Tagesspiegel, 9.12. 1993

  

Mann liebt Frau liebt Mann

Der Diplomat and der Pekinger Opernstar: David Cronenbergs Film "M. Butterfly"


Der Fall soll authentisch sein. Mitte der sechziger Jahre begann in China zwischen einem französischen Diplomaten und einem Star der Peking-Oper eine bittersüße Romanze - sie dauerte viele Jahre. Den tragischen Schlußpunkt setzte erst ein Prozeß, mit dem nicht nur ans Licht kam, daß der Diplomat von Anfang an von der Diva bespitzelt wurde, er offenbarte außerdem, daß die chinesische Geliebte in Wirklichkeit ein Mann war.

Der kanadische Filmregisseur David Cronenberg hat daraus eine kühl-erotische Tragikomödie gemacht, Nicht unbedingt ein Cronenberg Thema, sollte man meinen, denn mit künstlichen Monstern und horrorartigen Metamorphosen des Fleisches, wie sie in seinem bisherigen Werk zu besichtigen waren, hat dieser Film nichts zu tun. Und doch: hat Cronenberg sich nicht schon immer auch mit Reisen in die Innenwelt beschäftigt, mit nicht eindeutig festlegbarem erotischen Begehren, mit sexueller Ambivalenz?

Beide, der Angestellte der französischen Botschaft wie auch der Chinese, sind zwittrige Wesen, die eher in einer sexuellen Utopie zu leben scheinen als in der realen Welt. Sie führen ein Doppelleben, Gallimard (Jeremy Irons) zwischen Ehefrau (Barbara Sukowa) and Geliebter (John Lone), während sie nicht nur auf der Bühne agiert, sondern sich als Agentin auch auf der politischen Szene betätigt. Gallimard müßte, genau wie der Zuschauer, eigentlich auf den ersten Blick sehen, daß Song Liling, die Darstellerin der Madame Butterfly, ein Mann ist. Song Liling, herb, flachbrüstig and mit einem Schimmer von Schnurrbart über dem schmalen Mund, ist, ganz anders als Leslie Cheung in Cheng Kaiges Film "Lebewohl, meine Konkubine", für jeden sofort als Mann in Frauenkleidern zu erkennen. Aber was Gallimard nicht wissen will, erfragt er auch nicht, das ist sein Glück and sein Unglück zugleich. Als Song Liling vom Richter im Prozeß gefragt wird, ob Gallimard nicht wußte, daß er ein Mann ist, antwortet er:  "..Wissen Sie, Euer Ehren, er hat nie gefragt."

Gallimard genügt es, verliebt zu sein and von dem schönen Asiaten das zu bekommen, was er braucht, Vielleicht ist er seinem innersten Wesen nach auch sexuell eher furchtsam, die leider nur knapp angedeutete Beziehung zu seiner dominant-aggressiven Ehefrau legt diese Vermutung nahe. Wieweit überhaupt seine "Eroberung" der Chinesin geht, spart Cronenberg aus, der Zuschauer erfährt nur, daß Gallimard die Geliebte niemals nackt sieht, Vielfältig sind die Formen der Liebe - aber die Möglichkeit eines gemeinsamen Kindes, das Song Liling dem Franzosen unterschiebt, gibt doch Rätsel auf.

Wie auch immer, es ist die Geschichte einer Obsession, sehr kühl, sehr kalkuliert and mit ironischer Distanz erzählt. Und doch ist sie von bewegender Intimität. Gallimard verfällt dem Opernstar mit Haut and Haaren. Peking erscheint als irrealer, unheimlicher Ort, bald kennen wir Gallimards wie in Trance zurückgelegten nächtlichen Schleichweg durch schmale dunkle Straßen zum geheimnisvoll and verlockend schimmernden Haus der Geliebten, die seine Lust anscheinend so vollkommen befriedigt: "Nur ein Mann weiß, was von einer Frau erwartet wird", vertraut Song Liling einmal seinem Tagebuch an. Inzwischen steigt Gallimard ohne eigenes Verdienst beruflich auf, wird dann aber fallengelassen - es ist ihm egal. Er hatte, Wanderer in einer anderen Welt, den Vietnamkrieg und die Situation Indochinas falsch eingeschätzt.

Die politischen Ereignisse treiben das Paar auseinander. Gallimard wird nach Paris versetzt, wo die demonstrierenden Studenten mit Mao-Bibeln durch die Straßen ziehen, Song Liling wird von der Kulturrevolution überrollt, die Künstler als Staatsfeinde betrachtet and auch Song Liling zur Landarbeit in ein Umerziehungslager steckt. Als er, endlich frei, zu Gallimard nach Paris reist and ihn zur Spionagetätigkeit überredet, werden beide verhaftet.

Für Gallimard besteht der eigentliche Schock durchaus nicht in der Erkenntnis, daß Song Liling ein Mann ist. Sein Leben ist zerstört, weil sein Gefühl, Teil einer großen Liebesbeziehung gewesen zu sein, sich als Wahn erweist. In Wirklichkeit war Gallimard das Opfer von Lug and Betrug. Sein Harakiri-Selbstmord im Gefängnis faßt die ganze Tragödie noch einmal in einer einzigen, grandiosen Szene zusammen. Vor seinen Mitgefangenen gibt Gallimard, geschminkt und in chinesische Gewänder gehüllt, eine Vorstellung der Puccini-Oper. Nun ist er Madame Butterfly: betrogen, verlassen, todesbereit. CARLA RHODE