Tagesspiegel, 4.3. 1993

Feuilleton

Land der Käfer und Gurken

David Cronenbergs Film "Naked Lunch " nach Burroughs / Von Harald Martenstein


Nehmen wir an, der Computer, auf dem dieser kleine Text gerade entsteht, würde sich in ein Insekt verwandeln. Sagen wir: in eine Art Käfer, and er begänne zu sprechen, nicht etwa mit dem schönen Käfermund, nein, mit dem garstigen Anus. Ein Vorfall, der jedem Autor zu denken and die Gelegenheit gibt, mal wieder das halbvergessene Wort ,.kafkaesk" hinzuschreiben, damit es aus der nächsten Duden-Auflage bestimmt nicht getilgt werden möge. Wie kommt es dann aber, daß die literarisch zu ergiebige Verwandlung einer Schreibmaschine in ein Ungeziefer im Kino nur als freiwillig oder unfreiwillig komischer Vorgang möglich zu sein scheint and nicht anders - also nicht tragisch, nicht erschreckend, nicht bewegend? Jetzt ist dieser Text gerade neunzehn Zeilen alt and muß schon Allerweltsweisheiten verkünden: das mit dem Käfer and der Schreibmaschine hängt mit der unbegrenzten Bildkraft unserer Phantasie and sehr begrenzten Kraft der abbildenden Künste zusammen. Den größten Horror verursacht allzumal das, was unsichtbar bleibt. Was sichtbar wird, verliert im Kopf an Kraft.

Der kanadische Regisseur David Cronenberg ist einer, der es sich trotzdem zum Ziel setzt, das Unsichtbare sichtbar zu machen. In seinen Filmen kommen oft überdimensionierte Insekten oder insektenähnliche Mutanten vor, was mit sehr sonderbaren, aber von einem liberalen Blatt unbedingt zu respektierenden Obsessionen Cronenbergs zu tun haben muß. Weil dies ein Regisseur mit viel Gespür für Stimmungen, für die Dosierung von Effekten and für das rechte Erzähltempo ist and weil sein Bestiarium stets von kundigen Ausstattern zusammengeleimt wird, entstehen unter seiner Hand skurrile schwarze Komödien, die nur auf den ersten Blick düster wirken and noch dazu zivilisationskritisch interpretierbar sind. Er selber hält seine Produkte für ambitionierte Horrorfilme. Vielleicht wollte Cronenberg mit der filmischen Umsetzung des bekannten Buches "Naked Lunch" von William S. Burroughs aus dieser Ecke heraus and seinem J recht erfolgreichen Leben eine Wende in eine kulturhistorisch nicht ganz so umstrittene Richtung geben.

"Naked Lunch" ist im Delirium dahingeschrieben von einem, der sich am Rande seiner Existenz befindet. Einige Jahre, bevor das Buch entsteht, das er "Roman" nennt, hat Burroughs unter Drogeneinfluß seine Frau erschossen. Er ist ein Junkie, angewiesen auf die verschiedensten Drogen, und er macht aus dieser Tatsache sowenig ein Hehl wie aus seiner Homosexualität. So sicherte allein schon die Skandalwirkung im prüden Jahre '59 "Naked Lunch" eine gewisse Aufmerksamkeit. Hinzu kommt, daß der recht sprunghafte Erzählstil, der sich beim Schreiben unter Heroineinfluß wohl gar nicht vermeiden 1äßt, genau dem entsprach, was die literarische Avantgarde seit einigen Jahrzehnten für gut, richtig and modern erklärt hatte. Burroughs steht in der Villon-Tradition, ein klassischer poete maudit, ein Dichter der Boheme, auf der Höhe des Lebensgefühls der erst herauf-, dann herabdämmernden beat generation, die sick vor der Nüchternheit ihrer Väter in einen Zustand immerwährenden Bedröhntseins zu retten sucht. Man las dazu französische Bücher and lebte das Kamasutra.

Natürlich hat sick ein ehrgeiziger Genrefilmer wie Cronenberg einem so verehrten Text wie diesem nicht mit dem klapprigen Verbandskasten der Literaturverfilmung genähert. "Naked Lunch" kombiniert Motive aus dem Roman mit Ereignissen aus dem gewissermaßen realen Leben des Autors (dargestellt von Peter Weller) - der Tod der Frau, ein Aufenthalt in Nordafrika. New York, Tanger, der fiktive Ort "Interzone", Rausch, Visionen, Leben and Literatur bilden in Cronenbergs "Naked Lunch" ein schwer durchschaubares Gespinst. Und das Gefühl der Desorientiertheit, das sich beim Betrachter bald einstellt, soll sicher der berauschenden Wirkung der Burroughs-Lektüre entsprechen, der sich Cronenberg in seiner Jugend ausgiebig hingegeben haben will.

In kleineren Rollen tauchen vertraute Gesichter auf: Roy Scheider and Julian Sands. Eine Hauptfigur aus den Halluzinationen des William S. Burroughs aber, der "Mugwump", hockt als gurkenähnliches Geisterbahngeschöpf auf einem Barhocker, sein Haupt bedecken makkaroniartige Röhren, aus denen es gallt, schleimt and geifert. Cronenberg sucht, soviel hat man bis dahin begriffen, den "Geist", die Essenz von "Naked Lunch" oder wie immer man das geheimnisvolle kleine Dings nennen will, das einem Kunstwerk in unseren Breiten den besonderen Kick gibt. Doch wer immer jene geheimnisvolle Fee sein mag: so wie E. T. sieht sie wahrscheinlich nicht aus.