Süddeutsche Zeitung Nr. 119,  23.5. 1984 Seite 38  

 

Glasklare Magie

David Cronenbergs parapsychologischer Thriller "Dead Zone"


Stephen Kings erzählerische Raffinesse bleibt bei den Verfilmungen seiner Horrorgeschichten meist auf der Strecke. Die schleichende Veränderung der Protagonisten vollzieht sich in wenigen Augenblicken, and der vielgesichtige, -alltäglich gekleidete Grusel wird auf eindeutige extreme Bilder reduziert.

Nicht so in diesem Film. Regisseur David Cronenberg und Drehbuchautor Jeffrey Boam haben mit Dad Zone eine kongeniale Leinwandfassung erarbeitet, die auch Kings satirische Saiten zum Schwingen bringt, Hinter dem Plot um übersinnliche Kräfte verbirgt sich der Hinweis auf eine neurotische and sogar psychotische Mentalität, die - nicht nur in den USA - bis ins Zentrum der politischen Macht reicht.

Es beginnt völlig harmlos - wie immer bei Stephen King. Johnny, ein in jeder Hinsicht durchschnittlicher Mensch, führt das unspektakuläre Dasein eines Englischlehrers in einer Provinzstadt Er and die hübsche, sanfte Sarah wollen heiraten, Kinder haben, gemeinsam alt werden. Da stürzt ihn ein schwerer Autounfall in ein Koma, aus dem er erst nach fünf Jahren wieder erwacht. Durch Zufall bemerkt Johnny, daß er nicht mehr derselbe ist Er hat das zweite Gesicht, kann in die Vergangenheit und in die Zukunft sehen.

Diese Fähigkeit wird für ihn zu einer qualvollen Belastung, der er zu entfliehen versucht, aber als Johnny bei einem Besuch als Hauslehrer den machtgierigen Politiker Stillson kennenlernt, weiß er, daß er sich nicht länger der moralischen Verpflichtung seiner Gabe entziehen kann. Er erkennt nämlich, daß Stillson - ein moderner Adolf-Hitler-Verschnitt - als zukünftiger Präsident der Vereinigten Staaten die Welt der atomaren Vernichtung ausliefern wird. Johnny sieht keine andere Möglichkeit, als Stillson zu töten, auch wenn er selbst dabei stirbt.

Cronenberg hat keine reißerischen Effekte nötig gehabt, um mit dieser Handlung eine verstörende magische Faszination zu erreichen. Er geht - was in diesem Genre äußerst selten ist - streng logisch vor. Alle Ereignisse, auch die parapsychologischen, haben daher eine glasklare, nüchterne Realität. Sie lassen die Konturen zwischen Einbildung and beweisbarer Erfahrung verschwimmen. Das Unmögliche ist möglich, der atomare Overkill ebenso wie der erfolgreiche Widerstand dagegen. Diese Kraft liegt in der Dead Zone, dem dunklen unerforschten Bereich unserer Energie und Phantasie..


Dead Zone ist auch ein tragischer Liebesfilm, denn daß Johnny seine schreckliche seherische Begabung akzeptiert, macht ihn einsam. Diese Einsamkeit findet ihren äußeren Ausdruck in einer Bildgestaltung, die ausschließlich mit blassen Farben arbeitet, mit . Pastelltönen kalte Jahreszeiten als Kulisse bevorzugt. Kameramann Mark Irwin and Ausstatterin Carol Spier haben dabei beste Arbeit geleistet In der blutleeren, erstarrten Umgebung läßt Cronenberg seine Schauspieler konsequenterweise nur sehr zurückgenommen agieren. Besonderen Eindruck hinterlassen Herbert Lom als Johnnys behandelnder Arzt and Brooke Adams als Sarah. Überragend aber ist Christopher Walken als Johnny. Am Broadway hat er den Durchbruch längst geschafft, and nun zeigt er, daß er such im Film einer der ganz Großen werden wird. (In München im Mathäser.)
              GÜNTER JURCZYK