Splatting Image Nummer Neun (März 1992), p. 6-10

Neues Fleisch - Soft Machine

David Cronenbergs Naked Lunch

David Cronenberg Naked Lunch

"Nothing is true, everything is permitted."

(Hassan I Sabbath,II)

"After all, there is nothing real outside perception, is there?"

(Brian O`Blivion)

VORSATZ

"Zu 'Naked Lunch' kann man an jeder Stelle einen Einstieg finden" schreibt William S. Burroughs zurecht über über dies wüste Text-Labyrinth, die rhizomatische Text-Maschine. David Cronenberg hat seinen persönlichen Zugang herausgelesen, durch das von ihm gewählte Raster sintern die Bilder; Ikonographie eines fremden Begehren, eines Imaginären, das, von polymorph-perversen Protoplasmaklumpen generiert, sich immer bereit zeigt für eine S/M-Orgie mit den Zeichen. Traumatisierende Einschreibungen, Fetzen Fleisch und Fetzen Film fallen aus dem Kopf.

So wie Burroughs Worte anderer Autoren entwendet, verführt (perverse Kreuzungen unterschiedlichster Textgattungen), um neuartige Bewußtseinsfelder zu kartographieren, so ist auch Cronenberg unbekümmert im Umgang mit seinem Material: verschiedene Texte von Burroughs (neben 'Naked Lunch' noch 'Queer', 'Exterminator' und 'Interzone'), biografische Anekdoten, auch aus dem Leben anderer historischer Personen, authentische Tondokumente, usw. usf. geraten unter die Stanze seiner Vision ("Is´ ja schon pathologisch, wie der halbverweste, stinkende Kadaver fleddert! Von der hier ´nen platzendes Darmsystem, von dem da ´ne morsche Wirbelsäule..., der transplantiert ja sogar faulende Gehirnhälften!"). Und genauso wird dieser Text mit den frei flottierenden Zeichenketten rumhuren, abwegige Kehren einschlagen, unabhängige Textfelder verklammern ...  eben noch so ´nen Bastard aus dem Labor von Hassan I Sabbah, dem Alten Mann von dem Berge.

I - Körper Junk / Sex Sprache

"'Naked Lunch' ist ein Plan, eine Anleitung ... Schwarze insektenhafte Gelüste öffnen den Blick auf endlose Landschaften einnes anderen Planeten... Abstrakte Konzepte, nackt wie Algebra, präsentieren als Ergebnis eine Ausschnittvergößerung: ein schwarzer Kotklumpen, ein paar alternder cojones... Eine Anleitung, die andersartige Erfahrungen ermöglicht, indem sie die Tür am Ende eines langen Korridors öffnet ..." ('Naked Lunch') Der Text öffnet sich wie der geile Körper deines Sexpartners, verströmt in alle Richtungen, geht neue Koppelungen ein, bricht plötzlich ab, um dann eine andere Gestalt anzunehmen; die Sprache zieht Schleifen in sich selbst ein, kaut drauf ´rum, mahlt, bis die Worte ihre Ketten und Konturen verlieren und zu Staub zerfallen. Platz machen. Breakthrough in grey room! Für das Einbrechen der anderen Bilder. Den Tod im Tausendfüßler, seinen stinkenden Sekreten! In den glutroten Öfen von Minraud! Der Orgasmus - Tod, wenn der Henker dir das Genick bricht und du in einem allerletzten Spasmus ein allerletztes Mal deinen Saft verspritzt. Oder der Sex - Hunger, der Junk - Hunger; die Gier dreht dir glatt die Eingeweide aus dem Leib, das Fleisch entwickelt telepathische Tentakel, um die Frequenz der Droge auszumachen, jede Zelle vibriert wie unter Hochspannung, wenn das kalte Futter in der Nähe ist. Dann der Kontakt - und der ganz geordnete Zellverband deines soliden Körpers ("Eigentlich unheimlich angenehm hier drin.") desertiert in sattem blaugrünem warmen Dampfen; öffnet sich, verströmt in alle Richtungen, geht neue Koppelungen ein, die Codes und Ketten bekannter Zellorganisation binden nicht mehr ... um dann eine andere Gestalt einzunehmen, sich von ihr besessen macht:

"Am Markt liegt das Meet Café. Etruskisch palavernde Gestalten gehen hartnäckig einem längst vergessenen Gewerbe nach; Junkies, süchtig nach Drogen, die noch niemand erforscht hat; Pusher, die künstlich aufgeputschtes Harmalin an den Mann bringen; Junk, reduziert auf die nackte Substanz der Sucht, die dem Opfer die ebenso prekäre wie heitere Gelassenheit einer Pflanze verschafft; Flüssigkeiten, die einen zum Latah machen; tithonisches Serum, das als lebensverlängernd angepriesen wird; Schwarzmarkthändler des Dritten Weltkriegs; Operateure, die telepathische Anlagen mit dem Skalpell beseitigen; Osteopathen des Geistes; Kriminalbeamte auf der Fährte von Unschuldigen, die von hochgradig paranoiden Schachspielern denunziert wurden; Richter, die in der unleserlichen Handschrift der Hebephrenie lückenhafte Haftbefehle ausstellen, in denen von unaussprechlichen Verstümmelungen des menschlichen Geistes die Rede ist; Bürokraten aus unsichtbaren Behörden; ausführende Organe geheimer Polizeistaaten; Makler exquisiter Träume und Erinnerungen, getestet an den hochempfindlichen Zellen suchtkranker Junkies und eingetauscht gegen den begehrten Rohstoff des freien Willens; Ärzte, geschult in der Bekämpfung von Krankheitserregern, die im schwarzen Staub untergegangener Städte überleben und wieder virulent werden im weißen Blut von augenlosen Würmern, die sich langsam an die Erdoberfläche tasten und in den menschlichen Wirt kriechen; Krankheiten des Meeresbodens und der Stratosphäre, Krankheiten aus der Retorte und den verseuchten Zonen des Atomkriegs ... Ein Ort, wo sich die unbekannte Vergangenheit und die langsam zur Gewißheit werdende Zukunft in einem lautlos vibrierenden Vakuum treffen... Larven, die auf ein Opfer warten, in dem sie sich entpuppen können ... " ('Naked Lunch'), Burroughs / Cronenberg)

Auf Zelluloid-Junkies wie euch, denen die wie Blei zerfließenden Bilder sanft und sacht ins Hirn sickern, die grauen Windungen besetzen und die Gleichung des Neuen Fleisches einprägen: Körper = Junk / Sex  = Sprache.

II Handlung, I

Schon aus dem Vorspann geht einen die Zeit an, in der sich Cronenbergs NAKED LUNCH bewegt: Geste an die intellektuelle, städtisch-nervöse Ästhetik der fünfziger Jahre. Leicht verzogene Parallelogramme in transparenten Blau - und Rottönen schieben sich ineinander; stetig, von rechts nach links, von oben nach unten. Bebop, Jazz als Soundteppich.

Das erste Bild: eine geschlossene Holztür, im warmen Braun alter Studio-Filme ("...indem sie die Tür am Ende eines langen Korridors öffnet..."). William Lee (Peter ROBOCOP Weller) klopft an: "Exterminator!" Lee arbeitet als Kammerjäger, zugeteilt klaustrophobischen, verrottenden Appartement-Wohnungen, in denen aus dem Leim gehendes Menschenfleisch rumhockt und auf irgendein Ende wartet. In mal zu dunklem, mal zu grellem, ausgebleichtem Licht. Das Gesicht ausdruckslos, Lippen in Konzentration zusammengepreßt, Augen unbeteiligt wachsam, kämpft Lee den Ausrottungskrieg gegen Küchenschaben, Asseln, Wanzen, als im plötzlich das Gift  ausgeht. Kriechen aus den Spalt zwischen Spüle und vergilbter Tapete sofort zwei, drei der Insekten hervor; mit metallisch-fremd knackenden Gelenken, die Panzer glänzend fett schwarz.

Nach Feierabend trifft er seine Freunde Hank (Nicholas THE BROOD, DEAD ZONE Campbell) und Martin (Michale BIRD, ELENI Zelniker), beide Dichter, in einer Bar. Es wird über das Schreiben geredet; Lee - Gesicht weiterhin spurlos leer und trocken - will es mit 10 Jahren eingestellt haben. Und ringt sich auch sonst nur schwer ein Wort ab. Er bricht auf, heimwärts. Betritt die Wohnung in dem Moment, als sich seine Frau Joan (Judy A PASSAGE TO INDIA, BARTON FINK Davis) genüßlich eine volle Ladung in den Busen fixt ("Trashy, trashy, dieses weiche weiße Fleisch so mit dem blanken Stahl zu penetrieren. Dabei sehen die Venen an den Armen doch ganz brauchbar aus, da fault noch nix.").Müll wuchert, schmutziges Geschirr, Essensreste; mittendrin also sie, entsprechend gestalteter Gewebeklumpen, kennt man ja: eben so ein gemütliches Environment, daß sich mit stoischer Ruhe dem zweiten Gesetz der Thermodynamik unterworfen hat. Normaler Alltag, heute. Bis auf die Droge: Joan bedient ihre gierigen Zellen mit dem gelben Insektozid aus Lees Exterminierungs-Spritze. Den wundert das; da sie nicht dran eingeht, wie sie dazu komme, es sei ekelhaft. Immerhin weiß er nun, wieso ständig seine Vorräte schwinden. Und probiert´s selbst. Ende Einführung der Protagonisten. ("Kafkaesk? Wieso kafkaesk? Verwandlung? Was für eine Verwandlung?")

Am nächsten Tag stellen sich ihm bei Amtsantritt zwei RD-Bullen (Hauser und O`Brien, dargestellt von John Friesen und Sean McCann) in den Weg und schleppen ihn wegen "Verdachts auf Besitz eines gefährlichen Stoffes" zum Verhör ins Präsidium. In einem miesen kleinen Büro, Bebra und Staub seit Jahren stehend in der Luft, konfrontiert man ihn mit einem Berg aus Insektenpulver. Lee beharrt darauf, die Chemikalie für seinen Job zu benötigen, er kille Käferzeug damit. Hauser und O`Brien grinsen wissend, fordern ihn auf, das zu beweisen und setzen einen kleinkind-großen Mistkäfer in das Gift. Gehen dann. Das Insekt schaufelt ein wenig mit den Gliedmaßen, brummt und beginnt zu sprechen. Es hat da auf dem Rücken was  hirnmassemäßiges, das bebt und pulsiert. Und in der Mitte davon ist so eine Öffnung, sieht einem saubern, rosa Arschloch verdammt ähnlich, kommen aber Worte raus. Das Ding aus einem anderen Wahrscheinlichkeitsfeld klärt Lee darüber auf, daß es sein Führungsoffizier bei der Nova-Polizei und Joan Mitglied eines feindlichen Agentenrings sei. Es gibt daraufhin zwei hübsche Szenen: Szene 1: Lee soll dem feisten Käfer etwas von dem Insektenvernichtungsmittel auf die Lippen / den Schließmuskelring streichen und einmassieren ("Na Boy, da möchtest du doch glatt mal deinen guten alten XXXX reinstecken, was? Und im weißlichen, bräunlichen Licht in die fremde Zellkonglomeration ejakulieren.... oder, geht die da keiner ab? Wohl impotent, he?"). Szene 2: Der solcherart enorm erotisierte Gliederfüßler erteilt Lee den Auftrag, binnen einer Woche seine Frau zu exterminieren - auf eine geschmackvolle Art und Weise. Worauf Lee mittels seines rechten Schuhs, ein blankgewienerter Halbschuh, dem Käfer zur Gestaltlosigkeit eines echt Cronenbergschen Zellmatsch verhilft.

Flucht zu Joan und Paranoia. Er macht es ihnen inmitten herabfallender Schaben; Joan verlangt es gleichfalls nach einer Lippenreibung mit dem Stoff, ("Na Boy, da möchtest du doch glatt mal ... usw.") naja, und Lee, der läßt sich nicht Lumpen, er schiebt noch ´nen Kuß mit Zungeneinsatz hinterher. Lassen wir die beiden ...

Als Lee anschließend in der U-Bahn versucht, einen älteren Kollegen zu fleddern und ihm den Giftsprüher zu entwenden, glotzt dieser mitleidlosvoll und verständig. ("Klar, jeder Job hat so seine Risiken. Na, die Bauern und ihre Viecher, na was meint ihr denn, was die bei all ihren gut geschmierten Löchern den ganzen gottgeschenkten Tag lang machen? Und fangen wir gar nicht an, von den Staubsaugervertretern zu reden...'Hallo Ambulanz, hier ist wieder mal einer, der mit der Eichel zu nah an den Motor gekommen ist... Wie bitte? Klar machen wir Fotos für den Kalender vom Chef, so ´nen Frikassee kriegste ja nicht häufig zu sehen.' Und erst die Automechaniker, die Schlachter, die fröhlichen Alkoholiker von der Pathologie ...?") "Auch mal vom guten Ausmerzer genascht?" Er nennt Lee die Adresse eines verschwiegenen Arztes. Auftritt Dr.Benway (Roy FRENCH CONNECTION etc. Schneider). Der Doc vertieft sich geduldig in die Anamnese, schlägt dann als Gegengift das schwere schwarze Fleisch der großen Tausendfüßler vom Amazonas vor. Er gibt Lee gleich ein Röhrchen voll der beißend stinkenden Droge mit auf den Weg, und als ausgeprägter Humanist legt er noch was vom gelben Pulver dazu.

Auf der Straße, grelles Licht, Lee blinzelt, muß sich orientieren, hat es ihn in eine Art orientalischen Basar verschlagen. Wie von einem fremden magischen Willen besessen, zieht es ihn zu einem Stand, an dem getrocknete Tausendfüßler verkauft werden. Er wiegt sie in der Hand, als versuche er, die Bedeutung eines geheimen Zeichens zu entschlüsseln. Klappt nicht, macht nichts, stattdessen kauft er eben ein paar - Aneignung ist Aneignung. Zuhause versucht man derweil das Warten auf den Stoff kreativ umzubiegen: Joan und Martin mühen sich auf dem kleinen Sofa eher kläglich, die Körper zu etwas an Geschlechtsverkehr und Lust erinnerndes zu animieren, während ihnen Hank zur Seite sitzt und mit leuchtenden Augen aus Lee´s Schrifttum ("Ha! Vergeht er sich also doch an der Sprache!") rezitiert: "Am Markt lag das Meet-Café. ... (s.o.)." Ist in seiner Inszenierung fast ein Greenaway´sches Tableau: Das Junk-Fleisch versucht sich sexuell zu verkoppeln und die Sprache kerbt strafkoloniemäßig drüber. Na?

Lee tritt ein, durchschreitet gemessen die Szenerie - Joan und Martin beenden das deprimierende Gefummel, Hank faselt etwas von "großartiger Literatur" - und setzt sich eine Nadel von dem schwarzen, heißen Tausendfüßler-Dreck. Herzblatt kommt hinzu, ihr schießt er den Stoff direkt in den Fuß ("Wirklich verkommen, die Fut; erst in die Brust, dann auf die Lippen, nun in den Fuß - kann die Schlampe sich nicht einmal wie ein anständiger Junkie in die Venen fixen, he? Oder gehört ihre morphogenetische Gestalt schon nicht mehr der menschlichen Spezies an?"). Das hebt allgemein die Stimmung und Billyboy schlägt die "Wilhelm-Tell-Routine" vor: Joan stellt sich ein leeres Wasserglas auf den Schädel, er nimmt einen Revolver zur Hand und schießt ihr die Kugel glatt in die Stirn. An dieser Stelle vielleicht Szenenapplaus für die einzigartig bizarre Erotik von Schußwunden, die Cronenberg in seinen Filmen so souverän zelebriert ("Na Boy, da möchtest du doch ...usw").

Abdrift Lee. Eintritt in die erste Transitphase, einen extrem instabilen Orbit entlang der Vektoren von Körper = Junk / Sex = Sprache. ("Und das Eo, kid, he? Was geschieht mit dem guten, alten Ego, hmm, dem Ich, Mann, dem souveränen Subjekt der Geschichte? Dem beliebten Serienhelden aus den lodernden Propagandafilmen der Nova-Verschwörung? Dem aalglatten Eintänzer und schmierigen Pusher im Flächenbombardement auf die Hirne? Dem ...") Abdrift Lee. Ende der Exposition.

III Text Leben, I

Wie eingangs gesagt, hat Cronenberg seine NAKED LUNCH -Version aus dem Text herausgelesen. Er hat Enormes geleistet, diese seine Vision in den um Burroughs flottierenden Zeichenströmen von Primär- und Sekundärliteratur zu fixieren, das ungeheure Gitter einander überlagernder und ineinander verschlungener Textketten zu fragmentieren, neue Schnittstellen einzukerben, um seine entstehende Drehbuchmaschine eng damit zu verschränken. Über einen Zeitraum von fünf bis sechs Jahren stand er in regem Austausch mit Burroughs über dessen Leben und literarisches Werk, insbesondere verschiedene, für die Akzentuierung des Skripts wesentliche Topoi (Insekten, Schreibmedie, etc.). Gemeinsam besuchten Autor und Regisseur 1985 diverse locations in Tanger, wo der Film ursprünglich gedreht werden sollte (Erinnert sich noch jemand an den Golf-Krieg?). Schließlich war Burroughs regelmäßig auch bei den Produktionsarbeiten zugegen. Sein Urteil: NAKED LUNCH sei "die beste von vielen möglichen Verfilmungen." Sie ist inhaltlich komplex, gleichzeitig sehr dicht strukturiert und Cronenberg zeigt eine außerordentlich souveräne Regieleistung.

Es gibt zwischen Buch und Skript einen fundamentalen Unterschied, der sich auf mehreren Ebenen ausprägt. Wo der Text diffundiert, die narrative Struktur bedeutungslos wird, der Autor im Fortschreiben verschwindet, da verfolgt der Film eine Gegenbewegung, indem er sich ein Zentrum setzt: William 'Bill' Lee, Kammerjäger im New York von 1953, usw. Eine Gegenbewegung allerdings, die eher einer kleinen Schleife ähnlich, grundsätzlich dem im Roman angelegten konzeptionellen Muster folgt, "Nothing is true, everything is permitted!" - zumal im Reich der Zeichen. Das Filmskript ist ein Bastard, eine kaum vorstellbare Kreuzung aus realen und fiktionalen Elementen, dabei sehr genau und getreu. Einiges soll hier aufgerissen werden-
So war Burroughs z.N. 1942 in Chicago tatsächlich als Kammerjäger tätig. Für einen A.J.Cohen, wie Lees Boss auch im Film heißt (Howard Jerome).  "He liked it because he could make his own hours, he drove around Chicago in his own Ford V-8 (in those days, they made Fords in any color he wanted, as long as it was black), and he got to meet all sorts of people. He worked alone, carrying his kerosene spray fof bedbugs, his pyrethum powder and fluoride for roaches, his phospherous paste for water bugs, his arsenic for rats, his bulbs and bellows." ('Literary Outlaw')

Die Insekten. Eines der Zentralen Motive mit sich ständig verschiebenden Konnotationen. Aus Burroughs´ Biographie laufen hier vor allem zwei Stränge zusammen. Ersten: Junk-Entzugs-Halluzinationen. Zweitens: Zwischen 1947 und 1948 lebte Burroughs mit seiner Frau Joan und einem Freund auf einer Farm im östlichen Texas und erging sich im Marihuana-Anbau. In der Gegend wimmelte es von Skorpionen, Tarantulas, Wanzen, Zecken und - Tausendfüßlern. Burroughs entwickelte neben gnadenlosem Hass auch einen Skorpionkiller: ein Stab, an der Spitze eine Rasierklinge. Einen Skorpion schnitt er damit in drei Teile, von denen jedes in eine andere Richtung davonlief. "That´s the ugliest thing I ever saw," so der Freund.

Aber auch aus Cronenbergs Biographie führen Spuren in das Motiv. Bereits als Junge von den Naturwissenschaften fasziniert, gab er sich ausgiebig dem Fangen und Sammeln von Hummeln und Motten hin. Als ein Interview ihn dann einmal Jahre später zu SHIVERS befragt, "What did you call the parasited on the set?", antwortet er: "Bugs. It satisfied me enormously to invent a new creature, you know. The bugs came out of my childhood fascination with the microscopic, with insects and so on. When I grew up most other kids weren´t into watching praying mantises eating grasshoppers. To me there was definitely more than just a little beauty in that ..."

Oder ein Beispiel für absurde Detailversessenheit, die gleichzeitig Bedeutung für den Film transportiert. Bevor Lee in der Bar Hank und Martin trifft, spricht er noch einmal bei seinem Arbeitgeber vor. Wird zusammengestaucht, weil sein Insekten-Gift ständig verschwindet und will anschließend seinen Kanister auffüllen. Hinter dem zuständigen Schalter steht ihm ein Chinese gegenüber, der den Dialog mit den Worten beendet, "Hab nix... Klom Fleitag." Im Burroughs-Text folgt: "(Alte Schmecker-Veteranen, die Gesichter gegerbt vom grauen Junk-Wetter, werden sich erinnern: In den zwanziger Jahren gab es eine Menge chinesischer Pusher, für die sich der Westen als derart unzuverlässig, faul und verlogen erwies, daß sie alle dichtmachten, und wenn ein westlicher Junkie ankam und Stoff kaufen wollte, sagten sie einfach: 'Hab nix ... Klom Fleitag...')." Ohne diesen Kontext hat die Szene lediglich innerhalb des plots Bedeutung, mit ihm wird sie nicht nur zur Geste, sondern weist schon an dieser Stelle dem gelben Pulver Drogencharakter zu.

CUT

Nun droht Redaktionsschluß und es soll zu Ende gebracht werden, was noch nicht einmal auf einer ersten Interpretationsebene verkehrt worden ist. Sei´s also drum. Einige Durchstiche zu solchen Kanälen sollen aber wenigstens genannt werden:

1) Cronenbergs NAKED LUNCH ist ein 'male couple'-Film und handelt davon, wie 'male couples' sich reproduzieren: manche nennen das Kunst, andere Junk.

2) Das soll sagen: Männer verbinden sich mit Männern, um sich selbst (extrem dümmliche soziale Fiktion, so ´nen 'selbst') zu vervielfältigen. Klaus Theweleit hat lang und breit darüber geredet; es wäre nicht uninteressant, seine Interpretation des Streifens zu lesen. In Burroughs 'Naked Lunch' taucht diese Konfiguration unter dem Namen 'Divisionisten' auf.

3) Das gilt insbesondere für Autoren, 'Schöpfer'. Beispiele für solche Gespanne: Bill Lee / Kiki (ein homosexueller Knabe, den Lee in Interzone trifft), Tom Frost / Hafid (angelehnt an Paul Bowles und Mohammed Mrabet), und selbstverständlich William Burroughs / David Cronenberg.

4) Kongenial, ihre Zusammenarbeit. Beide arbeiten in all ihren Werken an der Ikonographie einer neuen Mythologie, einer Para-Mythologie des zwanzigsten Jahrhunderts. Beiden eigen ist ein geradezu lächerliches Rekurieren auf pseudo-wissenschaftliche Theoreme: Fiktionalisierung, also Entwertung, des geheiligten Dogma, die Vernunft werde es schon richten. Beide verbindet weiterhin ihre Betrachtung des Körpers als unheimlich, unbekannt, fremd, Objekt rationaler Maschinerie - psychopathologisches Modell (jüngstes Beispiel: DEAD RINGERS: Frauen sehen von außen zwar normal aus, von innen aber sind sie falsch gebaut. Da müssen eben barocke gynäkologische Apparate her...).

5) Dies ist der Film, den Cronenberg im Grunde schon immer gemacht hat: nun vollends entfaltet. Ihm am nächsten kommt VIDEODROME - da hat er kläglich versagt, weil er sein eigenes Medium nicht genügend beherrschte.

6) Eine wesentliche Parallele zu VIDEODROME: Thematisierung der Medien. Dort Video, nun Schreiben. In beiden Filmen wendet Cronenberg das gleiche Modell an: Ein Protagonist erlebt die Welt, sobald er beginnt, sich mit den Medien zu verkoppeln - das Reale gegen das Symbolische zu tauschen und die Wunschmaschinen dort einzuspannen -, beginnt er zu halluzinieren, logisch, und der Zuschauer kann diesem Delirium nur mehr folgen. In NAKED LUNCH ist es die Schreibmaschine: mit ihrem ersten Einsatz bricht das Imaginäre ein.

7) Hübsche Idee und hübsche Verdopplung.

8) Nochmals 'male couples': Es gibt eine einzige erotische Szene in Cronenbergs NAKED LUNCH - sie funktioniert über die Verkörperlichung, Fleischwerdung des Mediums. Es gibt eine einzige Szene, die Zärtlichkeit transportiert - Bill Lee und Kiki in Umarmung.

9) Schließlich: Bei männlichen Gespannen bleiben Frauen auf der Strecke. Sie sind dem Zirkel getauschter Kräfte und Gestaltungen ganz einfach inkompatibel. Weshalb man sie hinrichtet.

10)...

Nochmals, wie gesagt: Thema des Films ist Körper = Junk / Sex = Sprache. In einer möglichen Fortschreibung diese Textes kann darauf eingegangen werden, wie auch der, der Exposition folgende Hauptteil des Films, erzählt werden. Und nochmals: NAKED LUNCH ist Cronenbergs bislang komplexester und gelungenster Film - was unter anderem daran liegt, daß er sein Skript der Burroughs´schen Fähigkeit zu klarer Analyse und entsprechender Illustration unterworfen hat. Vollkompatibel die beiden.

R. Stoert