Süddeutsche Zeitung, 11.3.1981

Die Monster sind Gedanken

 

Eine neue Qualität des Science-fiction-Films: Cronenbergs "Scanners"

Seit Parasiten-Mörder (1974) hat der Kanadier David Cronenberg einen guten, wenn auch nicht ganz unumstrittenen Namen auf dem Gebiet des Science-fiction-Horrors. Qualität seines neuen Films ist, daß er den Horror nicht gegenständlich transportiert. Cronenbergs Vehikel in Scanners sind frei werdende Gedanken, die zwanghaft aus monströs mutierten Gehirnen schießen, sich als mörderische Waffen gegen die Körper der Feinde wenden, Gesichter zerfetzen und Körper explodieren lassen. Am Ende seiner Geschichte filmt Cronenberg einen Showdown, den sich zwei Brüder, beide mit Scanner-Fähigkeiten ausgestattet, liefern: Zwei Menschen stehen sich haßerfüllt gegenüber, jeder ihrer Gedanken reißt Wunden in die Wangen des anderen, läßt Adern schwellen und platzen und Augen verdampfen.

Was sich in der Beschreibung eher wie ein zynische Steigerung gegenwärtigen Geisterbahn-Kinos liest, verleiht dem Science-fiction-Horror tatsächlich neue Dimension: Cronenbergs Monster sind keine Aliens, sondern die Menschen selbst; die telepathisch allmächtigen Voodoo-Scanners sind Produkte der Pharma-Industrie, gleichsam ferngelenkte Abkömmlinge eines Wissenschaftlers/Vaters (Patrick McGoohan), der eine neue Menschenrasse etablieren will, die den nicht mehr faßbaren Machtstrukturen der modernen Welt gewachsen ist und greifbare materielle Bedrohungen spielend bewältigt: Cronenbergs Protagonist (Stephen Lack) besiegt denn auch mühelos alle auf ihn gerichteten Maschinenpistolen und gewinnt schließlich sogar den Kampf gegen einen Multi-Computer, der auf Selbstzerstörung programmiert ist, um ihn mit in den Untergang zu reißen.

In der letzten Einstellung von Scanners verwischt Cronenberg irritierend die Grenzen zwischen Gut und Böse; lange vorher schon aber führt sich der von langer Hand inszenierte Scanner-Krieg zwischen Underground-Aktivität und Multi-Macht ad absurdum, denn moralische Kategorien existieren nicht in diesem antiken Familiendrama. Das im Effekt anarchistische Manifest Cronenbergs heißt, daß Sieger und Besiegte austauschbar sind - der Sieger trägt im Schlußbild die Züge des Besiegten.

Scanners ist die düstere, aber nicht nur pessimistisch gemeinte Vision vom Menschen als einem Wesen, das in der von ihm zerstörten Welt - und sei es nur mit Hilfe einer zufälligen Fehlentwicklung - überleben lernen oder eben unweigerlich untergehen muß. "Zur ökologischen Bewegung stehe ich ambivalent. Es ist absolut nicht klar für mich, daß die natürlich Umgebung des Menschen der Wald ist. Nach allem, was wir wissen, könnte es 'downtown Chicago' sein. Die Sache mit dem Menschen ist, daß er sich seine eigene Umwelt schafft, und es liegt in seiner Natur, sie zu kontrollieren, auch wenn er keine Chance hat. So sind in einem bestimmten Sinn meine Ärzte und Wissenschaftler (im Film) alles Helden", sagte David Cronenberg in einem [I]nterview in Film Comment.

Eine unbequeme These - aber zur Not läßt sich der Film auch als Anti-Multi- und Anti-Wissenschaftsstudie in Horror interpretieren, was Cronenbergs Lust an punkhafter Irritation sicher entgegenkommt.

Eckhart Schmidt