Süddeutsche Zeitung, 20./21.02. 1999

 

Party mit Mugwumps

Berlinale III: Ein Gespräch mit

David Cronenberg

 

SZ: Ihr Film "Existenz ", den Sie in Berlin im Wettbewerb vorgestellt haben, spielt im Cyberspace der Zukunft - aber diese virtuelle Realität sieht der kanadischen Provinz verdächtig ähnlich.

Cronenberg: Ganz recht. Aber warum nicht? Seit mehr als zehn Jahren kopieren alle den Science-Fiction-Look von "Blade Runner", diese coole urbane Verlotterung. Das ist langweilig. Ich wollte diese Erwartungen nicht bedienen and bin aufs Land gegangen. Ich drehe gerne an Orten, wo ich mich sicher fühle.

Dabei gelten Sie als ein Mann, der vor keinem Abenteuer zurückschreckt.

In meinen Filmen stimmt das - im Leben nicht. Wie Werner Herzog im Dschungel zu drehen, wäre nichts für mich. Ich sympathisiere mit Ingmar Bergmann oder Woody Allen, die am liebsten vor der Haustüre filmen. Mein Leben sieht so aus: Mittelklasse, Kinder, einkaufen gehen, Müll raustragen. Ich brauche meine Vorort-Idylle.

Haben Sie manchmal Angst, daß die bizarren Geschöpfe Ihrer Phantasie Sie mal dort heimsuchen könnten?

Nicht wirklich. Ich pflege gute Beziehungen zu ihnen. Besonders zu den Mugwumps aus "Naked Lunch", erinnern Sie sich? Die Viecher, die mit dem Arschloch reden. Sollten die in meinem Schlafzimmer auftauchen, würden sie mir für ihre Existenz danken, und wir hätten bestimmt eine lustige Party.

Die Heldin von "Existenz" ist eine Computerspiel-Designerin; die ihre virtuelle Welt wie ein Gott beherrscht. Fühlen Sie sich so beim Regieführen?

Leider nicht. Ich habe es noch mit echten Menschen zu tun, die meinen Anweisungen oft nicht folgen wollen. Die Technik und das Budget setzen mir sehr reale Grenzen. Beim Drehen fühle ich mich mehr wie ein General. Beim Drehbuchschreiben ist es wieder was anderes: Da habe ich zwar totale Freiheit, aber wenn ich noch kein Wort geschrieben habe, fühlt es sich nicht wie Freiheit an, sonder wie nichts. Denken Sie an den Existentialismus: Wir sind verurteilt, frei zu sein...

Andererseits handelt der Film davon, wie wir unsere eigene Realität erschaffen.

Das entspricht meinen Überzeugungen. Für mich gibt es keine absolute Realität. Wir Menschen erschaffen sie selbst, and wenn zwei konkurrierende Konzepte der Realität aufeinanderprallen, gibt es schon mal Tote. Dann soll die Spiele-Designerin, die eine neue, andere Realität erschaffen hat, plötzlich ermordet werden. Ich verwende einmal sogar das Wort Fatwa, weil mich der Fall von Salman Rushdie inspiriert hat. Für mich ist das, zumindest auf einer Ebene, der Zusammenprall zweier Realitäten: Westlicher Liberalismus gegen islamischen Fundamentalismus.

Aber wie weit wollen Sie diesen Gedanken treiben? Irgendwie endet das alles bei dem Philosophen, der mit dem triumphierenden Ausruf "Nichts ist real" aus dem Fenster springt. . .

Soweit gehe ich nicht. Ich akzeptiere den Körper als Realität. Den Körper and seine Begrenzungen, seine Sterblichkeit. Damit vermeide ich den Sprung aus dem Fenster. Wenn mein Körper stirbt, stirbt auch meine Realität. Dann heißt es einfach: Game over.

Oder es kommt nur ein neues Level.

Nein, sehen Sie: Genau das glaube ich eben nicht.


Das Gespräch führte Tobias Kniebe.