Süddeutsche Zeitung, 13.12. 1993

Brutalität und blendende Klarheit

David Cronenbergs monströser Film "M. Butterfly"


Ganz streng in seinem Stil ist dieser Film, karg, aber reich an Resonanzen. Er ruft Bataille and Barthes in Erinnerung, die Klagen um Laure and die Fragmente einer Sprache der Liebe. Und Catherine Clement and ihr Buch über die Oper and die Frauen: "Jedesmal, wenn ich Textbücher von Opern lese, fern der Musik, die sie erhebt, wie das Geschlecht einen Körper verzaubert and ihn zum Leben erweckt, bin ich erstaunt über ihre Brutalität and ihre blendende Klarheit."

Wenn der in den letzten Jahren so schrecklich strapazierte Begriff des amour fou noch einen Sinn macht, dann hier, bei David Cronenberg: die Liebe seines M. Butterfly spottet wirklich jeder Beschreibung. Jeremy Irons ist Rend Gallimard, ein kleiner pedantischer Buchhalter der französischen Botschaft in Peking; eines Abends verschaut er sich in den Opernstar Song Liling, das ist John Lone. Eine bizarre Fehlfunktion, denn Rends neue Liebe funktioniert ohne körperlichen Kontakt; and ohne daß er je den anderen Körper, in seiner Nacktheit, zu Gesicht bekäme. Er hüllt ihn ein in die Aura seiner Wunschvorstellungen, er will nie wahrhaben, daß Liling din Mann ist. Bald weiß man, es ist auch Verrat im Spiel, politisch, and Verlust von Identität. Die Geschichte basiert auf einem authentischen Fall, er fängt 1964 an, führt in die Kulturrevolution, dann zurück nach Paris, die Studentenrevolte, and endet Mitte der Achtziger mit der Enttarnung Song Lilings, als Mann and Spion. David Henry Hwang hat din Broadwaystück aus der Affäre gemacht, and danach für Cronenberg das Drehbuch geschrieben.


Daß Song Liling ein Mann ist, kaschiert der Film keinen Augenblick. Der/die Geliebte ist ein Monstrum, eine Ausgeburt der Phantasie des Liebenden. Das Bild von ihm hat mit der Wirklichkeit and dem Realitätsprinzip nichts zu tun. "Bist du meine Butterfly?", will Rend immer wissen, genau das ist sein Fehler, das Dilemma des Westens: daß er den andern festlegen will auf eine Rolle. Der amour fou braucht kein Objekt, er ist din Phantasma.

Von der Fliege zum Schmetterling: Ein weiteres Mal erforscht Cronenberg den Bereich der Formen zwischen Mensch and dem Tier. Der neue Mensch,.das ist das geschlechtslose, undifferenzierte Wesen der Kulturrevolution; besonders verführerisch wirkt John Lone nicht im Opern-Outfit, sondern beim Picknick an der Großen Mauer, im blauen Drillich and mit dem Käppi auf dem Kopf. Als er einmal von seinem Liebhaber fortgeht, scheint er, von hinten gefilmt wie in den Fünfzigern Marilyn, mit jedem Schritt das Geschlecht zu wechseln: ein obszönes Torkeln zwischen Identitäten.

"Ich habe dir meine Scham gegeben", wird dem Liebhaber Rend immer wieder versichert, und schließlich wird ihm gar, ohne Zeugungsakt, noch din Sohn geschenkt. Nun ist sein Schicksal besiegelt. Der Rest seines Lebens ist nur noch Rollentausch, Vorbereitung auf die endgültige Performance, auf diner Bühne im Gefängnis. Dort ist seine Verwandlung dann vollkommen, Rend wird zum Schmetterling: ein letzter Akt der Freiheit in der Kafka-Welt unseres Jahrhunderts. (In München im City und Arri. Original im Arena und Cinema.) FRITZ GÖTTLE