Tagesspiegel, 11.1. 1987

Horror der trivialen Art

 

Zu einer David Cronenberg-Retrospektive im Sputnik

 

Der kanadische Filmregisseur David Cronenberg ist ohne Zweifel ein Autor - writer und director seiner Filme in einer Person. Eindeutig erweist er sich als der Kopf hinter den Obsessionen seiner Filme.

Immer wieder erzählt er eine ähnliche Geschichte: Ein fanatischer Wissenschaftler - sein erklärtes Alter Ego - will die Welt durch Eingriffe in den meist weiblichen Körper verändern, verbessern. Doch der erweist sich als zu komplex, um dies ohne Konsequenz mit sich geschehen zu lassen; alles gerät aus den Fugen, ein ausgesprochen physisches Chaos, dem auch sein Urheber zum Opfer fällt, breitet sich epidemieartig aus. Am Ende ist die Gefahr nicht ganz gebannt, trotz aller Erleichterung ist letztlich nur der vorläufige Höhepunkt überwunden, immer bleiben Unsicherheiten, ganz zu schweigen von den Schäden, die die Beteiligten solcher Greuel davongetragen haben müssen, in "Shivers" (1975), in "Rabid" (1976), in "The Brood" (1979), in "Scanners" (1980), in "Videodrome" (1982).

Ohne je tatsächlich dieselben oder ähnliche Geschichten zu erzählen, konstatiert Cronenberg in seinen Filmen innerhalb wiederkehrender Themen - wie Wissenschaft, Medizin, Psychologie, Telepathie, Sex, Familie, Medizin - die Unordnung und Undurchschaubarkeit der Welt. Ohne dabei selbst einen sicheren Standpunkt zu haben.

"More blood! More blood!" soll David Cronenberg bei den Dreharbeiten immer wieder rufen. Doch das allein ist es auch noch nicht, was seine Horrorfilme unverwechselbar macht, denn weit über die Blut- und Organspritzereien der Splatter-Movies hinaus formt Cronenberg Neues. Dort, wo Jacques Tourneur noch mit der sauberen Ur- und Grundangst des Menschen vor der Dunkelheit Horror schuf, geht Cronenberg dem Zuschauer im wahrsten Sinne unter die Haut; statt mit Kindheitsängsten zu arbeiten, erweitert er das Spektrum auf die, wie er sagt "Erwachsenenängste" vor Alter, Tod und Krankheit.

Was dabei herauskommt, spielt sich im Lichte des Alltags, in der Neonhelle von Wohnungen, Appartement- und Krankenhäusern ab: Deutlich und detailliert wird Abstoßendes entworfen. Flüssiges, Glitschiges, Waberndes, Sekret, Schleim, Blut. Freigelegtes, wucherndes Fleisch. Körper öffnen sich, verformen sich, Organe entwickeln ein Eigenleben, Hände werden zu Schußwaffen aus Fleisch. Cronenbergs Bilder rühren an mittelalterliche Visionen von der Vergänglichkeit des Fleisches; an eine Vorstellung, derzufolge der Mensch nur ganz äußerlich betrachtet schön ist, während unter der nur dünnen Haut schleimige Eingeweide pulsieren. Cronenberg geht noch weiter: "Es gibt wahre Schönheit in einigen Dingen, die andere abstoßend finden." Der triviale Horror hat bei Cronenberg eine wenn auch fast Pop-plakative so doch in vieler Beziehung komplizierte Seite. Trotz der Sorgfalt, mit der Cronenberg die physischen Effekte inszeniert, läßt er seine Schauspieler nicht hinter ihnen verschwinden: Das Wunder, die Faszination und das Grauen in den Gesichtern von Marilyn Chambers ("Rabid"), Samantha Eggars ("The Brood"), James Woods ("Videodrome") oder Christopher Walen ("Dead Zone") bleibt ebenso in Erinnerung wie ihre spektatkulären Deformierungen.

Kritik wie Publikum begegnen seinen Filmen mit höchstem Lob, aber auch mitunter mit vernichtendem Urteil. Cronenberg selbst ist sich der Gefahr bewußt: "Ich bin sicher, es gibt einen Punkt, an dem man beginnt, einen großen Teil des Publikums zu verlieren, da man zu extrem ist. Dann wieder ist einer der Gründe, warum die Leute meine Filme gerne sehen, daß sie erwarten, daß ich weiter gehe, als sie es selbst tun würden."

Und Martin Scorsese sagt: "Ich bin zu feige, 'Shivers' ein zweites Mal anzusehen, ganz zu schweigen von 'The Brood'; sie sind einfach zu beunruhigend. Ich denke viel an seine Filme. Ich wünschte, ich würde es nicht tun. Ich erwarte die neuen. Ich wünschte, ich würde es nicht tun. Sie haben immer noch die alte Kraft."

Anke Sterneborg

 

Das Sputnik zeigt noch bis zum 14. Januar Filme von David Cronenberg, darunter auch die ganz frühen: "Stereo" und "Crimes of the Future". Außerdem wird auch der in Deutschland ebenfalls nie im Kino gezeigte "Videodrome" zu sehen sein

(FS)