Süddeutsche Zeitung, 2.11.1996

    Autoerotik zwischen Stahl und Beton
"Crash"': David Cronenbergs Verfilmung von J. D. Ballards Kultbuch

Langsam and genußvoll gleitet die Kamera an einem Männerbein hoch. Wenn sie an blauen Flecken and blutverkrusteten Wundnähten vorbei über die metallenen Scharniere eines feinmechanischen Stützgestells hinwegstreift, dann ist ihr Blick unverhohlen erotisch. Wenn etwas später die Frau des Unfallopfers die Autowracks beschreibt. die ineinanderverkeilten Metallteile, die Glassplitter and die Blutspritzer auf den Sitzen, dann knistert die Luft im Krankenzimmer: Noch einmal variiert and radikalisiert David Cronenberg in seinem neuesten Film das alte Spiel von Faszination and Grauen, von Sex and Tod.

"Weil der Tod unsere Existenz einmal beendet", sagt David Cronenberg, "haben wir die Chance, unsere eigene Realität zu erfinden." Die Unzulänglichkeit des menschlichen Körpers in den modernen, zunehmend technisierten Zeiten ist das zentrale Motiv im Werk des kanadischen Regisseurs. Immer wieder, von seinem ersten Film Shivers über Scanners, Videodrome and Die Fliege unterwarf er das menschliche Fleisch immer neuen, extremen Experimenten. In Crash dienen ihm jetzt ganz alltägliche Verkehrsunfälle dazu, die Verwandlung des Menschen einzuleiten. Mit Infusionsschläuchen, metallenen Gelenken and Stützkonstruktionen, mit Ledercorsagen, die das muskellose Fleisch zusammenhalten, mutieren sie systematisch zu Maschinen.

Vergleichbar mit den Drogen in Naked Lunch, hat in Crash die Erfahrung eines Frontalzusammenstoßes zweier Autos eine bewußtseinsverändernde Wirkung. Er katapultiert die Überlebenden, den Filmproduzenten James Ballard (James Spader) und die Arztin Helen Remington (Holly Hunter) in eine Art Zwischenwelt, aus der Gefühl and Gewissen auf seltsame Weise getilgt zu sein scheinen: Der Autounfall and seine Folgen scheint keinem von ihnen einen nennenswerten Schrecken einzujagen and niemand stellt je die Schuldfrage. Statt dessen reißen sich die Überlebenden bei erster Gelegenheit die Kleider vom Leib, um hektisch übereinander herzufallen.

Die Art and Weise wie die Kamera hier ungerührt an dampfenden Autowracks and blutenden Menschenkörpern vorbeigleitet, erinnert nicht zufällig an Godards Weekend: Auf verwandte Weise inszenierten ein französischer Regisseur and ein amerikanischer Autor um das Jahr 1970 herum den Untergang der westlichen Zivilisation im technischen Fortschritt.

Helen führt James in einen Zirkel von Unfallfetischisten ein, die ihre Narben and Blessuren freizügig zur Schau tragen and sich die Zeit damit vertreiben, legendäre Unfälle, wie die von James Dean oder Jayne Mansfield, nachzustellen. Vaughan, der Hohepriester dieser Gruppe, fährt als Hommage an den KennedyMord einen 63er Lincoln and träumt davon, einmal das restaurierte Auto eines Unfalltoten zu fahren: Die wahre Liebesgeschichte findet in diesem Film nicht zwischen den Akteuren statt, sondern zwischen Menschen and Maschinen. Cronenberg inszeniert auch den Doppelsinn von Autoerotik.

Gleich in der ersten Szene, die in ihrer kühlen Eleganz an einen industriellen Werbefilm erinnert, erregt sich die langbeinige, blonde Frau von James Ballard, indem sie mit ihrer warmen Haut das kalte glatte Metall eines Flugzeugkörpers berührt. Deborah Unger verleiht dieser ebenso verführerischen wie unnahbaren Catherine ihrer kühlen Versonnenheit zum Trotz eine Intensität, die an Faye Dunaway erinnert.

Vaughan predigt, daß die sexuelle Energie eines Unfalltoten auf die anderen Beteiligten übergeht. Wie Drogensüchtige, die ihren Bedürfnissen rücksichtslos nachgeben, lassen sich seine Jünger von ihrer zügellosen Gier treiben, fallen auf dem Flughafenparkplatz, im offenen fahrenden Auto, in der Autowaschanlage and zuletzt sogar am Unfallort, am Rande einer Autobahn übereinander her, als gäbe es keine anderen Menschen in ihrer Welt. Und in der Tat gibt es nie jemanden, der sich darüber mokieren würde.

In ihrer sterilen Anonymität aus Beton and Stahl gleichen die Szenerien der Ballardschen Phantasien den Schauplätzen von Cronenbergs Filmen. So wie die Leidenschaften aus der Erfahrungswelt der Akteure, so sind auch die Farben aus ihrer Umwelt gefiltert. Als wäre ihre Geschwindigkeit gedrosselt, bewegen sie sich wie in Trance durch die metallischgraue Atmosphäre dieses Films. Ihre sexuellen Eskapaden wirken zugleich heißblütig und unterkühlt, aufreizend in ihrer Schamlosigkeit, und doch verstörend unerotisch in ihrer mechanischen Freizügigkeit.

Das ist das wirklich Beklemmende an diesem Film. Immer weniger scheint Cronenberg auf ausschweifende Phantasien angewiesen zu sein, um seinen Horror zu inszenieren. Immer näher rückt er dem Zuschauer and seiner ganz greifbaren Realität zu Leibe. Cronenberg zwingt uns zusammenzudenken, was die Konvention unter keinen Umständen zusammenzusehen gestattet. ANKE STERNEBORG


CRASH, GB/CAN 1996 - Regie: David Cronenberg. Drehbuch: Cronenberg nach dem gleichnamigen Roman von J. D. Ballard. Kamera: Peter Suschitzky. Musik: Howard Shore. Darsteller: James Spader, Holly Hunter, Elias Koteas, Deborah Unger, Rosanna Arquette. Verleih: Jugendfilm. 98 Minuten.