taz  10.2. 1989

Interview mit dem Regisseur David Cronenberg

"Die Oberfläche läßt das Innere durch"

 

taz: Mir war verdammt kalt in Ihrem Film.

David Cronenberg: Versteh´ ich, der Film ist eisig. Wie in einem Aquarium.

taz: Mir scheint, Sie haben ihn besonders akribisch komponiert.

Cronenberg: Ja. Ich wollte es sehr komprimiert haben, mit wenig Ortswechseln. Die Figuren in "Dead Ringers" ("Die Unzertrennlichen", d. Red.) sind ja ausgesprochen introvertiert, und man kann ihnen wie unter einem Mikroskop zusehen. Man soll die Charakter möglichst ohne epische Erzählriten erkennen und verstehen.

taz: Mr. Cronenberg, in einem anderen Gespräch haben Sie gesagt, es geben für Sie einen Unterschied zwischen "Fantasy" und "Fear". Aber gerade die Phantasie Ihrer Filme macht Angst.

Cronenberg: Ich glaube, ich habe damals über den Unterschied zwischen Film und realem Leben gesprochen. Man kann ja etwas ganz Grauenvolles denken und sich wünschen, daß es nie geschieht. Die Dinge, von denen ich in meinen Filmen erzähle, möchte ich nie wirklich haben. Oder daß sie passieren. An Effekthascherei bin ich nie interessiert. Deshalb spreche ich über Ereignisse, die in der Wirklichkeit verhaftet sind. Man sollte auch darüber debattieren, sich damit befassen. Insofern ist die Angst sehr real, macht aber ebenso einen Sinn. Die Dinge, die das Publikum verstören, beunruhigen mich genauso. Es kommt vor, daß ich ganz dunkle Seiten entdecke, von denen ich vorher nicht annahm, daß sie existieren.

taz: Sie inszenieren immer wieder beeindruckende, geradezu naturwissenschaftliche Experimente. Aber Ihre Exkurse über das menschliche Dasein wirken naiv.

Cronenberg: Den Abgrund kann man, glaube ich, dennoch begreifen. Natürlich möchte ich gerne mit den extremen Situationen die Sehgewohnheiten verändern. Die Moral der meisten Mainstream-Filme ist ekelhaft auf Kompromisse aus; eine Farce, kennt man die Beweggründe. Wenn die Zwillinge in "Dead Ringers" verzweifelt nach ihrer Identität suchen, entdeckt der Zuschauer erst einmal nur die Hülle. Daß sie schizophren ist, gelangt noch nicht an die Oberfläche.

taz: Kann es daran liegen, daß Ihre literarische Vorlage von einem eher mittelmäßigen Horrorschreiber stammt?

Cronenberg: Das mag sein. Aber mir machen Vorlagen keine Angst mehr. Es ist egal, wo die Inspiration herkommt. Die Zwillings-Geschichte ist ja tatsächlich passiert, sie ist extrem bereits in der Realität. Und als ich das Drehbuch schrieb, war es für mich eine ganz neue Geschichte, von der ich damals noch nicht wußte, wohin sie denn führt. Ich wollte nicht treu gegenüber einem Buch sein.

taz: Darf man die drei Filme "Dead Zone", "Fly" und "Dead Ringers" als Trilogie verstehen?

Cronenberg: Es existieren Zusammenhänge. Das Ende von "Dead Zone" und "Fly" ist fast gleich: Eine Frau weint über das Ende ihres Geliebten. Im Zwillingsfilm erscheint dies doppelt. Sie dürfen aber nicht annehmen, ich hätte das geplant, das ist Zufall. "Dead Ringers" ist ein zehn Jahre altes Projekt, also weit vor "Dead Zone" und "Fly".

taz: Ihr Film "Videodrome" durfte in der Schweiz nicht gezeigt werden.

Cronenberg: Interessant. Die Oberfläche läßt das Innere durch, damit es das Licht des Tages erblickt. Der Zensor erkennt anscheinend das tatsächlich Abstoßende. Es ist ja nicht so schön, was da in meinen Filmen zu sehen ist, und ich will zugeben, daß das die Leute im Kino genauso abschreckt. Aber was ist so furchtbar daran, in den eigenen Körper hineinzublicken? Sie laufen doch auch mit diesen Innereien herum. Warum quält man sich dann mit einer Ästhetik, die noch überhaupt keine Verlaufsform hat? Für Schönheit eine adäquaten Begriff zu finden, ist kompliziert. Zuallererst meint man damit ja den Körper, die Art, wie er äußerlich beschaffen ist. Dieses Paradoxon bringe ich in meinen Filmen zur Sprache. Wie soll man sonst die Schönheit des Geistes wahrnehmen, die Attraktivität eines Körpers? Und wie den Humor, die Trgödie?

taz: Sie plündern das Innere.

Cronenberg: Da ist etwas dran. Ich internalisiere, und deshalb ist es wohl logisch für mich, in das Innere zu dringen. Deshalb mag ich Insekten auch sehr gerne. Ich mag gerne über meine Filme reden, aber es stimmt natürlich, daß ich vieles nicht erklären will. Es soll zu betrachten sein.

taz: Mit Cronenberg verbindet das Publikum nun mal violence...

Cronenberg: Ist vielleicht meine Verdammnis. Anthony Perkins geistert auch immer noch als Psychopath herum. Wenn die Leute denken, meine einzige Profession bestehe im Produzieren blutiger Gewaltfilme, dann ist es hoffnungslos. Die wollen sowieso nicht hinsehen. Die Menschen gehen ins Kino, weil sie dort auf überraschende, phantastische Dinge hoffen. Das kann sogar in einer kleinen, ganz schlichten Komödie der Fall sein. Diese Fantasie ist meine Profession. Das Element der Splatter-Filme ist ein eher armseliges Element. In "Dead Ringers" ist es psychische Gewalt, eine Larve. Und das ist noch kälter, wie Sie ja selbst schon gesagt haben Ich liebe das intellektuelle Spiel, es ist so schön distanziert. Da puzzlest du herum, machst Experimente. Worte sind wichtig, die Dialoge. Die Konzeption ebenso. Filme, die sehr manipulativ geordnet sind, hasse ich, zum Beispiel "E.T.": Da muß man ganz gezielt heulen, jetzt, los, sagt die Musik. In "Dead Ringers" geht es sehr kontrolliert, aber doch voller Gefühle zu. Und wenn mir mein Gefühl sagt, das war gut, was du gemacht hast, dann kann ich mich noch Jahre später an die Filme erinnern.

taz: Also sind Sie ein Wahrheitssucher?

Cronenberg: Nein, gerade nicht. Die Umwege sind interessant, nicht die Auflösung. Das ist sehr viel mühsamer durchzuhalten. Ich bin am Erzählen ungewöhnlicher Geschichten interessiert, das ist so verlockend. Natürlich kann man das auf eine ganz blöde Art realisieren. Aber dann versteht ein Regisseur weder etwas von Kunst noch von Unterhaltung. Als ich den Hauptdarsteller für die Doppelrolle in "Dead Ringers" gesucht habe, lehnten alle amerikanischen Schauspieler ab. Vielleicht wollten einige nicht mit mir arbeiten, aber die meisten hatten einfach Schiß. Sie wollten nicht diesen schizophrenen Charakter spielen, er war ihnen zu dicht an der Wirklichkeit. Er ist ja nicht Jekyll & Hyde, der eine böse, der andere gut. Und sie fürchteten sich wahrscheinlich vor der Gynäkologie, die im Film eine so wesentliche Rolle spielt. So kam Jeremy Irons, ein Engländer, in die Rolle. Er sah keine Probleme, einen Gynäkologen darzustellen. Schauen Sie, man kann gewiß die Darstellung stark übertreiben, die Franzosen machen das oft in ihren Filmen. Aber es ist doch langweilig, wenn man die zwanzig verschiedenen Möglichkeiten, die ein Film vielleicht bietet, nicht macht. Warum nur zwei, wenn zwanzig möglich sind?

taz: Sie sollen gesagt haben, man könne Ihre Filme getrost Jugendlichen zeigen.

Cronenberg: Es kommt darauf an, wie alt sie sind. Ich mache keine Filme für Teenager. Wenn sie sie mögen, überrascht mich das. Schließlich spielen da nie Teenager mit.