tip Filmjahrbuch, Nr.3 (1987), p. 96 - 99

David Cronenberg

DIE FLIEGE

Der Kanadier David Cronenberg - bekannt vor allem durch sein Splatter-Movie "Scanners" - ist bekannt dafür, nicht gerade zimperlich zu sein. Das Blut fließt bei ihm in Strömen. Mit seinem letzten Film "Die Fliege" hat er seine eigenartige Lust am Schrecken auf die Spitze getrieben. Dabei beteuert der Regisseur, daß er im richtigen Leben Gewalt eigentlich verabscheue. Wer´s glaubt ...

Von Rolf Giesen

David Cronenberg cameo in The Fly

Hunderte von Horrorfilmen habe ich gesehen. Paul Wegener als "Golem". Max Schreck als "Nosferatu". Lon Chaney als "Phantom der Oper". Bela Lugosi als "Dracula". Boris Karloff als "Frankenstein"-Monster. Lon Chaney jr. als "Wolfsmensch". Produktionen von Val Lewton ("Katzenmenschen") und Hammer-Film, jener britischen Gesellschaft, die nach dem Zweiten Weltkrieg eine spürbare Verrohung des phantastischen Filmgenres einläutete (eine Verrohung, die einherging mit der Halbstarken"kultur"; damals gab es sogar Halbstarkengrusel wie "I Was A Teenage Werewolf" und "I Was A Teenage Frankenstein"). Heute würde man mit Chris Lees ehedem "schockierenden" Vampirfilmen noch nicht einmal eine Kleinkindervorstellung füllen. Unsere Jüngsten favorisieren, soweit indizierte Videocassetten in ihre gierigen Händchen gelangen, wahrscheinlich die "Meister"werke eines George Romero ("Zombie") oder Tobe Hooper ("Texas Chainsaw Massacre"). Den sadistischen exploitation-Horror der siebziger und achtziger Jahre, der oft nicht minder geschmacklos ist wie [sic] seine Fans. Obwohl ich selbst mich in diesem Zusammenhang lieber als Kostverächter erwiesen hätte, habe ich mir mehr als eines dieser Meisterwerke reingewürgt: "Andy Warhols Frankenstein" (der, als ich ihn einige Jahre später wiedersah, in 3-D, schon viel von seinem Schrecken verloren hatte; man stumpft halt ab). "Blutrausch". "Cannibal Girls". "Das Ding" von John Carpenter. "Freitag der 13.". "Prom Night - Die Nacht des Schlächters". "Der Schlitzer". Nicht zuletzt den "Man Eater", der - lecker! - zum Schluß seine eigenen Gedärme verspeiste.

Ich bin also, leider, einiges gewöhnt. Aber das, was David Cronenberg aus der "Fliege" gemacht hat, scheint mir eine neue Stufe krankhafter Phantasie. Hier ist eine Stufe erreicht, die mich nötigen müßte, nach einem Verbot dieses oder ähnlicher antimenschlicher Werke zu schreien. Wenn ich schon allein lese, daß Cronenberg für diesen Irrsinn alles in allem 15 Millionen Dollar zur Verfügung standen, wird mir speiübel.

Dabei war uns die originale "Fliege", 1958 nach einer Playboy-Geschichte von George Langelaan entstanden, nicht mal so unsympathisch, denn dieser amerikanische Gruselfilm entbehrte nicht einer gewissen unfreiwilligen Komik. (Und ist nicht die Verbindung von Grauen und Lachen oft am unterhaltsamsten? Die Essenz des wahren Horrors sei der Clown um Mitternacht, schrieb einmal "Psycho"-Schöpfer Robert Bloch und zitierte Lon Chaney: "Ein Clown ist komisch in der Manege. Aber was wäre die normale Reaktion, wenn sich um Mitternacht die Tür öffnet und derselbe Clown dasteht - im Mondlicht?) In der 58er "Fliege" hat ein Wissenschaftler einen Materie-Transmitter erfunden. Seine Erfindung vergleicht er mit dem Fernsehen, sondern daß es sich nicht um Bilder, sondern um die Übertragung fester Körper handle. Er ist guten Mutes, mit dem Transmitter die dringensten Probleme der Menschheit zu lösen: Hungersnot werde es in Zukunft durch schnellen, billigen Transport von Lebensmitteln aus Ländern des Überflusses nicht mehr geben. Doch sind es nicht die Brotkrumen (Brot für die Welt, die Wurst bleibt hier), die der Forscher per Teleportation in die Dritte Welt beamt. Vielmehr steigt er, in einem Jekyllschen Selbstversuch, persönlich in den Desintegrator und taucht, am anderen Ende, mit dem Kopf einer Stubenfliege auf, die wiederum mit seinem Haupt herumsurrt. Beider Atome haben sich ungesund vermischt, als die Fliege versehentlich in den Desitegrator flog. Zum Schluß zerquetscht der Forscher sein abstoßendes Haupt unter einer hydraulischen Presse, während die Fliege mit dem menschlichen Kopf hilfeschreiend in einem Spinnennetz endet. Die Dreharbeiten damals waren offensichtlich eine Mordsgaudi. Vincent Price, einer der Darsteller, erinnert sich mit Vergnügen: "Herbert Marshall und ich mußten auf ein Spinnennetz blicken, in dem sich eine kleine Fliege verfangen hatte, die in Wirklichkeit mein Bruder war. Wir brauchten einen ganzen Tag, um diese Szenen zu filmen, denn wir lachten uns krank, die ganze Zeit. Am Ende mußten wir es Rücken an Rücken drehen - wir konnten uns nicht mehr ins Gesicht sehen."

Cronenbergs Hauptdarsteller Jeff Goldblum hatte freilich nichts mehr zu lachen: "Im Finale des Films wird es total extrem. An meinem gesamten Körper sind dann Props und künstlichen Insektenteile angebracht. Es ist, als würde man mit Händen und Füßen aus Schaumgummi in ein enges Trikot gezwängt sein." Und das zwanzig Drehtage lang, zehn Stunden pro Tag! Goldblum spricht von der Brundlefliege, einer Fusion des Wissenschaftlers Seth Brundle und einer Fliege auf molekulargenetischer Ebene. Obwohl er doch gar nicht auf Fliegen stehe, schüttelt Brundle den Kopf, als die Mutation unaufhörlich fortschreitet.

"Meine Fliege unterscheidet sich vom Original. Ich halte es nicht für ein Remake", versichert Cronenberg, der den filmischen Vorläufer als 15jähriger gesehen hat. Immerhin kriegt der Forscher keinen blödsinnigen Fliegenkopf, der ihn allerdings als Jahrmarktsschreck erträglich macht, sondern macht einen Mutationsprozeß durch, der ihn sukzessive, physisch wie psychisch, in einen völlig neuartigen Fliegenmenschen verwandelt. Die attraktive Journalistin Veronica, eine besonders begnadete Masochistin, die zum Schluß gar noch ein Kind von dem mutierten Forscher erwartet, Brundelfliege junior sozusagen, läßt das ganze Grauen aus nächster Nähe über sich ergehen, jene "tumorige Pest", den totalen fleischlichen Zerfall eines Menschen. Wie sich seine Fingernägel lösen. Wie seine Haut abgeht. Wie [ihm], hoppla!, ein Ohr abfällt: "Das ist eklig, nicht?"

Es fällt auf, das zu Beginn des Films das Essen eine nicht unwesentliche Rolle spielt. Brundle und Veronica dinieren in einem ungastlichen Fast Food Restaurant. Etwas später verschlingen sie Steaks. Cronenbergs Horror hat, in vielfältiger Weise, mit Fleisch zu tun. Vergessen wir nicht, daß die großen Industrienationen, allen voran die Amerikaner und die Bundesdeutschen, die größten Fleischvertilger der Welt sind. So etwas muß sich zwangsläufig auch kulturell auswirken. Kulturelles Interesse an Frischfleisch. Burger King und McDonald´s im Zentrum jenes neuen kulturellen Interesses, als gleichsam kulturelle Institutionen des ausgehenden 20. Jahrhunderts.

Dennoch, Cronenbergs "Fliege" ist nicht gerade appetitanregend. Ich habe den Regisseur in Hamburg getroffen, wo er für sich und sein Machwerk warb (außerhalb Amerikas fließen ihm nämlich Prozente aus den Einnahmen zu). Ich habe ihm gesagt, wie ekelerregend ich diesen Film finde. Er freut sich: "Das ist ein Kompliment. Ein wunderbares Kompliment." - "Wirklich?" - "Sicher!" Dann will er mich belehren: Er habe keinen ekelerregenden Film gemacht, o nein! Will mir weißmachen, ich würde das nur so empfinden, weil ich mit gewissen Realitäten nicht im reinen sei, die die Welt im allgemeinen und den menschlichen Körper im besonderen beträfen. "Ich fordere Ihr ästhetisches Empfinden vorsätzlich heraus," nuschelt er. "Wenn Sie sich zum Beispiel Ihren Bauch aufschneiden, widern Sie dann Ihre Eingeweide an?" Cronenberg mustert mich überlegen: "Jetzt müssen Sie ja sagen. Ganz klar!" Klar? Klar ist mir nur, daß ich kein Harakiri begehe, schon gar nicht Cronenberg zuliebe. Außerdem, führe ich aus, gehe es mir, wenn ich seinen Film ekelerregend nenne, nicht um seine McDonald´s und Burger King entlehnte Ästhetik: da hätte ich schon weit Schlimmeres gesehen, visuell Schlimmeres, sondern um die damit verbundene Ideologie totaler Entmenschlichung.

Cronenberg beäugt mich durch den Schutz seiner Brille. Er ist klein, noch kleiner als ich, schmächtig, schüchtern und aggressiv zugleich. Mich würde nicht wundern, wenn er nur deswegen auf dem Schulhof keine Dresche bezogen hätte, weil er "Brillenschlange" tituliert wurde. Der typische Außenseiter. Ein Einzelkind vermutlich. Und Muttersöhnchen. Dem Presseheft entnehmen wir über die familiären Verhältnisse des  am 15.Mai 1943 in Toronto geborenen "Prinzen des modernen Horrorfilms": "Seine Mutter war eine Musikantin, sein Vater Schriftsteller, der unter anderem als Herausgeber der 'True Canadian Crime Stories' fungierte. David wollte in die Fußstapfen seines Vaters treten." Die Fußstapfen des Vaters, der Geist der Mutter, die natürlich  nicht als Musikantin zum Tanz aufspielte, sondern als Pianistin ihren Sohn kulturell verhätschelte. Bis zu ihrem Tod bestand zwischen den beiden eine enge Bindung. Ob sie seine Filme gesehen habe, frage ich Cronenberg. "Jemand in Kanada schrieb mal in der Zeitung, er wette, ich nähme meine eigene Mutter nicht mit in meine Filme. Meine Mutter schrieb darauf einen Leserbrief: Nicht nur habe sie alle meine Filme gesehen, sie möge sie auch, " triumphiert Cronenberg, flüstert dann jedoch einschränkend etwas vom liebenden Mutterherz, das, wie schlimm es auch sei, nur für ihren Sohn schlägt.

Bindungen sind es auch, die Cronenbergs Filme so unverwechselbar machen. Liebesgeschichten. Allerdings nicht Geschichten von normaler Liebe. Was Cronenberg unter einer normalen Liebesgeschichte versteht? "Eine Geschichte von einem Paar, in der ein Partner an Krebs erkrankt und den anderen bittet, ihn zu töten - sie (!) tut es und das ist das Ende des Films. Sowas langweilt mich. In Amerika im Fernsehen stirbt in den Soap Operas dauernd jemand an Krebs." In Cronenbers seltsamen Liebesgeschichten ist unabdingbare Voraussetzung, daß einer der Partner so richtig monströs wird. Liebe, die nicht nur durch den Magen geht, sondern ihn gleich aufwühlt, die Innereien zur Explosion bringt (erinnern Sie sich an den explodierenden Kopf in Cronenbergs "Scanners"?) Liebe, die im Matsch von "Creeping Flesh" (so der Titel eines britischen Gruselfilms von 1972) endet. Jede Liebesaffäre, findet Cronenberg, ende damit, daß einer der beiden Partner monströs wird, im Alter dahinsiecht und stirbt. Einer erlebt des anderen Zerfall und Tod. Und das ist stets eine schmerzliche Erfahrung." Das menschliche Fleisch wird alt, es verschrumpelt und verfault. Bis der Tod als Scheidungsrichter auftritt und die Verbindung des alten Fleisches mit der Sense trennt. Warum der sich so für den Tod interessiere, will ich von Cronenberg wissen. Die Antwort ist simpel: "Weil ich weiß, daß ich selber sterben werde." Die masochistische Todessehnsucht der dekadenten Überflußgesellschaft - sie beherrscht die Alpträume des Muttersöhnchens Cronenberg in einer Weise, daß ihm selbst angst und bange wird: "Ich fürchte mich vor meinen eigenen Filmen. Sie sind wie Alpträume, die ich trotzdem anderen mitteilen muß." Diese anderen sind das zahlende Publikum.

Nun hätte ich auch Angst (vor mir), wenn ich solche Filme machen würde wie David Cronenberg. Sein "Frühwerk" ist übrigens in diesem Zusammenhang ergiebiger als seine letzten Sachen ("Videodrome", ein durch Verschwörungsangst gezeichneter Flop, und die Stephen-King-Verfilmung "Dead Zone" des "Movie Mafioso" Dino De Laurentiis).

In Cronebergs erstem kommerziellen Film, "Parasiten-Mörder", setzt ein ältlicher Medizin-Professor seine junge Geliebte einem selbstgebrauten Aphrodisiakum aus, das eine wurmähnlichen Parasiten erzeugt, der sich bei sexuellem Kontakt überträgt und die Bewohner eines luxuriösen Appartmenthauses infiziert. Resultat: Die Befallenen legen ein völlig unkontrolliertes, aggressives Verhalten an den Tag, verbunden mit ungewöhnlichen sexuellen Begierden. "Ekel, Ensetzen und Todesgrauen lähmen die Bewohner des Hochhauses und machen sie zu leichten Opfern der Mörder-Parasiten..." (Neues Film-Programm). Ganz ähnlich die "Aussage" von Cronenbergs nächstem Streich - "Rabid -  der brüllende Tod" oder "Der Überfall der teuflischen Bestien": Ein Schönheitschirurg nimmt an einer jungen Frau, die bei einem Motorradunfall schwer verletzt wurde, eine verbotene Gewebetransplantation vor, was, unglückliche Nebenwirkung, einen vampirischen Stachel erzeugt, der männliche Opfer aussaugt und in tollwütige Amokläufer verwandelt. Die Liebe bringt halt nichts Gutes, sondern verzehrt den Menschen. Oder anders ausgedrückt: Liebe steckt an! (Ein zur Zeit sehr aktuelles Thema.)

Dennoch sieht man Cronenberg diese furchtbaren Ängste nicht an, wenigstens nicht auf den ersten Blick. Dafür ist er zu unscheinbar. Martin Scorsese hat mal gesagt,  würde er jemals die Rolle eines Horrorfilmregisseurs zu besetzen haben, er würde sie niemals Cronenberg geben. Der sehe noch eher aus wie ein Beverly-Hills-Gynäkologe (Cronenberg hat sich einen Spaß daraus gemacht, in der "Fliege" kurz als solcher aufzutreten). Warum kommt mir ausgerechnet jetzt in den Sinn, daß die Brillenträger Himmler und Eichmann nicht weniger harmlos aussahen? Himmler konnte, nebenbei, ebensowenig echtes Blut sehen wie Cronenberg. In zahllosen Hollywood-Filmen habe er gesehen, wie sich die Leute prügeln, aber wenn in einer Bar eine Schlägerei stattfinde, werde ihm ganz schlecht, beteuert Cronenberg mit besorgter Miene.

Schlecht wird ihm auch, als ihm eine Fotografin "zwingt", sich für eine Aufnahme eine künstliche Fliege auf die Nase zu kleben. Nicht die Fliege ist es, vor der er sich ekelt, sondern der Klebestift. Könnte krebsfördernd sein, bestätige ich seine schlimmsten Befürchtungen. Absolut! pflichtet er mir bei: Das sei nicht gemacht, um es auf die Haut aufzutragen. Trotzdem klebt er. Was man nicht alles tut, um an seinem schmutzigen Film zu verdienen.

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