Süddeutsche Zeitung, 29. April 1992

Alle Kunst will Klarheit

 

Ein Gespräch mit David Cronenberg über Drogen und Träume, Kreativität und Kontrolle

David Cronenberg zählt zu den risikofreudigsten und unerschrockensten Regisseuren seiner Generation. Nach unabhängigen, kleinen Filme hat sich der Kanadier mit Scanners, Dead Zone, Videodrome und Die Fliege in Hollywood als genialer Handwerker und surrealistisches Genie etabliert. Mit Die Unzertrennlichen hat er sich eine neue Dimension des psychologischen Dramaturgie erschlossen. Sein neuer Film Naked Lunch, der auf sehr eigenwillige Weise William S. Burroughs´ Roman adaptiert und der am Donnertag in unsere Kinos kommt, setzt diese poetische Analyse menschlichen Unterbewußtseins fort. - Mit David Cronenberg sprach in London Marc Hertling.

 

Zehn Jahre lang haben Sie sich um eine Verfilmung von Naked Lunch bemüht. Warum ist es Ihnen erst jetzt möglich gewesen, den Film zu realisieren?

Ich weiß nicht, woher dieses Gerücht stammt. Da hat jemand etwas durcheinandergebracht. Als ich vor etwa zehn Jahren nach einem Traumprojekt gefragt wurde, habe ich gesagt: "Vielleicht Naked Lunch" - aber ohne das wirklich im Sinn zu haben. 1984 war der Produzent Jeremy Thomas auf dem Festival von Toronro. Er sagte: "Ich habe gehört, daß du 'Naked Lunch' verfilmen möchtest." Ich antwortete: "Ich habe ein wenig mit dem Gedanken gespielt, ja." Er wollte den Film produzieren und mich Burroughs vorstellen. So fing alles an.

Sie sind also nicht von dem Wunsch besessen gewesen, den Film zu drehen?

Burroughs ist als literarischer Einfluß sehr wichtig für mich gewesen, aber ich würde es nicht als Besessenheit bezeichnen.

Was stellt der fiktive Ort Interzone in Naked Lunch dar?

Interzone existiert nur in der Phantasie. Ich kann natürlich nur über meinen Film sprechen, nicht über das Buch. Unsere Hauptfigur ist ein Mann, der vielen Dingen aus dem Weg gehen will, um mit sich selbst ins Reine zu kommen. Dinge, die sehr real sind: seine Homosexualität beispielsweise. Sein Verlangen, seine Fähigkeit und sein Wunsch, Schriftsteller zu sein. Er hat entschieden, daß er sich mit diesen Dingen nicht auseinandersetzen möchte. Statt dessen versucht er, ein geradliniger, normaler Mensch zu sein. Er hat eine Arbeit und führt ein nettes, unscheinbares Leben. Interzone ist ein Ort, den er für sich selbst kreiert und wo er gezwungen wird, sich mit seinen Problemen zu beschäftigen. Die Menschen dort sagen zu ihm: "Du darfst mit diesem Mann schlafen." Er fragt immer wieder: "Warum sagt ihr das? Ich bin nicht homosexuell!" Seine Schreibmaschine sagt: "Du mußt schreiben!" Er wehrt sich: "Ich bin kein Schriftsteller." Die Realität aber ist: Er ist Schriftsteller, und er ist homosexuell. Die Interzone wird von ihm kreiert, um gewissen Dingen gegenübertreten zu können.

Die Bilder im Film sind aber äußerst spekulativ.

Das würde ich so nicht sagen. Sie dürfen nicht vergessen, daß es sich um eine halluzinatöse Welt, in der er lebt. Uns wird klar, daß er New York niemals verlassen hat. Darum erfindet er diesen exotischen Ort, wo er gezwungen wird Schriftsteller und Homosexueller zu sein. Mit der Schuld am Tod seiner Frau hat er gleichzeitig jede Möglichkeit zerstört, jemals wieder ein normales Leben führen zu können. Wer des Mordes oder des Betruges schuldig ist, dem wird seine Tat im Unterbewußtsein immer wieder vor Augen geführt - mittels seiner Gedanken und Emotionen. Es ist meine kinematographische Methode, das zu zeigen. Er wird seine Frau wieder und wieder töten. Er muß den Preis dafür zahlen.

Von Ihrem vorletzten Film Die Unzertrennlichen waren Ihre Fans arg enttäuscht.

Aber wer Die Unzertrennlichen gesehen hat, wird jetzt nicht enttäuscht sein. Ich habe immer klar machen wollen, daß ich kein Horrorfilmer bin - auch wenn ich Horrorfilme gedreht habe.

Immerhin ist Burroughs´ Drogenerfahrung ein ziemlich realer Horror, den auch im Film zeigen.

Ich stimme Ihnen zu, daß Realität auf verschiedenartige Weise nützlich ist. Wir beide wissen, daß die meisten Menschen, sofern sie an Horrorfilme denken, ein spezielles Thema vor Augen haben: eine Formel, wenn sie so wollen. Egal, ob man eine Hollywood-Komödie, einen Horror- oder einen Science-Fiction-Film nimmt: Die Menschen glauben immer zu wissen, was man beabsichtigt. Auch wenn ich das bis zu einem gewissen Grad akzeptiere, so habe ich bestimmt andere Vorstellungen von einem Horror-Film, Taxi Driver ist in meinen Augen ein Horror-Film, niemand wird den Film diesem Genre zuordnen.

Inwiefern hat sich Burroughs von seinem Drogenkonsum kreativ anspornen oder blenden lassen?

Burroughs ist ein belesener, intellektueller und literarischer Mann. Natürlich hat er Drogen genommen. Burroughs hat in einer Art Fieber und Besessenheit geschrieben. Aber es gibt viele romantische Poeten, die das gleiche getan haben. Oder es behaupten. Das ist Schriftstellertradition. Burrough ist sich des Prozesses des Schreibens nicht immer bewußt gewesen. Ich versuche zu sagen, daß er es weiß, es sich aber nicht eingestehen will, weil er Angst hat, dann plötzlich aufzuhören und wie gelähmt zu sein.

Viele Autoren nehmen Drogen oder ähnliche Aufputschmittel. Ist das ein allgegenwärtiges Problem in Hollywood?

Ich glaube nicht, daß man diese Art der Selbstzerstörung den Autoren vorwerfen sollte. Sicherlich nehmen Menschen in Hollywood aus ihrer Angst heraus Drogen. Aber da spielen noch andere Dinge wie Macht eine Rolle. Burroughs benutzt seine Halluzinationen - hervorgerufen durch die Drogen - in der gleichen Weise, wie andere Menschen ihre Träume benutzen. Wer gehemmt ist, benutzt seine Träume, um Hemmungen abzubauen. Burroughs hat das bis zu einem gewissen Grad getan. Es besteht aber kein Zweifel, daß er total geradlinig und ohne Drogen schreiben kann. Und das auch praktiziert hat.

Ihre Ideen sind mitunter dermaßen absurd, daß unweigerlich der Eindruck entsteht: Cronenberg muß ja auf einem gewaltigen Trip sein!

(Lacht) Ich glaube, daß steckt in jedem Menschen. Nehmen wir an, man bohrt ein kleines Loch in Ihre Stirn, während Sie schlafen. Dann projeziert man Ihre Träume auf eine Leinwand. Was glauben Sie, wird man sehen? Das wird bestimmt nicht langweilig sein! Die meisten Menschen können meine Gedankengänge nachvollziehen, unterdrücken sie aber aus irgendwelchen Gründen heraus. Wir müssen unseren Gedanken sonderbare Assoziationen erlauben - unzensiert und ungehemmt. Assoziationen, vor denen wir uns an einem ganz normalen Tag fürchten. Es ist doch verwirrend: Wir kontrollieren alles, wir zensieren alles - obwohl die meisten Menschen in der Lage sind, abscheuliche, ungehemmte Gedanken in Ihrem Kopf entstehen zu lassen. Aber sie erlauben nicht, daß es passiert.

Welche Art von Filmen entstehen in Ihrem Kopf?

Das wissen Sie am besten! Sie kennen meine Filme. Der Unterschied zwischen uns ist, daß ich eine Möglichkeit gefunden habe, mein Verlangen zu befriedigen. Ich kann mich auf eine traumähnliche Logik begeben, während ich hellwach bin. Sie wahrscheinlich nicht. Wenn ich vor meiner Schreibmaschine sitze, nehme ich keine Drogen. Ich trinke nicht. Wer sich mit Kunst auseinandersetzt, will Klarheit und nicht Verwirrung stiften.