mit jedem Film versuche ich, mein Verständnis für die Möglichkeiten im Film zu vergrößern. Die meisten Leute heute akzeptieren unter Filmemachern  nur den Hollywood-Stil, d.h. die Vorstellung von Hollywood für Figuren, Musik, Farben, Geschichten und Erzählweisen. Hollywood dominiert. Wenn man nun solchen Leuten etwas anderes vorsetzt, dann wissen sie nicht, wie sie damit umgehen sollen. Sie haben keinen Bezugspunkt mehr. Das ist sehr schade, denn die Hollywood-Version vom Filmemachen ist nur eine von ganz vielen. Insofern lasse ich Jennifer auch sagen, "die Erwartungen der Menschen sind so begrenzt, dabei sind die Möglichkeiten sehr groß". Ich meine damit natürlich das Kino. In solchen Szenen bin ich milde zynisch und lasse mich darüber aus, wie mechanisch das Filmemachen ist. Es werden nur noch Knöpfe gedrückt. Die Leute wissen schon, was sie erwartet. Sie fühlen sich wohl, wenn die Figuren tun, was sie schon immer getan haben: Mann und Frau lernen sich kennen, zuerst hassen sie sich, aber natürlich lieben sie sich zum Schluß. Die Leute wollen nur ein und dieselbe Geschichte immer wieder erzählt bekommen, wie kleine Kinder. Das wird aber mit der Zeit langweilig, besonders wenn du ein Abenteurer bist und etwas anderes versuchen willst. Dummerweise findest du dann heraus, daß du als Filmemacher dafür kein Publikum hast. Ich gebe also im Film meinem Kommentar dazu ab, wie der Prozess des Filmemachens funktioniert und was die Erwartungen der Leute heutzutage sind.

Wieso trägt Ihr Film eigentlich einen deutschen Titel?

Der ist gar nicht deutsch gemeint. Erst als der Film in Berlin für den Wettbewerb nominiert wurde, fiel mir auf, daß Deutschland das einzige Land ist, in dem der Titel einen Sinn ergibt. In englischsprachigen Ländern hat er keinen Sinn. Gut, man sieht, daß es irgendwie mit existence zu tun hat, aber es ist falsch geschrieben. Das wirkt irritierend, überall, nur nicht in Deutschland. Dafür gibt es aber auch die Großbuchstaben X und Z. Auch das hat eigentlich keinen Sinn, außer, daß es sofort ins Auge sticht. Wir haben uns mit dem Titel an die gängige Weise der Namensgebung im Computerspielgeschäft angelehnt. Titel müssen prägnant sein, egal was sie bedeuten. Das Wort wird zum Logo. Daß wir unseren Film "eXistenZ" nannten, also ein sinnentleertes Wortspiel und eigentlich nur ein Witz.

Wird es das Spiel zum Film geben?

Ja, klar. Alles ist fertiggestellt. Ziel des Spiels ist es, den richtigen MetaFlesh GamePod (MetaGewebe-Spiel-Einheit) zu finden. Wenn man den falschen, also infizierten, erwischt hat, ist man raus aus dem Spiel. Ansonsten geht der Kampf zwischen den eXistenZialisten und den Realisten los. Da gibt es natürlich ein Restaurant.... Das Spiel also steht. Aber es wird nur auf den Markt kommen, wenn der Film wirklich erfolgreich ist. Nur Filme, die ein großes Publikum erreichen, werden am Ende mit einem Spiel belohnt, das dann noch erfolgreicher werden kann. Also, ich kann jetzt noch nicht sagen, ob jemals irgendjemand dieses Spiel zu Gesicht bekommen wird. Aber falls ... wir stehen in den Startlöchern!

Das Interview führte Edda Bauer

am 17.02.1999 in Berlin