Tagesspiegel, 3.5.1992

          Von der Angst, berührt zu werden 


Gespräch mit David Cronenberg, der William S. Burroughs' Roman "Naked Lunch" zu verflmen versucht hat

Der kanadische Regisseur . David Cronenberg hat das Wagnis unternommen, ein Kultbuch der Beat-Generation zu verfilmen: "Naked Lunch" von William S. Burroughs. In den vergangenen 25 Jahren hatte sich Cronenberg vor allem durch seine Leistungen im Horror-Genre einen Namen gemacht. Allerdings haben die Schreckensvisionen des 49jährigen wenig mit den Metzgerspielchen in den sogenannten Splatter-Filmen gemein.


TAGESSPIEGEL: Sie behaupten, eine werkgetreue Verfilmung von ,.Naked Lunch" würde 400 Millionen Dollar kosten. Wie kommen Sie darauf?

CRONENBERG: Ich wollte dann ausdrücken, daß es eine Illusion ist, ein Buch zu verfilmen. Ich bin fast davon überzeugt, daß alle Bücher unverfilmbar Bind - es sei denn, man würde sie Seite für Seite abfilmen. Die Ausdrucksmöglichkeiten durch Sprache Bind viel weitreichender, als sie durch Filmbilder je sein können. Mein

Film ist daher eher eine Meditation über Burroughs, über das Schreiben von "Naked Lunch".


TAGESSPIEGEL:
Im Film lassen Sie Bill Lee, Burroughs Alter ego, nach dem Mord an seiner Frau in die "Interzone" fliehen. Was bedeutet dieser fiktive Ort
für Sie?

CRONENBERG: Man muß bedenken, daß Burroughs tatsächlich 1951 seine Frau im Drogenrausch erschossen hat, eine Tragödie, die ihn - nach eigener Aussage - letztlich zum Schreiben gebracht hat. Burroughs floh damals nach Tanger, Bill Lee in die "Interzone", einem halluzinatorischen Ort, wo ihn jeder als das erkennt, was er eigentlich ist: ein Dichter und Homosexueller. Aus Angst vor dieser Selbsterkenntnis versucht er, sich mit Drogen and Schreiben abzulenken. Seine unterdrückten Gedanken kehren als gigantische Tausendfüßler and Käferschreibmaschinen zurück, die ihm sagen, was er tun Boll. Er ist zwar, da es sich um Einbildungen handelt, nicht im selben physikalischen Raum wie diese Kreaturen, wird aber in seinem Unterbewußtsein - um mit Freud zu argumentieren - von ihnen bestimmt. Das ist purer Horror.

TAGESSPIEGEL: Glauben Sie nicht, daß Horror sich eher psychisch denn physisch manifestiert?

CRONENBERG: Nein, ganz im Gegenteil. Auch wenn die meisten zivilisierten Kulturen versuchen, unser Bewußtsein vom Körper abzukoppeln, bin ich fest davon überzeugt, daß jede Art von Horror physischen Ursprungs ist. In meinem Film "Die Unzertrennlichen" habe ich das auf sehr direkte Weise veranschaulicht. Es ist unser eigener Körper, der uns mit Abscheu erfüllt. Ist es nicht bemerkenswert, daß der Mensch das einzige Lebewesen ist, das zum Selbstekel fähig ist? Die Angst, berührt zu werden, ist ein weiterer wesentlicher Aspekt. Kein Mensch fürchtet sich vor Riesenspinnen, wenn er nicht gedanklich einen möglichen physischen Kontakt mit ihnen herstellen könnte.

TAGESSPIEGEL: Warum setzen Sie diese Horror-Objekte in Ihrem neuen Film als  Lust-Objekte ein? -

CRONENBERG: Ich wollte die Sexualität,  die bei Burroughs gelegentlich pornographische Züge hat, nicht durch die Schauspieler ausdrücken lassen, weil der Zuschauer sich dann zu sehr auf die Darstellung fixiert hätte. Durch Abstraktion ist es ihm eher möglich, die Sexualität im Zusammenhang zu sehen.

TAGESSPIEGEL: In Ihren letzten Filmen enden die Protagonisten in Selbstvernichtung. Ein Ausdruck Ihres grundsätzlichen Pessimismus?

CRONENBERG: Ich möchte dies nicht als einen nihilistischen Affront gewertet wissen, eher als Erlösung. Für mich bedeutet die Gewißheit, einmal sterben zu müssen, eine große Erleichterung. Weil der Tod unsere Existenz einmal beendet, haben wir die Chance, unsere eigene Realität zu erfinden.

TAGESSPIEGEL: Das Bewußtsein isf eben alles andere als eine konstante Größe. Es kann durch Drogen verändert werden.

CRONENBERG: Das ist etwas, was mich schon immer sehr fasziniert hat, das Wechseln von einer Realität in die nächste. Man stelle sich nur einmal vor, der menschliche Körper hätte ein Organ, das LSD produzieren würde. Wie würde unser Planet wohl dann aussehen?

Das Gespräch führte Ulrich Lössl