Uncut, Heft 3 / 1992, p.62

Crimes of the Future & Parasiten-Mörder

 

In beiden Filmen stehen nicht Charaktere im Vordergrund sondern sachliche gefilmte Raum-Aktionen. Splatter-Fans wurden beim 4. Howl-Weekend of Fear- Festival von "c.o.t.f." bitter enttäuscht. Viele verließen schon nach wenigen Minuten das Kino, was aber nicht nur an mangelnden Blutszenen lag, sondern auch an der Tatsache, daß es keine Handlung gab. Eine Merkwürdigkeit nach der anderen - Unterwäsche und Socken - werden von zwei Personen aus einem Beutel getan, begutachtet und ohne Worte wieder hineingestopft. In einer anderen Sequenz hält sich eine Person den nackten Fuß einer anderen gegen den Kopf und konzentriert sich in Scanner-Manier, was dem anderen die bekannten Kopfschmerzen einbringt. Die Architektur ist in beiden Filmen ähnlich, 70er Jahre Hochhaus-Bauten, sprich nackter Beton mit ein paar Löchern. Für jeden Architektur-Studenten ein Muß, aber dann heißt es: ES ANDERS MACHEN.

In Parasitenmörder kommt es, im Gegensatz zu Crimes of the Future, zur Auflösung "verklemmter Interaktionen", da wird angebaggert: "ICH WILL LIEBE MIT DIR!" (Zitat einer korpulenten Dame, die aus ihrem Apartment in den Flur des Starliners tritt). Da wird nicht lange gefackelt. Ein Kind stürzt sich über ein[en] am Boden liegenden Aufsichtsbeamten und gibt ihm einen deftigen Kuß mit Folgen. Es bringt Spaß, dem Treiben der kleinen phallus-artigen Parasiten zuzugucken. Einmal von ihnen befallen, ist sofort Konsens mit anderen Infizierten da, und der heißt: SEX. Auf Teufel komm raus, mit allem und jedem, immer und immer wieder. Das Happy-End gehört dann doch den Parasiten, die nach erfolgreicher Eroberung des Starliners sich anschicken, die ganze Welt anzustecken mit dem Ziel: SEXUELLE REVOLUTION. Hat in Wirklichkeit ja auch eine ganze Zeit lang funktioniert.

Das alles findet sich in Crimes of the Future nicht. Anstatt, daß die agierenden Charaktere miteinander reden oder anbaggern, wird häufig irgendein Sabber konsumiert (ähnelt stark dem Sabber aus Rabid (1976), mit einer fast teilweise namenlosen mitunter verwunderten Gestik. Der Sabber verbindet. Zu Ende hin zwei schöne Bilder eines Kindes, das auf einem Sessel sitzt. Eine andere Person betritt diesen Raum, zieht sich das Hemd aus, schaut das kind an, Kind schaut den Mann an, plötzlich bildet sich Sabber an ihren Mündern, der nach kurzer Zeit wieder mit den Fingern in den Mund gestopft wird. Aber vorher wird geguckt und lange aneinander beobachtet.

Diesen Artikel schickte und Martin Krützenfeld aus Hamburg, der hier seine Eindrücke über die Ur-Cronenbergs schilderte, die er auf dem Weekend of  Fear in Nürnberg sah. (Die Red.)