Süddeutsche Zeitung, 17.11. 1999

Tod, wo ist dein Stachel?




David Cronenberg treibt in seinem Film "eXistenZ" ein Spiel mit dem echten und unechten Leben

Als Kinder mussten wir lernen, wo das Spiel aufhört and der Ernst des Lebens beginnt. Den Erwachsenen, die sich in den Film "eXistenZ" in einem karg ausgestatteten Raum irgendwo in der tiefsten Provinz versammelt haben, geht es allerdings um das genaue Gegenteil: Sie wollen ihr Leben hinter sich lassen and sich wie Kinder in einer Spielwelt verlieren.

Computerspiele, Videogames, Internet, Cyberspace - in unserer Medienwelt sind die Spiele, mit denen man sich ablenken kann, immer raffinierter and aufwendiger geworden. Wobei die jeweiligen Anhänger der miteinander konkurrierenden Industriemarken bereits im jugendlichen Alter aller Merkmale eifernder Sektenmitglieder entwickeln. Genau da setzt "eXistenZ" an: an der Schnittstelle von Glaube und Realität.

Regisseur David Cronenberg hat ursprünglich Naturwissenschaften studiert, bevor er sich von den sciences zur Science-Fiction bewegte. Statt in der Gegenwart zu forschen and zu experimentieren, spielt er lieber mit der Zukunft aber damit liegt er meistens voll im Trend.


Erotik der Destruktion

In "Videodrome" sah das so aus: Statt die Videokassette in das Spielgerät zu legen, schiebt man sie sich gleich in den Bauch. Das war 1982. In "eXistenZ" ist man schon weiter: Das neue Videospiel wird mittels einer Nabelschnur unmittelbar in das Rückenmark eingestöpselt. Statt die Spielzüge auf einem Bildschirm zu verfolgen, spielen sie sich - von der Realität nicht mehr zu trennen - direkt 'im Hirn des Spielers ab.

Für Ted Pikul (Jude Law) ist das alles Neuland, wie für den unvorbereiteten Zuschauer. Ted soll als unerfahrener Leibwächter auf die geniale Spieledesignerin Allegra Geller (Jennifer Jason Leigh) achten, die in aller Abgeschiedenheit ihr neuestes Produkt vorstellen darf, das nicht umsonst den Titel eXistenZ trägt. Die mechanische and elektronische Hardware ist abgelöst worden von Spieleinheiten, die aus biologischer Materie bestehen, ein Eigenleben führen and embryonalen Lebewesen ähneln.

Spezialeffekt-Designer Jim Isaac befasste sich vor allem mit der Spielkonsole im Film: "Welche emotionalen Einflüsse erwarteten wir von ihr? Soll die dick sein? Wollen wir, dass sich die Zuschauer vor ihr ekeln oder wollen wir, dass sie sie gern haben and mit ihr schmusen möchten?" In vielen seiner bisherigen Filme ging es' Cronenberg um den Blick unter die Körperhaut, auf das pulsierende organische Leben, das den Wissenschaftler fasziniert, bei den Besitzern der Körper aber eher Ekelgefühle auslöst: wenn ihnen demonstrativ vorgeführt wird, was unter ihrer eigenen Haut rumort, arbeitet - and womöglich auch mal nicht funktionieren könnte.

Spielen macht Spaß. Und Cronenberg ist in seinen Filmen der Spieler par excellence, der sich mit Vergnügen vorstellt, wie sich seine Zuschauer später gruseln werden. Auch das darf man bei seinen Filmen, die schon ernst gemeint sind, aber auch eine beinahe kindliche Freude am gruseligen Experiment ausstrahlen, nicht aus dem Blick verlieren. Und wenn Cronenbergs Phantasien düster zu sein scheinen, dann auch nur, weil er sich eher als der Zuschauer daran erinnert, dass am Ende der Zukunft der Tod steht.

Und so muss auch Leibwächter Ted, der sich von Allegra dazu verführen lässt, mit ihr eXistenZ zu spielen, sehr bald erfahren, dass das Spiel die einzige Möglichkeit bietet, die menschliche Neugier zu befriedigen and etwas über den eigenen Tod zu erfahren. Näher käme man ihm nur noch durch Selbstmord - eine fatale Konsequenz.

Cronenberg hat bis "Videodrome" nur eigene Drehbücher verfilmt. Danach, in "Dead Zone", "Die Fliege" und "Naked Lunch" erforschte er verwandte Autoren-Seelen. Mit "eXistenZ" kehrt er in sein eigenes Universum zurück. So wie die Spieler in eXistenZ in ein neues Universum eintauchen, das sich untrennbar mit ihrer Realität vermischt, so lädt Cronenberg den Zuschauer ein, in seiner ganz persönlichen Welt der Wunder zu wandeln.

Und dort geht es, wie schon in "Crash" oder dem frühen "Rabid", um kafkaeske Metamorphosen, um Verwandlungen des menschlichen Körpers, die seinen Besitzern Angst einflößen. In Cronenbergs Universum kann etwa einem Krebsgeschwür ebenso ein ästhetischer Reiz zukommen wie der Erotik der Destruktion. So stellt er die Welt auf den Kopf - und macht aus der Identifikation ein blutiges Geschäft.

Mit einem überdimensionalen Gerät, das einer schweren Waffe gleicht, der "bioport insertion gun", dringt Willem Dafoe, der als "Tankstellenwärter" so etwas wie einen Drogen-Dealer darstellt, in den Körper des jungfräulichen Spielers Ted ein, um dort die Anschlussstelle für das ultimative Spiel zu installieren. Das ist natürlich ebenso ein Akt sexueller Penetration wie ein Spiel mit den Ängsten vor Infektion and Krankheit, denn sauber und hygienisch sieht es in der Schmuddel-Werkstatt Dafoes, die auch Assoziationen an Schmuddel-Pornos weckt, wirklich nicht aus.


Abstoßend genüsslich

Und natürlich ist eine Szene, in der Leibwächter Ted den "Bioport" Allegras mit der Zunge anfeuchtet - oder, wie die Kritikerin vom katholischen "FilmD ienst" befand, "genüsslich mit der Zunge erkundet" - auch erotisch gemeint. Die "abstoßende Wirkung", die dieselbe Kritikerin dabei empfindet, verrät allerdings eher etwas über das gestörte Verhältnis zum menschlichen Körper, das Cronenberg selbst so beschreibt: "Die Menschen schaffen Rituale, die die Körperlichkeit verdrängen. Religion zum Beispiel ist ein gutes Beispiel dafür."

Für Aufregung and geteilte Meinungen haben Cronenbergs Filme immer gesorgt - letztlich wegen ihrer Qualitäten. Denn Cronenberg-Filme haben eine hypnotische Kraft, die mit dem ersten Bild beginnt and nach dem Film noch lange nachwirkt. Alle Farbnuancen, alle Ausstattungsdetails, alle Noten der Musik, alle Geräusche sind aufeinander abgestimmt, um den Zuschauer im feinen Netz von Realität and Fiktion gefangen zu nehmen. Insofern ist "eXistenZ ", der Film über die obsessiven Spieler, natürlich auch ein sehr selbstreflexives Werk über seinen Schöpfer. Wenn das Leben nur Spiel ist - dann muss man es verdammt ernst nehmen. BODO FRÜNDT


eXistenZ. CAN/GB 1999 - Regie and Buch: David Cronenberg. Kamera: Peter Suschitzky. Musik: Howard Shore. Darsteller: Jennifer Jason Leigh, Jude Law, Willem Dafoe, Ian Holm, Don McKellar. Verleih: Kinowelt. 97 Minuten.