Tagesspiegel, 5.6. 1997

Er läuft und läuft und läuft - in zwanzig Ländern. Doch erst jetzt, acht Monate nach seiner Premiere, wurde er im prüden England freigegeben: "Crash", David Cronenbergs Film über Autos, Sex und Tod

 

Ins Kino geht der Zensor nie

 

Von Nina Coon

Großbritannien ist, findet Regisseur Michael Winner, das "am stärksten mit Zensur arbeitende Land der gesamten freien Welt". Peinlich genug, daß das British Board of Film Classification (BBFC) sich lange genug den Kopf über "Natural Born Killers" zermartert hatte; nun vollzieht es ein neues Stück bürgerlicher Prüderie. Das BBFC - eine politisch unabhängige Gruppe von 22 ausgewählten Prüfern, seit achtzig Jahren für die Freigabe von Filmen verantwortlich - hat sich acht Monate Zeit gelassen, über Zensur oder Freigabe von "Crash", David Cronenbergs automobil-erotischem Film, nachzudenken. Prächtige Munition für all jene, die am Stereotyp des verklemmten, spießigen Briten festhalten.

Am 18. März hat das BBFC "Crash" das Etikett "Frei ab 18" gewährt, und das nach Beratung eines Staatsanwaltes - ohne die winzigste Zensur. Der Film ist nun ab dem morgigen 6. Juni in Großbritannien zu sehen, aber voraussichtlich nicht überall. In Sachen Filmzensur sind die britischen Stadtrats-Gremien nicht an die Entscheidung des BBFC gebunden; sie haben die letzte Entscheidung. Die Stadträte sind auch nicht verpflichtet, den BBFC über ihr Urteil zu informieren: "Sie werden und vielleicht ein Fax schicken", sagt eine BBFC-Sprecherin. Bislang wurden solche Faxe nur aus den finstersten Korridoren der Provinz geschickt: Monty Pythons "Life of Brian" wurde wegen Blasphemie in Glasgow verboten, auch in Runnymede (in der Grafschaft Surrey) zensierte der Stadtrat "Brian" - vorsichtshalber, denn der Bezirk hat kein eigenes Kino. Das Publikum auf der Kanalinsel Guernsey wurde vorsorglich vor "Natural Born Killers" geschützt, und in Brighton mußte man auf die Sex-vor-dem-Kühlschrank Szenen in "9 1/2 Wochen" verzichten; Martin Scorseses "The Last Temptation of Christ", der von der sexuellen Spannung zwischen Jesus und Maria Magdalena handelt, wurde dank aufmerksamer Stadträte in zwei englischen Bezirken verboten.

Den Filmen hat das nie geschadet. Im Gegenteil, wenn ein Film so "schockierend" ist, daß zwischen den Regalen des Kaufhauses Marks & Spencer darüber geflüstert wird und die Gemeindeverwaltungen mit Klageschriften überhäuft werden, verhilft die Stadtratzensur den Filmen binnen Jahresfrist zum Kultstatus.

Eine Londoner Bezirksverwaltung hat sich von Anfang an gegen "Crash" eingesetzt. Politiker im Westminster City Council (WCC) stimmten für ein Interimsverbot - und dies schon sechs Monate, bevor das BBFC den Film zu Gesicht bekommen hatte. Dessen endgültige Entscheidung hat ihre Meinung nicht geändert. Dies ist aus zwei Gründen bemerkenswert. Erstens wäre es üblich gewesen, zumindest die Entscheidung des BBFC abzuwarten und damit den Schein unabhängiger Zensur zu wahren. Zweitens beherrscht zwar der Stadtrat von Westminster den Großteil aller Londoner West End Kinos und Theater - unbekannten und hier nicht lancierten Filmen ist der Reinfall sicher. Für Filme wie "Crash" gilt das freilich nicht: das WCC-Verbot dürfte ihnen den Erfolg überall sonst sichern.

Laut einer WCC-Pressemitteilung vom 21. Mai ist der Film "an der Grenze der Obszönität". Die Hauptdarsteller des Films sind "sexuell attraktiv, selbständig und selbstbewußt, gesellschaftlich stark, effektiv und hartnäckig. Sie werden als attraktive Vorbilder dargestellt". Aus diesen Gründen soll "Crash" in Westminster verboten bleiben.

Die ungekürzte Fassung von "Crash", ein Erfolg in über 20 Ländern, hatte eine WCC-Freigabe nur für den 9. November 1996 erhalten, den Tag der Aufführung beim Londoner Film Festival. Geoff Andrew, Filmkritiker des Stadtmagazins "Time Out": "Diese Vorstellung war öffentlich. Niemand ist rausgegangen. Niemand hat gekotzt." Doch dann erschien ein Hetzartikel im "Daily Telegraph", der den Film als "geistlos, ekelhaft und gewalttätig" geißelte. Die Filmjournalisten des "Daily Mail" und des "London Evening Standard" schlugen in die gleiche Kerbe. Kurz darauf appellierte die ehemalige Kultusministerin Virginia Bottomley - erklärte Gegnerin von Gewalt aller Art - an die Gemeindeverwaltungen, die Freigabe des Films sorgfältig zu überlegen. Der WCC reagierte wie gewünscht: "Crash" entpuppte sich als Dorn im Auge der konservativen, bürgerlichen Minderheit. Geoff Andrew: "Empörend, daß das Ganze von der Meinung von drei Leuten abhängig ist, einer davon ist siebzig Jahre alt und geht nie ins Kino."

Ähnlich wie bei "Natural Born Killers", der auch monatelang auf eine Genehmigung warten mußte, hat das Zensurkomitee den Mediensturm einfach abgewartet - und damit die Zuschauer im Stich gelassen, sagen Kritiker. Aber das BBFC wird nicht nur aufgrund seiner zögerlichen Haltung kritisiert. "Es hat keinerlei Sitten- oder Praxiskodex, um zu erklären, was in der jeweiligen Filmeinstufung denn eigentlich zu erlauben ist", sagt Wilf Stevenson, Direktor des British Film Institute. Und: Wenn es Richtlinien gibt, werden sie nicht immer auf gleicher Weise angewandt oder bleiben überhaupt ein Geheimnis. Eine besonders geschmacklose Richtlinie ist in einem internen Dokument von 1994 zu lesen: "Innere Schamlippen sind ausgeschlossen, äußere können akzeptiert werden."

Aber egal, was für Lippen zu sehen sind - selten hat der BBFC einen Film tatsächlich verboten. Das letzte Mal geschah dies 1989, mit einem 18 Minuten langen Film von Nigel Wingrove, "Visions of Ecstasy", über die spanische Nonne Teresa von Avila und ihre sexuellen Jesus-Phantasien. Und vor 20 Jahren bekam "Im Reich der Sinne" von Nagisa Oshima keine Freigabe. Erst vor fünf Jahren wurde er für Filmklubs zugelassen. Von den 364 Filmen, die 1995 durch die heiligen Portale des BBFC gekommen sind, wurden 27 zensiert. Laut BBFC wurden davon zwanzig von den Produktionsfirmen selbst aus Marketing-Gründen "neu zusammengesetzt".

Obwohl der Mediensturm längst nachgelassen hat, geht im "The Daily Mail" die Kampagne gegen "Crash" weiter. Die Zeitung brachte im März, kurz nachdem das BBFC seine Entscheidung getroffen hatte, im Leitartikel sogar eine Warnung an Tony Blair: "Wer ab Mai in diesem Land an die Macht kommt, sollte das British Board of Film Classification abschaffen, ein Organ, das mit diesem Film und so vielen anderen seine Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit verraten hat. Für Tony Blair könnte es der erste Test für sein Engagement für die Familienwerte werden."

Immerhin: David Cronenbergs britische Fans müssen jetzt nicht mehr den Sprung aufs Festland machen, um "Crash" für sich selbst zu beurteilen, sondern nur noch ein paar Haltestellen mit Bus oder U-Bahn bis zum nächstgelegenen Kino fahren. Außerhalb der Bezirksgrenze von Westminster ist der Erfolg von "Crash" jetzt wohl programmiert - dank ein paar alten Männern, die selber nie ins Kino gehen.